Ursachen für Proteste in Tunesien

Sieben Jahre nach dem Sturz Ben Alis ist die soziale Lage vieler Tunesier verheerend. Gestiegene Preise und zu hohe Steuern sind aber nicht die einzigen Gründe für die derzeitigen Proteste zum Jahrestag des damaligen Aufstands. Die Stimmung werde besonders durch die Rückkehr einiger Minister aus der Ben-Ali-Ära angeheizt, sagt der ehemalige EU-Botschafter in Tunesien - Marc Pierini. Zudem seien Korruptionsermittlungen gestoppt worden.

Marc Pierini: "Die Menschen haben politische Gründe, sich Sorgen zu machen, und außerdem stehen Kommunalwahlen an, bei denen die islamistische Partei Ennahdha bessere Chancen hat als die traditionellen Parteien. Viele Tunesier sind also unsicher, wie sich die Gesellschaft in Zukunft ausrichten wird."

In Europa herrscht Besorgnis über die Stabilität Tunesiens. Das Land galt als Musterland des sogenannten Arabischen Frühlings.

Marc Pierini: "Für Europa und die Vereinigten Staaten ist Tunesien das einzige Juwel der arabischen Revolution. Es ist das einzige Land, dem es gelungen ist, die Verfassungsreform und die Wahlen voranzutreiben. Es gab viel hin und her, aber insgesamt war es in diesen Jahren eher friedlich. Das Problem ist, dass das für die ärmeren Schichten wie ein endloser Prozess aussieht und viele Menschen jetzt befürchten, dass die Reichen nach wie vor reicher werden."

Laut der tunesischen Regierung sind bei den teils gewaltsamen Protesten bisher mehr als 600 Menschen verhaftet worden. Ein Demonstrant kam ums Leben.