Wir US-Millennials besitzen nichts, weil die Wirtschaft uns 25 Jahre lang über den Tisch gezogen hat — aber ältere Generationen schieben es auf unsere Arbeitsmoral

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Dies ist ein Meinungsbeitrag. Die darin geäußerten Gedanken sind die der Autorin Ingrid Cruz.

Ein paar wenige Monate ist es her, dass mich meine Eltern dafür lautstark kritisierten, ich besäße eigentlich nichts. Ja, ich habe nur wenige Ersparnisse. Ich besitze kein Haus, habe keine Geldanlagen, nicht einmal eine Rentenversicherung. Diese ist (anders als in Deutschland) in den USA keine Pflichtversicherung. Bisher konnte ich mir eine solche Versicherung nicht leisten. Bereits vor der Pandemie stand ich daher unter finanziellem Druck. Und in den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich dieser nur noch verschlimmert.

Ich weiß, ich bin nicht der einzige Millennial, der mit dieser Situation zu kämpfen hat. Dennoch fühle ich mich als Einwandererkind der ersten Generation oft schuldig und unwürdig, weil ich weiß, dass ich eigentlich nichts besitze. Wie die meisten Eltern wünschten sich auch meine Mutter und Vater für mich, dass ich im Erwachsenenalter einen respektablen, gut bezahlten und stabilen Beruf erlerne. Sie dachten an Rechtsanwältin, Ärztin oder Buchhalterin.

Besonders meine Mutter hatte klare Vorstellungen für mich. Sie wollte, dass ich ein Haus kaufe, bis zu einem bestimmten Alter heirate und mich schließlich um sie kümmere, wenn sie älter wird. Doch es ist anders gekommen. Ich arbeite als freiberufliche Schriftstellerin mit einem unsteten Einkommen. Hinzu kommt mein Studienkredit, der mich finanziell stark unter Druck setzt.

Es ist schwierig, meinen Eltern zu verdeutlichen, dass sich die USA, von denen sie geträumt haben, drastisch verändert haben. Der „American Dream“ ist nur noch das – ein Traum. Schon lange ist das Land nicht mehr das, was es noch im Jahr 1989 war, als sie dorthin immigrierten.

Die Wirtschaft ist nicht für Millennials ausgelegt

Einem Bericht des Nachrichtensenders CNBC zufolge besaßen Millennials im Jahr 2020 gerade einmal 5,19 Prozent des gesamten Vermögens der Vereinigten Staaten. Das ist etwa viermal weniger als das, was die Baby-Boomer Generation (zwischen 1946 und 1964 geboren) in den USA im gleichen Alter besaß.

Wir sind eine Generation, in der die Einkommensungleichheit sehr stark zugenommen hat. Ausgelöst wurde das vor allem durch die Weltwirtschaftskrise zwischen 2007 und 2009. Die Krise hatte zur Folge, dass Unternehmen kaum noch neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellten. Die Jobchancen schwanden drastisch und die Schulden für Studiendarlehen schnellten in die Höhe.

2014 stellte das US-amerikanische Arbeitsministerium, das Bureau of Labor Statistics, fest, dass die hohe Verschuldung durch Studienkredite Millennials dazu veranlasste, große Lebensentscheidungen nach hinten zu verschieben. Weniger Einkommen bedeutete somit einen Aufschub von Heirat sowie Haus- und Autokauf. Für viele war es auch unmöglich, aus dem Elternhaus auszuziehen.

Aufgrund einer fehlenden verbindlichen Krankenversicherung in den USA hatte die zunehmende Verschuldung ebenfalls zur Folge, dass Menschen mit geringen Einkünften medizinische Versorgung und Kontrolltermine aufschoben. Sie vermieden Routineuntersuchungen, um Geld zu sparen. Oftmals stellten bereits Ereignisse wie die Geburt eines Kindes, Kinderbetreuung oder Altenpflege eine enorme finanzielle Belastung dar.

Auch auf den US-Wohnungsmarkt hatte die Weltwirtschaftskrise einen starken Einfluss. Sie führte zu Engpässen, die die Mieten bereits lange Zeit vor der Corona-Pandemie in die Höhe trieben. Stagnierende und niedrige Löhne sind dabei nur ein Teil des Problems: Selbst bei höheren Gehältern leben viele Millennials von Monat zu Monat. Das liegt größtenteils an ihren horrenden Schulden, die sie aufnehmen mussten, um über die Runden zu kommen.

Die derzeit steigenden Lebenshaltungskosten, die ohne das Eingreifen der Regierung mit Sicherheit weiter steigen dürften, machen es für Millennials, die Generation Z und künftige Generationen nur noch schwieriger, ein solides Vermögen aufzubauen. Nur wenn wir uns für Lohngerechtigkeit und angemessene Lebenshaltungskosten einsetzen, werden wir diese Entwicklung verhindern können.

Die meisten Finanztipps sind nicht für unsere Generation anwendbar

Was Finanztipps betrifft: Sie mögen gut gemeint sein. Doch wirklich helfen tun sie nicht. Es gibt unzählige Artikel und Selbsthilfebücher über das Sparen oder Strategien, die bei der Anhäufung von Vermögen helfen sollen. Allerdings sind die wenigsten wirklich hilfreich und anwendbar für Menschen aus der Arbeiterklasse, Randgruppen oder wirtschaftlich angeschlagene Personen, die von vornherein wenig Zugang zu Bildung und sozialem Kapital haben.

In solchen Ratgebern wird oft davon ausgegangen, dass Menschen, die Geld sparen wollen, es sich leisten können, Geld für Cafés, Abonnements oder Fitnessstudios auszugeben. So wird in diesen Artikeln und Büchern oft dazu geraten, auf diese Ausgaben im Monat zu verzichten. Völlig ausgeklammert werden jedoch all die Menschen, die von vornherein nicht in der Lage sind, dies zu tun.

Viele Millennials, insbesondere Kinder von Einwandererfamilien, sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass sie nicht nur in das Land gekommen sind, um ein besseres Leben zu haben. Sie wollen auch schönere Dinge besitzen. In Familienstrukturen, in denen Knappheit oft ein bestimmender Faktor des täglichen Lebens war, ist eine der wenigen Möglichkeiten, sich zu beweisen, außergewöhnlicher finanzieller Erfolg.

Einigen Menschen ist dies gelungen. Doch das ist eher die Ausnahme als die Regel. Sich Finanzwissen anzueignen ist eine große Herausforderung für Menschen, die mit dem Ziel des reinen Überlebens aufgewachsen sind. Tatsache ist, dass es für Millennials deutlich schwieriger ist als für frühere Generationen sozial aufzusteigen.

Darüber hinaus gibt es laut einer Analyse der Stanford University aus dem Jahr 2019 bei Millennials auch ein rassistisches Gefälle bezüglich des Erwerbs von Wohneigentum. Der Großteil der Errungenschaften, die nach der Bürgerrechtsbewegung dazu beitragen sollten, dass auch People of Color (PoC) die gleichen Chancen für den Erwerb von Wohneigentum haben, sind verloren gegangen.

Nach wie vor arbeiten viele Millennials am unteren Ende der Gehaltsgrenze, nur knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn. Damit sind die meisten unentwegt den Launen des Marktes ausgeliefert. Es gibt nur wenige bis gar keine Sicherheitsnetze – und dennoch müssen sie permanent gegen die falschen Vorstellungen über ihre Arbeitsmoral oder ihre Ambitionen ankämpfen.

Erfolg ist nicht gleichbedeutend mit Besitz

Doch das kann sich ändern. Zunächst sollten wir aufhören, unseren Erfolg und das Gefühl, etwas erreicht zu haben, an den Besitz materieller Güter zu knüpfen. Es ist in Ordnung, um die Chancen und Löhne zu trauern, die den jungen Generationen verwehrt bleiben. Gleichzeitig sollten wir auch anerkennen, dass sie ihr Bestes getan haben. Millennials wurde noch beigebracht, dass sie in einer vielversprechenden Welt lebten. Und zwar gerade zu dem Zeitpunkt, als die Möglichkeiten zu verschwinden begannen. Und dann kam auch noch die Pandemie.

Um den älteren Generationen zu verdeutlichen, wie schwierig es für jüngere Menschen heute ist, finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen, sollten alle Beteiligten miteinander kommunizieren. Die systembedingten Hindernisse und Ungerechtigkeiten, mit denen Millennials heute konfrontiert werden, sind andere als damals. Die Lebenshaltungskosten, die Kosten für die medizinische Versorgung, Kinderbetreuung und Bildung sind heute exorbitant hoch. Das war vor wenigen Jahrzehnten noch nicht der Fall. Möglicherweise mag das Aufzählen all dieser Faktoren nichts an der Meinung der älteren Generationen ändern. Aber es kann alle Beteiligten zum Nachdenken anregen.

Um der aktuellen Situation entgegenzuwirken, müssen wir handeln. Wir können wählen gehen, uns informieren und für unsere Rechte eintreten. Menschen aller Generationen können daran arbeiten zu verstehen, wie mit in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen die Systeme, Ungerechtigkeiten und Probleme geschaffen wurden, mit denen sich Millennials und die nächsten Generationen auseinandersetzen müssen.

Darüber hinaus müssen wir uns alle mit dem Klimawandel auseinandersetzen. Auch dieser wirkt sich sowohl auf die wirtschaftliche Lage als auch individuelle gesundheitliche Situation aus. Die ständige Notwendigkeit, Vorstellungen und Maßnahmen zu überdenken und zu überarbeiten, kann anstrengend sein. Doch es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Damit die nächsten Generationen nicht das Gleiche durchmachen muss wie wir.

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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