USA bereiten sich auf Unruhen nach der Wahl vor: "Dieses Jahr ist nichts normal"

·Lesedauer: 6 Min.

Amerikas Städte und Unternehmen spielen den Ernstfall durch: Geschäfte werden verbarrikadiert, Kommandozentralen eingerichtet – und Banken rüsten sich für Liquiditätskrisen.

USA, Washington: Geschäfte und Unternehmen in der Nähe des Weißen Hauses werden mit Holzplatten aus Angst vor Beschädigungen bei möglichen Ausschreitungen rund um die US-Präsidentschaftswahl geschützt. (Bild: Brian Cahn/ZUMA Wire/dpa)
USA, Washington: Geschäfte und Unternehmen in der Nähe des Weißen Hauses werden mit Holzplatten aus Angst vor Beschädigungen bei möglichen Ausschreitungen rund um die US-Präsidentschaftswahl geschützt. (Bild: Brian Cahn/ZUMA Wire/dpa)

Als Paul Marcus die großen Amerikaflaggen vor dem Wahllokal wehen sieht, wird er nervös. „Shit, das sind bestimmt Trump-Anhänger“, sagt er und zieht seine Maske zurecht, als er aus dem Auto steigt, „ich hoffe, die machen keinen Ärger.“

Der 35-Jährige mit Vollbart und Baseballkappe hat gerade seine erste Schicht als Wahlbeobachter begonnen. Er ist als Freiwilliger für eine überparteiliche Organisation in Colorado unterwegs, die sicherstellen will, dass Wähler vor den Wahllokalen nicht eingeschüchtert werden. Instinktiv greift Marcus zu seinem iPhone und beginnt zu filmen. Unter den Flaggen, 50 Meter von den Wahlurnen entfernt, haben sich Trump-Anhänger positioniert, die am Samstag vor der Wahl noch schnell Stimmung für den Präsidenten machen wollen.

Lesen Sie auch: US-Wahl 2020: Die wichtigsten Infos zum Duell Trump gegen Biden

Offenbar haben die Trump-Fans Schilder zu dicht am Wahllokal angebracht, die sie nun wieder einsammeln müssen. Die Polizei fährt vor, aus einem zivilen Fahrzeug steigt ein weiterer uniformierter Beamter. Die Situation wird schnell deeskaliert. Doch die Polizeipräsenz ist eigentlich nicht erwünscht. Denn sie könnte Wähler davon abhalten, ins Wahllokal zu gehen, wie es bei der Demokratischen Partei in Denver heißt.

„Es ist komisch“, sagt Marcus, der offiziell nicht mit Journalisten sprechen darf und seinen richtigen Namen daher nicht veröffentlicht wissen will. „Die Amerikaflagge sollte mich eigentlich nicht nervös machen. Genauso wenig wie die Anhänger einer anderen Partei.“ Der Demokrat hat früher selbst für einen regionalen Politiker gearbeitet und sich im Wahlkampf engagiert, ist daher mit dem politischen Zirkus eigentlich bestens vertraut. „Doch in diesem Jahr ist nichts normal.“

Dann erzählt er von dem Entsetzen, das sich bei ihm breitgemacht hat. „Die vielen Lügen, die Trump erzählt und die seine Anhänger auch noch glauben“, sagt er kopfschüttelnd. „Man kann schon lange keine politischen Diskussionen mehr führen. Wir reden aneinander vorbei oder besser gesagt: Wir schreien uns an.“

Marcus arbeitet eigentlich für ein Start-up, doch er verbringt die nächsten Tage als Wahlbeobachter, weil er trotz Pandemie irgendwas tun wollte. „So kann ich wenigstens meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass alles einigermaßen geregelt abläuft.“

Warnung vor Trumps „Brandstifter-Rhetorik“

Überall im Land laufen derzeit die Vorbereitungen für das Worst-Case-Szenario: Ausschreitungen, gewalttätige Auseinandersetzungen, Plünderungen – das alles hat das Land in diesem Jahr schon gesehen. Niemand weiß, was am 4. November passieren wird, doch alle wollen irgendwie gerüstet sein.

In Washington versucht man mit Holzplatten vorzusorgen, falls es im Zuge der US-Präsidentschaftswahl zu Ausschreitungen kommen sollte. (Bild: Brian Cahn/ZUMA Wire/dpa)
In Washington versucht man mit Holzplatten vorzusorgen, falls es im Zuge der US-Präsidentschaftswahl zu Ausschreitungen kommen sollte. (Bild: Brian Cahn/ZUMA Wire/dpa)

Die International Crisis Group, eine Organisation, die sich eigentlich der Vermeidung von Gewalt in Ländern wie dem Libanon und Äthiopien beschäftigt, hat in diesem Jahr zum ersten Mal einen Report über die USA veröffentlicht – und kommt zu einem beunruhigenden Schluss: „Die Brandstifter-Rhetorik von Präsident Donald Trump lässt darauf schließen, dass er Spannungen eher zusätzlich anfachen als sie beruhigen würde.“

Am Samstagabend, kurz nachdem Wahlbeobachter Marcus seine Schicht beendet hatte, verbreitete Trump ein Video an seine 87 Millionen Follower auf Twitter. Es zeigt, wie Trump-Fans in Texas mit ihren Pickup-Trucks den Wahlkampfbus von Biden und seiner Vizekandidatin Kamala Harris auf der Autobahn bedrängen. „Ich liebe Texas“, schwärmte Trump. Viele von ihnen seien bewaffnet gewesen, wie ein demokratischer Abgeordneter aus dem Bundesstaat mitteilte.

In den Innenstädten haben Einzelhändler unterdessen mit den Vorbereitungen begonnen. Egal ob in New York, Chicago oder Los Angeles: Schaufenster werden mit Sperrholzplatten verdeckt.

Der Rodeo Drive in Los Angeles wird am Wahltag gesperrt, sowohl für Autos als auch für Fußgänger. Einige Geschäfte auf der Magnificent Mile, Chicagos bekannter Einkaufsstraße, werden am Dienstag geschlossen bleiben. Die Fast-Food-Kette Chipotle hat sich Notfallpläne zurechtgelegt, falls es zu Ausschreitungen kommen sollte, um die Mitarbeiter und die Gebäude zu schützen.

„Eine Sache, die ich in diesem Jahr gelernt habe, ist, dass man auf wirklich alles vorbereitet sein muss“, sagte CEO Brian Niccol dem Finanzdienstleister Bloomberg. „Viele Dinge sind eingetreten, die ich nie für möglich gehalten hätte.“

CEO drängt Kunden, für Biden zu stimmen

Amerikas größter Einzelhändler Walmart hatte vergangene Woche nach Ausschreitungen in Pennsylvania Waffen und Munition aus den Regalen räumen lassen und angeordnet, sie nur auf Anfrage zu verkaufen. Mittlerweile sind sie jedoch wieder zurück in den Regalen, weil die Spannungen nur auf wenige Orte begrenzt waren, teilte das Unternehmen mit.

Der CEO des Softwareanbieters Expensify, David Barrett, schrieb Ende Oktober eine E-Mail an seine zehn Millionen Nutzer und rief sie dringend dazu auf, für Biden zu wählen. Alles andere sei „eine Stimme gegen die Demokratie“.

Lesen Sie auch: News und Hintergründe zur US-Wahl 2020 im Überblick

Die Polizei in Denver, Colorado, hat zum ersten Mal zum Wahltag eine Kommandozentrale organisiert. Sicherheitsexperten sollen so mögliche Ausschreitungen besser in den Griff bekommen können, erklärte Murphy Robinson, der für die öffentliche Sicherheit der Stadt verantwortlich ist. Zum ersten Mal wurde so eine Kommandozentrale zu den „Black Lives Matter“-Protesten im Mai eingerichtet.

„Dieses Jahr ist alles anders“, gibt Robinson zu bedenken und verweist auf die Pandemie, die Proteste gegen Rassengewalt und die aufgeheizte Stimmung rund um die Wahl. „Diese Spannungen haben uns dazu veranlasst, uns anders als je zuvor auf die Wahl vorzubereiten“, sagte er am Donnerstag im Gespräch mit Journalisten.

Die Stadt stellt sich auf eine längere Phase der Spannungen ein. „Meine größte Sorge ist nicht die Wahlnacht, sondern das, was danach passiert“, so der Sicherheitschef der Stadt. Schließlich könnte es Tage oder Wochen dauern, bis das endgültige Wahlergebnis feststeht.

US-Präsident Donald Trump heizt die Menge seiner Befürworter in Miami, Florida an. (Bild: Eva Marie Uzcategui Trinkl/Anadolu Agency via Getty Images)
US-Präsident Donald Trump heizt die Menge seiner Befürworter in Miami, Florida an. (Bild: Eva Marie Uzcategui Trinkl/Anadolu Agency via Getty Images)

Das würde Trump genügend Zeit geben, Stimmung gegen den politischen Prozess und das Wahlergebnis zu machen. Denver ist sensibilisiert für Spannungen. Erst Anfang Oktober machte die Stadt international Schlagzeilen, nachdem bei Protesten einer rechten Gruppe und linker Gegendemonstranten ein Mann erschossen wurde. Der Täter war ein privater Sicherheitsmann, der für den lokalen TV-Sender arbeitete. Er war zuvor mit Pfefferspray angegriffen worden.

Auch die Wall Street ist vorbereitet. Die großen Banken haben in den vergangenen Wochen verschiedene Szenarien simuliert, um sicherzustellen, dass sie für einen drastischen Anstieg der Volatilität und für Liquiditätskrisen gerüstet sind.

Lesen Sie auch: Trumps Kraftakt zum Wahlkampfende

Die Citigroup hat sowohl mit ihren Kunden als auch mit ihren Mitarbeitern Gespräche geführt, um sie auf eine mögliche Phase der Unsicherheit einzustimmen, bis das Wahlergebnis feststeht. JP Morgan Chase und Goldman Sachs haben angeordnet, in den Tagen rund um den 3. November keine Softwareupdates in der Investmentbank und im Privatkundengeschäft durchzuführen, um keine Ausfälle zu riskieren.

„Wir hoffen, dass das so ähnlich ist wie zur Jahrtausendwende, als alle befürchtet hatten, dass das Y2K-Virus zu großem Chaos führt, es dann aber doch ruhig blieb“, sagt ein Händler. Darauf wetten will er nicht.

Im Video: Endspurt im US-Präsidentschaftswahlkampf