Der unverhoffte Boom der Chemieindustrie


Alle guten Dinge sind vier – so scheint die diesjährige Devise der Chemieindustrie zu lauten. Zu seiner Jahrespressekonferenz hat der Branchenverband VCI seine Prognose für 2017 zum vierten Mal in diesem Jahr angehoben. Der Verband geht nun von einem Produktionswachstum von 2,5 Prozent aus. Der Umsatz soll gegenüber dem Vorjahr um 5,5 Prozent auf 195 Milliarden Euro zulegen.

Die Kapazitätsauslastung bewegt sich mit rund 87 Prozent auf einem Niveau, das die Branche schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Auch die Beschäftigung bewegt sich laut VCI mit 451.500 Mitarbeitern in der Branche auf dem höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt.


Insgesamt entwickelt sich die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland damit erheblich besser als noch Ende des vergangenen Jahres erwartet. Damals gingen die VCI-Statistiker nur von einem leichten Produktionsplus von 0,5 Prozent und einem Umsatzplus von gerade mal einem Prozent aus. Die Chemie werde 2017 wohl „ohne nennenswerte Dynamik bleiben“, warnte Verbandspräsident Kurt Bock vor Jahresfrist.

Inzwischen hat sich das Bild komplett gewandelt: Der VCI spricht von nun einem „rundum guten Jahr für die deutsche Chemie.“ Auch für 2018 demonstriert der Branchenverband Optimismus. „Wir sind zuversichtlich, dass sich der Aufschwung im kommenden Jahr fortsetzt“, sagte Bock, der im Hauptberuf den Branchenführer BASF leitet. Im Inland bleibe die Dynamik der Industrieproduktion hoch.

Gleichzeitig scheine der Aufwärtstrend in Europa intakt, dadurch dürfte das Exportgeschäft weiter Rückenwind bekommen. Vor diesem Hintergrund geht der VCI für 2018 von einem weiteren Produktionsplus von zwei Prozent aus. Der Umsatz dürfte um drei Prozent zulegen und damit voraussichtlich erstmals die Marke von 200 Milliarden Euro überschreiten.


Risiken für die Branche sieht Bock eher aus dem Bereich der Politik. So warnte der VCI-Präsident eindringlich vor zusätzlichen Belastungen oder Alleingängen der künftigen Bundesregierung im Bereich der Energie- und Klimaschutzpolitik, etwa in Gestalt eines überhasteten Ausstiegs aus der Kohleverstromung und der Einführung einer nationalen CO2-Steuer. Der damit verbundene Kostenschub, so Bock, „hätte unweigerlich Konsequenzen für unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Wünschenswert sei vielmehr eine Ausdehnung des EU-Emissionshandels in Richtung der G20-Staaten.

Unsicherheit resultiert aus Sicht des Verbandes auch aus den Brexit-Verhandlungen. Der Austritt Großbritanniens könne unter Umständen zu jährlichen Zollbelastungen von 200 Millionen Euro für die Chemie führen. Noch größere Belastungen könnten entstehen, wenn sich wichtige Regulierungen wie das Chemikalienrecht oder die Zulassungsbedingungen für Pflanzenschutzmittel und andere Produkte unterschiedlich entwickelten.


Konzerne legen starke Zahlen vor

Das ansonsten zuversichtliche Bild des VCI deckt sich mit den Aussagen aus anderen Ländern. So meldete der europäische Chemieverband Cefic in seinem jüngsten Trendreport, dass sich die Situation der Branche im dritten Quartal weiter verbessert habe. Europaweit steigerte die Branche danach in den ersten acht Monaten des Jahres danach ihren Output sogar um 3,7 Prozent.

Die Preise verbesserten sich danach im Schnitt um 5,3 Prozent, und die Kapazitätsauslastung bewege sich mit gut 83 Prozent um drei Punkte über dem langjährigen Durchschnitt. Die Situation für die Branche sei dabei besser in Ländern wie Belgien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden als etwa in Großbritannien, Spanien und Österreich.


Noch eindrucksvoller als die Verbandszahlen, und überwiegend klar besser als erwartet, waren in den letzten Wochen die Resultate der führenden deutschen Chemiekonzerne ausgefallen. Für die ersten neun Monate berichteten sie Umsatzsteigerungen zwischen 13 Prozent (bei BASF) und knapp 27 Prozent bei Lanxess, wozu allerdings auch Akquisitionen beigetragen hatten. Die Gewinne legten zum Teil noch stärker zu.

Auch bei Investoren und Chemie-Analysten war daher die Zuversicht für den Sektor in den letzten Wochen weiter gewachsen. Die meisten Unternehmen seien positiv gestimmt für 2018, berichtete Chemie-Analyst Markus Mayer von der Baader Bank, die sich jüngst im Rahmen einer Roadshow mit Vertretern führender Chemiefirmen unterhielt. Der typische saisonale Abschwung zum Jahresende hin habe bisher noch nicht eingesetzt, berichtet Mayer in einem Kommentar zur Branchensituation. Allerdings sei die Sichtbarkeit der Auftragslage nur begrenzt.

Nachholbedarf der Chemie

Grundlage für den Aufschwung der Branche ist die unerwartet starke Industrie-Konjunktur in Europa und Deutschland, die fast allen Segmenten der Chemiebranche Auftrieb verlieh. Lediglich in der Petrochemie ging die Produktion leicht, um 1,5 Prozent, zurück. Alle anderen Chemiebereiche verbuchten Zuwächse zwischen 2,5 und vier Prozent. Die Pharmabranche, die traditionell in den VCI-Zahlen mit enthalten ist, dürfte ihre Produktion 2017 um 4,5 Prozent steigern.

Was die Chemie im engeren Sinne (ohne Pharma) betrifft, besteht für die Branche nach wie vor aber auch ein gewisser Nachholbedarf. Denn anders als das verarbeitende Gewerbe insgesamt, dessen Produktion sich inzwischen um fünf bis zehn Prozent über den Werten der Phase vor der Finanzkrise bewegt, hat die Chemieproduktion das Niveau der Jahre 2006 und 2007 noch nicht wieder voll erreicht. Schuld daran sind vor allem stetige Einbußen im Petrochemie-Bereich, wo man an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Anbietern aus dem Mittleren Osten und aus Nordamerika verloren hat.