Warum US-Aktien nach wie vor brillieren


Seit Wochen, wenn nicht gar Monaten, rechnen Anlageprofis mit Rückschlägen bei US-Aktien. Getan hat sich bisher nichts. Denn auch, wenn es nur noch Trippelschritte sind – die wichtigen Börsenindizes der Wall Street hangeln sich von Rekord zu Rekord. Immer mehr Anleger fragen sich daher, wie lange die nun mehr als achteinhalb Jahre andauernde Rally noch weitergehen kann.

Auf den ersten Blick haben die Pessimisten gute Gründe, mit Korrekturen zu rechnen. Schließlich sind die meisten US-Aktien inzwischen relativ teuer. Für die Firmen im S&P 500, dem Index mit den 500 größten börsennotierten US-Unternehmen, zahlen Anleger inzwischen das 19-fache der für das Jahr 2017 erwarteten Gewinne. Der Dax kommt dagegen auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 14.


Weitere Kennzahlen deuten ebenfalls auf eine Überbewertung der US-Börsen hin. Die Zahl der neu angekündigten Aktienrückkäufe, die die Hausse maßgeblich befeuert haben, nimmt in der jüngsten Zeit offenbar ab. „Daher empfehlen wir Investoren, Aktienpositionen in den USA nur noch in Phasen mit einem pessimistischen Anlegersentiment auszubauen“, sagt Commerzbank-Aktienstratege Andreas Hürkamp. Während diese Strategie 2016 gut funktioniert habe, habe es seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im November 2016 kaum noch Gelegenheiten für diese antizyklische Investitionsstrategie gegeben.

Angesichts dieser Gemengelage zeigen sich die Aktien der US-amerikanischen Unternehmen aber erstaunlich robust. Seit 15 Monaten gab es im S&P 500 keine Korrektur von über fünf Prozent mehr. Der Dax ist dagegen in den Sommermonaten zeitweise mehr als sieben Prozent zurückgefallen.


Vor allem die nach wie vor expansive Geldpolitik in den USA wird wohl noch länger eine wichtige Kursstütze bleiben, auch wenn die US-Notenbank Fed am Mittwoch den Startschuss für die Reduzierung des 4,5 Billionen Dollar schweren Anleiheportfolios gegeben hat. „Da der Bilanzabbau schon so lange angekündigt war, sollte es zunächst einmal nicht zu größeren Verwerfungen an den Märkten kommen“, meint Martin Moryson, Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim. Eine weitere Leitzinserhöhung gab es noch nicht, Experten rechnen damit im Dezember.

Daneben gibt es weitere Argumente, die Anleger zuletzt positiv gestimmt haben. So will die US-Regierung die geplante Steuerreform, von der sich viele Investoren einen Konjunkturschub erhoffen, zügig vorantreiben. Stephen Gallagher aus dem Research der französischen Großbank Société Générale betont, dass dies die letzte Chance in diesem Jahr sein könnte, dass Trump wenigstens einen Teil seiner Wahlversprechen umsetzt. Hürkamp von der Commerzbank betont zudem, dass die Gewinnerwartungen für die Unternehmen im S&P 500, anders als in den Vorjahren, derzeit relativ stabil geblieben seien.


Analystencheck-Tool als Information

Gleichwohl: Der US-Markt birgt derzeit Risiken – wahrscheinlich höhere als an anderen Börsen der Welt. Wer dennoch Interesse an US-Aktien hat, kann sich über das Analystencheck-Tool des Handelsblatts informieren, was die Anlageprofis zu den einzelnen Unternehmen sagen.


In der Online-Anwendung werden laufend Analysten-Empfehlungen und Kursziele aller namhaften Banken sowie unabhängiger Research-Institute ausgewertet. Darin überwiegen zwar die Einschätzungen der Experten für deutsche und europäische Werte, aber auch die Analysen zu einer Reihe von Großkonzernen aus den USA lassen sich finden. Und die fallen für etliche Firmen noch ziemlich positiv aus.

Hier einige Beispiele: Für die Apple-Aktie, die allein in diesem Jahr bereits etwa ein Drittel gestiegen ist, geben 24 Analysten weiterhin eine Kaufempfehlung ab. Drei Experten sind neutral eingestellt. Zum Verkauf rät dagegen kein Einziger. Die US-Investmentbank Morgan Stanley hat das Kursziel zuletzt sogar von 182 auf 194 Dollar angehoben und blieb beim Anlageurteil „Übergewichten“. Derzeit notiert das Papier bei gut 153 Dollar. Die Anhebung der durchschnittlichen Verkaufspreise durch die gesamte Produktlinie hindurch sei der entscheidende Punkt der neuesten Produkteinführungen der Kalifornier, schrieb Analystin Kathryn Huberty in einer Studie.

Vor wenigen Tagen hat der Konzern unter anderem das iPhone X vorgestellt, das stolze 999 Dollar kosten soll. Huberty betonte, die Marke Apple strebe auf. Unter den Kunden herrsche ein hohes Maß an Loyalität und zusammen mit einem schwächeren Dollar sei der Konzern daher in der Lage, die Preise anzuheben, ohne Nachfrage-Einbußen zu befürchten. Auch Toni Sacconaghi von Bernstein Research spricht eine Kaufempfehlung bei einem Kursziel von 175 Dollar aus. Die hohen Preise dürften seiner Ansicht nach etwaige Nachfragerückgänge überkompensieren.

Das Freundesnetzwerk Facebook hat in diesem Jahr auch schon einen beachtlichen Höhenflug hinter sich. Und dennoch bleiben die Analysten dem Unternehmen von Gründer Mark Zuckerberg wohlgesonnen. Alle Experten, die im Handelsblatt-Analystencheck enthalten sind, setzen ihr Votum auf Kaufen. Die Experten von JMP Securities, RBC Capital und Barclays erwarten, dass sich die Aktie in den nächsten zwölf Monaten besser entwickeln wird als der Sektor der sozialen Netzwerke oder sogar des gesamten US-Aktienmarkts.


Beim Online-Streamingdienst Netflix, dessen Kurs seit Januar mehr als die Hälfte zugelegt hat, raten 14 Analysten zum Kauf und sieben votieren für Halten – bei keinem einzigen Verkauf. Während mehrere Analysten ihre Einschätzungen in den vergangenen Tagen noch einmal bestätigt haben, stammt die letzte ausführliche Analyse von Anfang August – als das Ende der Partnerschaft mit Walt Disney bekannt wurde. JP Morgan-Analyst Douglas Anmouth betonte jedoch, dass dies wohl kaum größere negative Auswirkungen auf die Abonnentenzahl von Netflix haben dürfte, da der Dienst selbst über breit aufgestellte Inhalte verfüge.

Nicht nur die Analysten sind überwiegend positiv für ihre Unternehmen gestimmt. Die Investorenlegende Warren Buffett ist das auch – zumindest langfristig. Bis auf eine Million Punkte werde der Dow Jones in 100 Jahren steigen, sagte er vor kurzem bei einer Veranstaltung des Forbes-Magazins. Am Donnerstag schloss der Index der US-Standardwerte bei 22.359 Zählern. „US-Aktien zu shorten, ist ein Spiel, bei dem man nur verlieren kann“, betonte er. Gleichwohl ist es für risikobewusste Anleger durchaus ratsam, nicht daran zu glauben, dass die aktuelle Rally ohne Rücksetzer unendlich so weitergeht.

KONTEXT

Meilensteine des Dow Jones

26. Mai 1896

Der Dow Jones Industrial Average debütiert mit zwölf Mitgliedern: American Cotton Oil, American Sugar Refining, American Tobacco, Chicago Gas, Distilling & Cattle Feeding, General Electric (GE), Laclede Gas Light, National Lead, North American Co., Tennessee Coal, Iron & Railroad, U.S. Leather und U.S. Rubber.

1916

Der Dow wird auf 20 Werte erweitert. Ab 1928 hat die erste US-Börsenliga 30 Mitglieder.

1. Oktober 1928

John D. Rockefellers Öl-Konzern Standard Oil steigt in den Dow auf. Standard Oil wird 1972 zu Exxon und nach der Übernahme von Mobil Oil 1999 zu Exxon Mobil.

1928

Die Berechnung des Dow wird leicht verändert, um Kursausschläge durch Aktiensplits oder beim Austausch einzelner Index-Mitglieder zu verhindern.

28. und 29. Oktober 1929

Am "Schwarzen Montag" und "Schwarzen Dienstag" fällt der Dow um insgesamt 23 Prozent. Der 12,8-prozentige Kurseinbruch vom 28. Oktober bleibt bis zum "Schwarzen Montag" 1987 der größte Tagesverlust.

26. Mai 1932

International Business Machines (IBM) steigt in den Dow auf. Das Computerkonzern fällt 1939 wieder heraus und kehrt 1979 zurück.

3. Juli 1956

International Paper steigt in den Dow auf. In den 17 Jahren und drei Monaten zuvor war die Zusammensetzung unverändert geblieben - so lange wie nie.

14. November 1972

Der Dow schließt erstmalig über 1000 Punkten.

19. Oktober 1987

Am "Schwarzen Montag" bricht der Dow um 22,6 Prozent ein. Das ist der größte Tagesverlust seiner Geschichte. In den fünf Jahren zuvor hatte er insgesamt rund 250 Prozent zugelegt.

29. März 1999

Der Dow schließt erstmalig über 10.000 Punkten.

1. November 1999

Als erste an der US-Technologiebörse Nasdaq gelistete Firmen werden Microsoft und Intel in den Dow aufgenommen. Die Entscheidung spiegelt die gestiegene Bedeutung der IT-Branche für die US-Wirtschaft wider.

17. September 2001

Die US-Börse öffnet erstmalig nach den Anschlägen vom 11. September. Der Dow fällt um 684,81 Punkte. Das ist in absoluten Zahlen der drittgrößte Tagesverlust seiner Geschichte. Prozentual büßt er 7,1 Prozent ein.

19. Juli 2007

Der Dow schließt erstmalig über 14.000 Punkten.

29. September 2008

Wenige Tage nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers fällt der Dow um 777,68 Punkte das ist in absoluten Zahlen der größte Tagesverlust seiner Geschichte.

13. Oktober 2008

Der Dow verbucht mit einem Plus von 11,08 Prozent den größten Tagesgewinn seiner Geschichte.

9. März 2009

Die Finanzkrise drückt den Dow auf 6547,05 Punkte. Damit liegt er wieder auf dem Niveau von 1997.

6. Mai 2010

Der "Flash Crash" drückt den Dow binnen Minuten um mehr als 1000 Punkte. Auslöser ist ein Fehler in einem computergesteuerten Handelsprogramm eines sogenannten "Algo-Traders".

3. Mai 2013

Der Dow überspringt die Marke von 15.000 Punkten.

7. November 2013

Der Dow Jones erreicht den höchsten Stand aller Zeiten im Handelsverlauf: 15.798 Punkte.

13. Mai 2014

Am 13. Mai erreicht der Dow Jones neue Rekordstände. Der Index schließt bei 16.715 Punkten, dem höchsten Stand aller Zeiten.