Vom Urlaub in Krisengebieten


Diesmal hat Koslowski es übertrieben, auch wenn man ihm in der Firma schon viel hat durchgehen lassen: sein ausgeprägtes Desinteresse an Themen wie Diversity, Leibesertüchtigung oder gar gutem Geschmack zum Beispiel. Vor allem natürlich seine archaischen Altherrenwitze, für die man heute selbst auf einem Schützenfest in ländlichen Zonenrandgebieten schnell allein am Bierzelttisch säße. Immer sagte man sich: Einen Dorfdeppen hält jede menschliche Gemeinschaft aus. Aber jetzt ist selbst Koslowski zu weit gegangen: Er hat in der Türkei Urlaub gemacht!

„Ja, und?!“, versucht er sich gegen die Vorwürfe seiner Kollegen zu verteidigen. „Fünf-Sterne-Resort gleich hinter Marmaris, drei Wochen zum Preis von einer, und im Prinzip hatte jeder der wenigen deutschen Gäste seinen eigenen Üzgür als Servicekraft. Hätte ich da wegen Erdogan Nein sagen sollen?“ So ist Koslowski, wenn er ganz bei sich ist.

„Geht’s denn immer nur ums Geld?“ So ist Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung, wenn sie ganz außer sich ist. „Bodenlos“, zischt sie und verlässt mit ihrem halb gegessenen Avocado-Aioli-Wrap als Erste den Kantinentisch. „Muss ich den freien Westen jetzt schon bei der Urlaubswahl verteidigen, oder was?“, blafft Koslowski ihr hinterher. „Nein, aber ein bisschen Fingerspitzengefühl würde helfen“, mahnt der braun gebrannte Berger. „In der Türkei werden Menschenrechte ausgehebelt. Ich könnte mich da nicht mehr an den Strand legen.“

Koslowski ist jetzt in Fahrt: „Ist klar: Der feine Herr aus dem Marketing war ja auf den Malediven. Auch nicht gerade die Wiege der Demokratie, wenn Sie mich fragen.“ Es fragt ihn aber niemand, denn auch Berger ist da schon gegangen.


Zugegeben, es war dieses Jahr eher schwierig, politisch korrekte oder wenigstens einigermaßen gefahrlose Urlaubsdestinationen zu finden. Deshalb ist gefühlt die Hälfte von Herrn K.s Bekannten nach Mallorca geflogen, natürlich in die „unentdeckten, authentischen Ecken“. Die andere Hälfte stapfte durch eher menschenleere, aber landschaftlich reizvolle Regionen wie Alaska, die Mongolei oder Island.

Ein Land, dessen größter Gefahrenherd ein Gletschervulkan namens Eyjafjallajökull ist, kann nicht so falsch sein, fand Herr K., auch wenn seine Familie von den Shoppingmöglichkeiten zwischen Ísafjörður und Fljótsdalshérað dann nicht allzu angetan war. „Ich hab‘ wenigstens den darbenden türkischen Tourismus unterstützt“, erklärt ihm gerade Koslowski. „Aber mit pragmatischer Realpolitik wollen sich die Damen und Herren Demokratieverteidiger natürlich nicht die Hände schmutzig machen, stimmt’s?“ Koslowski schaut Herrn K. herausfordernd an. „Stimmt’s?“

Herr K. steht jetzt lieber auch auf. „Ach, Koslowski, es könnte so lustig mit Ihnen sein, wenn Sie manchmal rechtzeitig die Kurve kriegen würden.“ Dabei hätte Herr K. ihn gern noch nach diesem supergünstigen türkischen Resort gefragt. Herbstferien kommen ja auch bald. Und man will ja helfen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK