US-Studie zeigt: Viele wütende Männer haben eigentlich eine nicht diagnostizierte Depression

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Traurig, hoffnungslos, erschöpft, träge. Wenn Expertinnen und Experten Menschen auf Depressionen untersuchen, sind dies häufige Symptome, die bei einer Erkrankung auftreten. Anhand derer werden sie mithilfe eines abgestimmten Fragenkatalogs diagnostiziert. Selten — wenn überhaupt — fragen Ärztinnen und Ärzte: „Sind Sie wütend?“ Doch einige neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass auch das in die Auswertung mit einbezogen werden sollten.

Forscherinnen und Forscher aus den USA haben dazu kürzlich eine Studie durchgeführt und fanden heraus, dass erwachsene Männer im arbeitsfähigen Alter häufig Wut empfinden, wenn sie an einer Depression erkrankt sind. Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn diese Bevölkerungsgruppe hat in dem Land die höchste Suizidrate. „Unsere Depressions-Diagnostik bezieht sich auf Trauer, Einsamkeit und der Zurückgezogenheit“, erklärte Jodi Frey, Leiterin Leiterin der neuen Studie, die über mehrere Jahre durchgeführt wurde. „Was ist, wenn Männer Depressionen in Form von Wut und Reizbarkeit erleben?“

Freys Studienergebnisse sollen in den kommenden Monaten veröffentlicht werden. Finanziert wurde die Untersuchung von der Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Die Zahlen deuten darauf hin, dass etwa zehn bis 15 Prozent der Männer, die tatsächlich Depressionen haben könnten, die Kriterien, die in der klassischen Depressions-Diagnostik angewandt würden, nicht erfüllen würden.

„Der wütende Mitarbeiter, den niemand um sich haben will … was ist, wenn er tatsächlich depressiv ist?“

Jodi Frey ist Professorin für Sozialarbeit an der Universität von Maryland und eine der führenden Expertinnen auf dem Gebiet der Suizidprävention. Im Gespräch mit Business Insider erklärt sie: „Wir müssen erkennen, dass Männer Depressionen, die häufig mit einem Suizidrisiko verbunden sind, auf andere Weise erleben könnten, als wir vielleicht bisher angenommen haben. Der wütende Mitarbeiter, den niemand um sich haben will, der wahrscheinlich in Schwierigkeiten gerät und gefeuert wird – was ist, wenn er tatsächlich depressiv ist?“

Im Rahmen der Studie wurden mehr als 500 Männer im Alter von 25 bis 64 Jahren in Michigan über insgesamt fünf Jahre untersucht. Dabei stellten die Forschenden fest, dass viele von ihnen ein Suizidrisiko aufwiesen, obwohl die meisten nicht in das bisher angenommene Profil für „Depressionen“ passten. Stattdessen wiesen sie häufig ein moderates oder hohes Risiko für Wutgefühle auf. „Ich denke oft an den Angestellten: ein Mann mittleren Alters, der wütend ist und sich bei der Arbeit über eine Million verschiedener Dinge aufregt“, sagt Studienautorin Frey. „Keiner will in seiner Nähe sein. Er ist verärgert. Wir empfinden kein Mitleid für ihn. Wir empfinden kein Mitgefühl mit seiner Situation, wie wir es vielleicht für einen Kollegen empfinden würden, der im herkömmlichen Sinne depressive Symptome aufweist.“

US-Webseite „Man Therapy“ spricht viele Männer an

Während ihrer Studie bot Frey einigen Teilnehmern ein mögliches Hilfsprogramm an, um den Depressionen entgegenzuwirken: eine Webseite namens „Man Therapy“. Die Plattform arbeitet daran, gegen das Stigma, das die Gesellschaft häufig in Bezug auf psychische Gesundheit, insbesondere bei Männern, hat, anzukämpfen. Die Seite thematisiert die Art und Weise, wie Männer dazu erzogen werden, nicht über ihre Gefühle zu sprechen und immer „stark“ zu sein. Sie bietet gleichzeitig Botschaften der Hoffnung und veröffentlicht Erfahrungsberichte von anderen, die ebenfalls schwere Zeiten durchgestanden haben.

Joe Rosenberger, ein Mann aus Michigan, entdeckte eines Nachts im Jahr 2014 die Webseite „Man Therapy“. Er befand sich in einer schweren Zeit und wusste selbst nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Da stieß er auf die Seite. Er schaute sie sich an und las einige der Erfahrungsberichte. Diese hatten „großen Anteil daran, mein Leben zu retten“, berichtete er. „Es war von ganz normalen Leuten. Es war kein Arzt, der mir irgendetwas erzählt hat, keine Arzneimittelfirma, die mir irgendwas verkaufen wollte. Es waren Personen, die sich in ähnlichen Lagen befanden wie ich und ihre Geschichte mit der Öffentlichkeit teilten.“

Auch Eric Hipple bestätigt, dass diese Seite die Bedürfnisse und „Denkweise vieler Männer“ anspricht. Hipple ist ein ehemaliger Quarterback der US-amerikanischen Footballliga NFL. Zwischen 1980 und 1989 spielte er bei den Detroit Lions. Er erzählt: „Männer mögen es, Dinge zu reparieren. Was gibt es Besseres als Möglichkeiten zur Verfügung zu haben, aus denen sie wählen können.“ Die Webseite ist nicht als Ersatz für eine professionelle Betreuung gedacht. Sie soll Männer aber ermutigen, Hilfe von Freundinnen und Freunden, Familie, Kolleginnen und Kollegen oder Ärztinnen und Ärzten anzunehmen oder erst einmal zu suchen. „Man Therapy greift diese Ideen auf, die in der Gesellschaft herumschwirren, wie Männer sein sollten und wie sie nicht sein sollten. Sie macht mit Humor auf sie aufmerksam“, sagt Frey. „Wir alle wissen, was passiert, wenn wir unsere Gefühle und Emotionen nicht ausdrücken können. Wir werden von Angstzuständen, Reizbarkeit oder Depressionen überwältigt.“

Wenn ihr euch über längere Zeit energielos, hoffnungslos oder traurig fühlt, solltet ihr eine Ärztin oder Arzt aufsuchen. Informationen und Hilfe findet ihr bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe auf der Webseite oder über das Telefon unter 0800/3344533.

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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