Iraks Kurden verlieren weitere Gebiete

Irakische Sicherheitskräfte und Kämpfer der Popular Mobilization Forces, einer paramilitärischen Einheit der irakischen Regierung, stehen in Tuz Churmatu, rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad. Foto: AP/dpa

Am Montag zogen die Kurden aus der strategisch wichtigen Stadt Kirkuk ab und überließen sie der irakischen Armee. Einen Tag später müssen sie auch Ölfelder aufgeben. Ein eigener Staat rückt in weite Ferne.

Bagdad (dpa) - Einen Tag nach dem Verlust der strategisch wichtigen Stadt Kirkuk haben sich Iraks Kurden im Konflikt mit der Zentralregierung aus weiteren Gebieten zurückgezogen.

Irakische Sicherheitskräfte übernahmen kampflos unter anderem die beiden Ölfelder Bai Hassan und Avana nordwestlich von Kirkuk, wie die staatliche North Oil Company erklärte. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen verließen die kurdischen Peschmerga-Kämpfer auch den jesidischen Ort Sindschar und die Stadt Machmur.

Bereits am Montag hatten die Kurden praktisch ohne Widerstand die Stadt Kirkuk aufgegeben. Die gleichnamige Provinz gehört zu den ölreichsten im Irak. Damit haben die Kurden innerhalb von zwei Tagen fast alle Gebiete verloren, in die sie 2014 eingerückt waren, als die irakische Armee vor dem Ansturm der IS-Terrormiliz floh. Dabei handelt es sich um umstrittene Regionen, auf die die Kurden und Iraks Zentralregierung gleichermaßen Anspruch erheben.

Die irakische Armee sowie verbündete schiitische Milizen hatten ihren Vormarsch auf Kirkuk am Montag auf Befehl von Ministerpräsident Haidar al-Abadi begonnen. Damit reagierte die Zentralregierung auf Pläne der Kurden, sich vom Rest des Landes abzuspalten. Diese hatten sich in einem Referendum vor drei Wochen mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit ausgesprochen. Bagdad lehnt einen eigenen kurdischen Staat jedoch genauso ab wie die Nachbarn Türkei und Iran.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) rief alle Seiten zu Besonnenheit auf. Für die innerirakischen Spannungen gebe es keine militärische Lösung, teilte er mit. US-Präsident Donald Trump hatte zuvor erklärt, die USA wollten in dem Konflikt keine Partei ergreifen. Bei vielen Kurden im Nordirak machte sich danach Enttäuschung über die mangelnde Unterstützung Washingtons breit.

Die Peschmerga-Kämpfer galten bisher als einer der wichtigsten Verbündeten des Westens im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Auch Deutschland belieferte die Kurden mit Waffen und Ausrüstung, Bundeswehrsoldaten bildeten kurdische Kämpfer aus. Das Ausbildungsprogramm ist jedoch seit Freitag vorläufig ausgesetzt.

Der Verlust der Ölfelder Avana und Bai Hassan ist für die Kurden schmerzlich, da sie von hier aus Öl über eine Pipeline in die Türkei exportieren. Wegen des niedrigen Ölpreises und des Kampfes gegen den IS ist die Wirtschaft in Iraks Kurdengebieten ohnehin geschwächt.

Die von den Kurden aufgegeben Stadt Sindschar wird von Angehörigen der religiösen Minderheit der Jesiden bewohnt. Augenzeugen berichteten, zahlreiche jesidische Familien seien aus Angst vor den anrückenden regierungstreuen Milizen aus der Stadt in Richtung der kurdischen Autonomiegebiet geflohen. Die Peschmerga hatten die Sindschar-Region Ende 2014 aus der Gewalt des IS befreit.

Der Iran wies zugleich Meldungen zurück, in dem Konflikt seien auch iranische Truppen involviert. «Bei den Militäroperationen in Kirkuk spielen iranische Truppen und Revolutionsgarden keine Rolle», sagte Ali-Akbar Welajati, der außenpolitische Berater des obersten Führers, Ajatollah Ali Chamenei, nach Angaben der der Nachrichtenagentur Isna. Die schiitischen Milizen, die als Verbündeter der Armee mit gegen die Kurden vorgerückt sind, gelten als Teherans verlängerter Arm im Irak.