US-Magazin "Time" ehrt Kampagne gegen sexuelle Übergriffe

Als "Person des Jahres" 2017 hat das US-Magazin "Time" all jene Frauen gewürdigt, die ihre Stimme gegen sexuelle Übergriffe erhoben haben. Sie hätten eine in kurzer Zeit eine kulturelle "Revolution" ausgelöst, hieß es zur Begründung

Eine Ehrung für all jene, "die das Schweigen gebrochen haben": Als "Person des Jahres" 2017 hat das US-Magazin "Time" die Frauen gewürdigt, die ihre Stimme gegen sexuelle Übergriffe erhoben haben. Durch ihr Brechen des Schweigens hätten sie in kürzester Zeit eine kulturelle "Revolution" ausgelöst, erklärte das US-Magazin am Mittwoch zur Begründung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßte die Entscheidung.

In den vergangenen Monaten hatte in den USA und anderen Ländern eine riesige Welle von Enthüllungen und Anschuldigungen zu sexuellen Übergriffen in der Unterhaltungsbranche und Medienwelt, in Politik und Wirtschaft schwere gesellschaftliche Erschütterungen ausgelöst. Die Folge waren Rücktritte und Entlassungen zahlreicher Prominenter.

Das Titelblatt der aktuellen "Time"-Ausgabe zeigt unter anderen die Schauspielerin Ahsley Judd, die Sängerin Taylor Swift und Susan Fowler, eine Ex-Angestellte des Fahrtenanbieters Uber. Sie gehörten zu den Frauen, welche die aktuelle Kampagne gegen sexuelle Übergriffe ausgelöst hatten. Eine weitere Frau ist nur teilweise und ohne Gesicht abgebildet - sie steht für all jene, die anonym bleiben wollten, als sie ihre Vorwürfe erhoben.

Die Frauen auf dem Titelblatt hätten zusammen mit hunderten weiteren "einen der rasantesten Wandel in unserer Kultur seit den sechziger Jahren ausgelöst", erklärte "Time"-Chefredakteur Edward Felsenthal. Die "kollektive Wut" über die sexuellen Übergriffe habe "sofortige und schockierende" Ergebnisse gezeitigt: "Fast täglich werden Unternehmenschef gefeuert, Mogule gestürzt, Schande über Ikonen gebracht."

Den Frauen und Männern, die an der Kampagne gegen sexuelle Übergriffe beteiligt waren, sei "für den Mut zu danken, das Schweigen über sexuelle Übergriffe zu brechen", erklärte der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, im Kurzbotschaftendienst Twitter im Namen der Bundeskanzlerin. Es sei "großartig", dass eine Gruppe von Menschen ausgewählt worden sei, "die die Welt tatsächlich zum besseren" verändert, erkläre die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Gesine Agena.

"Time" würdigte insbesondere die Internetkampagne unter dem Stichwort "#MeToo" (Ich auch), in der Frauen über sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen berichten. Weltweit schlossen sich Millionen von Frauen, aber auch Männer an.

Die Beteiligung von Stars an der Internetaktion habe es anderen Frauen erleichtert, über ihre schmerzvollen Erfahrungen zu berichten: "Wenn ein Filmstar #MeToo sagt, dann wird es auch leichter, einer Köchin zu glauben", schrieb das Magazin.

Ausgelöst worden war die Welle der Enthüllungen und Vorwürfe Anfang Oktober durch den Skandal um den Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein, der daraufhin von seiner eigenen Produktionsfirma entlassen wurde. Weinstein soll über Jahrzehnte hinweg dutzende Frauen sexuell belästigt und attackiert haben, darunter prominente Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Ashley Judd und Gwyneth Paltrow. Einige Frauen werfen ihm Vergewaltigung vor.

Zahlreiche weitere Prominente gerieten in den Wochen danach durch ähnliche Vorwürfe unter Druck, darunter die Schauspieler Kevin Spacey und Dustin Hoffman, die US-Fernsehmoderatoren Matt Lauer und Charlie Rose, der Stardirigent James Levine und mehrere Mitglieder des US-Kongresses.

Auch der erzkonservative US-Senatskandidat Roy Moore sieht sich mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung konfrontiert, bekam aber dennoch den Rückhalt von Präsident Donald Trump - dem seinerseits mehrere Frauen bereits im vergangenen Jahr sexuelle Belästigung vorgeworfen hatten.

Trump landete im Übrigen bei der Auswahl zur "Person des Jahres" auf dem zweiten Platz, vor dem chinesischen Staatschef Xi Jinping. Trump war im vergangenen Jahr von "Time" zur "Person des Jahres" gekürt worden, nachdem er wenige Wochen zuvor überraschend die Präsidentenwahl gewonnen hatte.

"Time" verleiht den Titel nach eigenen Angaben jeweils an diejenige Persönlichkeit, die "zum Guten oder zum Schlechten am meisten beigetragen hat, um die Ereignisse des Jahres zu beeinflussen".