Van Gogh Alive: Walter Benjamin rotiert im Grab

Wo ist die Aura?, hätte Walter Benjamin beim Besuch der hoch gehypten Ausstellung "Van Gogh Alive" in Rio de Janeiro wohl gefragt. Nun, Benjamin ist bekanntlich tot, und auch der in Rio als "lebensecht" vermarktete Van Gogh wird nicht dadurch lebendiger, dass überall Menschen mit als intelligent bezeichneten Multifunktions-Apparaten photographierend und filmend durch die Säle streifen, gefangen im Bann ihrer technischen Reproduktionsmacht.

Nun gut, man kann tatsächlich einfachst und ohne Denkanstrengung in die Bilderwelten Van Goghs eintauchen, dafür sorgen hochauflösende Bildprojektionen im Riesenformat allüberall: Wände, Decken, Säulen, Fußböden... eine einzige bunte Farborgie. Fotographieren erlaubt! Weshalb es auch wirklich alle machen und sich wechselseitig durchs smarte Bild laufen - statt zu schauen. Na gut, das mag jetzt etwas übertrieben sein, aber mehr als nur Körnchen Wahrheit haftet dieser Beobachtung schon an.

Bespaßung statt Aura: Werk verschwindet hinter Inszenierung

Neu ist die Ausstellung nicht, zuvor war sie in London zu sehen, in Uppsala, Hamburg und so weiter. Ein echter Publikumsrenner eben. Ein voller Erfolg auf den so genannten "sozialen Medien" (klar, wenn alle in der Expo fotographieren). Lebenslustig und heiter streift die moderne Sozialmedienmenschheit durch das Leben des zutiefst verstörten Künstlers, lautsprecherbespaßt mit Vivaldi-, Pink Floyd- und Beatles-Klängen.

Bevor ich diesen Text hier verfasst habe, unterhielt ich mich mit einem meiner Euronews-Kollegen, der sich die Ausstellung in Hamburg angesehen hatte. "Es ist fast so, als ob das eigentliche Werk des Künstlers hinter der Inszenierung verschwindet", meinte Rasmus spontan - und damit ist Reiz und Risiko dieser Immersions-Performance (darf man hier noch das Wort "Ausstellung" verwenden?, ich melde hiermit Zweifel an!) präzise benannt. Eine Inszenierung hat ihren Reiz, wenn sie gut gemacht ist - und Van Gogh Live ist gut gemacht (sagt übrigens auch Rasmus). Die resolut sozialmediengerechte Inszenierung einer Künstlerexistenz am Rande des Wahnsinns, der Lebensmüdigkeit, der Verzweiflung kippt aber ab, ja wird zur Zirkusschau, wenn nirgendwo ein "echter Van Gogh" zu sehen ist.

Multimediales Zuballern: Benjamin dreht sich im Grabe um

Um auf Walter Benjamin und seinen bahnbrechenden Text "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" (1935 im Pariser Exil verfasst) zurückzukommen: In Rio (und überall dort, wo die Show haltmacht) wird die Stichhaltigkeit seiner Kunsttheorie vor Augen geführt. Als Kronzeugen möchte ich hierfür erneut - pardon - meinen Kollegen Rasmus zitieren: "Das multimediale Zuballern lässt die Aura der Bilder fast verschwinden."

Euronews: "Wie kommst Du denn darauf?"

Rasmus: "Ich hatte das große Glück, vor Jahren, als das MOMA seine Gemälde in Hamburg zeigte, den Sternenhimmel Van Goghs im Original zu sehen, das ist ganz was anderes, da bleibst Du stehen, Du kannst Dich in das Kunstwerk versenken, Du spürst seine Aura."

Euronews: "Und wie hast Du im Vergleich dazu Van Gogh Alive erlebt?"

Rasmus: "Na, ich habe einfach mal mein Smartphone genommen und bin da durchgelaufen."

Euronews: "Du hast gefilmt - statt gesehen?"

Rasmus (holt sein Smartphone aus der Tasche): "Hier, schau mal..."

(Zu Vivaldi-Klängen streift eine Schlaufon-Kamera durch einen Licht-Wald aus Viermeter-Köpfen mit abgeschnittenen Ohren)

Euronews: "Walter Benjamin rotiert im Grab..."

Natürlich sind nicht alle Menschen mit dieser Lesart einverstanden. Da gibt es die sogenannten Beeinflusser, allgemein eher als "Influencer" bezeichnet. Die haben mit Benjamin nicht so arg viel am Hut, und mit Van Goghs Aura auch nicht immer.

Andre Marinho ist einer von ihnen: "Es ist faszinierend", ein in der Influencer-Sprache häufig verwendetes Wort, "ein Gemälde in Bewegung zu sehen". Marinho weiter: "Das ist der wohl umwerfendste Teil der Ausstellung." - Influencer verwenden gerne Superlative, ein Mittel, das rare Gut der Aufmerksamkeit ihres Publikums zu erhaschen. Doch weiter im Interview: "Wir alle leben in einer Ära der Interaktivität (...) und die Umformung von Gemälden in Videos ist phantastisch!" - Ist es das wirklich?

Kurz, der Besuch der Ausstellung - wenn sie irgendwann einmal in Ihrer Nähe Halt macht - lohnt sich auf alle Fälle, sei es zum Abchillen, Musikhören, Filmchen drehen - oder einfach auch mal zum Nachdenken über die Grenzwertigkeit der totalen und permanenten Verfügbarkeit reproduzierter Kunstwerke.

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