Warum Unternehmer über Alternativen zum Bankkredit nachdenken sollten

Torsten Rieckmann ist es gewohnt, in langen Zyklen zu denken. Der Chef des Hamburger Bauträgers Senectus arbeitet meist über Jahre hinweg an der Entwicklung und der Umsetzung seiner Objekte. Ein langfristiges Finanzierungskonzept ist dabei wesentliche Basis für den Erfolg.

Rieckmann hat daher für eines seiner derzeit laufenden Projekte, eine Senioren-Wohnanlage in Hamburg-Wellingsbüttel im Bauvolumen von bis zu 20 Millionen Euro, bei seiner Hausbank direkt mit dem Anfangsdarlehen eine zehnjährige Anschlussfinanzierung vereinbart. „Weil ich Zinssteigerungen erwarte“, begründet Rieckmann seine Entscheidung. Der Folgekredit per Termin ist zwar teurer als das zunächst ausgezahlte Darlehen. „Dafür habe ich auf der Finanzierungsseite Planungs- und Kostensicherheit.“

Mit seinen Bedenken in Sachen Zinsentwicklung ist der Bauunternehmer nicht allein. Viele Mittelständler treibt angesichts andauernder Leitzinserhöhungen in den USA die Frage um, welche Richtung die Zinsen in Euro-Land in den kommenden Monaten einschlagen werden. Die Zeit der billigen Kredite, so fürchten viele Firmenchefs, könnte jedenfalls bald vorbei sein: Am Donnerstag hatte die Europäische Zentralbank überraschend klar und einstimmig das Ende ihrer Anleihezukäufe per Ende Dezember beschlossen und damit für das kommende Jahr auch den ersten Zinsschritt aufwärts, weg von der Nulllinie, in Aussicht gestellt.


Experten raten Unternehmern allerdings zu Besonnenheit. Ein erster Zinsanstieg werde moderat ausfallen, ist sich Michael Euchner von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ebner Stolz sicher. Doch auch er empfiehlt: „Wer künftig finanzieren kann und will, sollte sich die noch günstigen Konditionen möglichst langfristig sichern.“

„Dabei kann es nicht schaden, auch die Angebote anderer Institute einzuholen“, ergänzt Carl-Dietrich Sander, Leiter der Fachgruppe Finanzierung-Rating im Bundesverband die KMU-Berater. Wer in Sachen Kredit bislang nur mit seiner Hausbank zusammengearbeitet hat, sollte spätestens jetzt die Geschäftsbeziehung zu einem zweiten Institut aufbauen, um sich unabhängiger zu machen, empfiehlt er. Dazu kommt: Eine zweite Bankverbindung spart häufig Geld.

Zudem empfiehlt KMU-Experte Sander jedem Firmenchef, sein Finanzierungs-Orchester einer Prüfung zu unterziehen. „Wichtig dabei ist, sich nicht nur den klassischen Bankkredit von der Hausbank anzusehen, sondern auch Optionen wie Leasing, Factoring, Eigenkapital und Finanzierungen über das Internet, also Schwarmgelder, zu sondieren“, sagt Sander.

„Eine Diversifizierung bei den Finanzierungsquellen ist per se sinnvoll, um sich nicht von einem oder wenigen Finanzierungspartnern abhängig zu machen“, ergänzt Till Karrer, Partner bei der Unternehmensberatung KPMG. „Beim Finanzierungsmix spielt gerade für Mittelständler allerdings die Frage eine Rolle: Was soll finanziert werden? Banken, Debt Funds und Schuldscheininvestoren finanzieren häufig das klassische Geschäft von Firmen. Darüber hinaus gibt es Finanzierungspartner, die sich auf bestimmte Bereiche fokussieren - etwa Leasing.“

In dieses Horn stößt auch Simon Schach, Vorstandsvorsitzender des BFM Bundesverband Factoring für den Mittelstand: „Aus unserer Sicht muss eine möglicherweise eintretende Kurswende der EZB und die Verteuerung von Firmenkrediten keinen mittelständischen Unternehmer nervös machen - vorausgesetzt, er verfügt über ausreichend Bonität, um auch bankenunabhängige Instrumente für die Finanzierung nutzen zu können.“


Doch gerade das Thema Bonität wird für mittlere und kleine Unternehmen (KMU) häufig zur Stolperfalle, wenn es um die Aufnahme neuer Mittel geht. „Insbesondere kleinere Firmen kommen immer noch nicht problemlos bei Banken an Fremdkapital“, klagt Dirk Schiereck, Professor an der TU Darmstadt.

Auch deshalb schauen sich viele Firmen vorsorglich nach Alternativen um. Eine davon: Factoring. Der Verkauf von Forderungen als Finanzierungsinstrument wird gerade bei KMUs immer beliebter. Im vergangenen Jahr lag das Ankaufvolumen von offenen Forderungen mittelständischer Firmen um 9,5 Prozent über dem Vorjahr, ermittelte der BFM Bundesverband Factoring für den Mittelstand.

Eine andere Finanzierungsform, die in den Fokus rückt, ist Leasing. Miete statt Kauf ist für Mittelständler eine Möglichkeit, ihre Liquidität zu sichern und gleichzeitig den unternehmerischen Spielraum zu erweitern, was gerade bei digitalen Sprunginvestitionen ein wichtiger Faktor sein kann. „Aktuell gibt es im Markt gerade auf der Finanzierungsseite viel Liquidität. Das sorgt dafür, dass die Auswahl an Finanzierungsinstrumenten und - optionen für mittelständische Unternehmen derzeit sehr groß ist“, so KPMG-Experte Karrer.

In dem Zusammenhang rücken auch Finanzinvestoren, aber auch Branchenunternehmen als potenzielle Finanziers ins Blickfeld. Ende Februar hat zum Beispiel die Unternehmerfamilie Schramm über ihre Beteiligungsgesellschaft zusammen mit einem regionalen Finanzinvestor den Systemmöbelhersteller Interlübke übernommen.

Flexible Finanzpartner

Nicht immer sind die bankenunabhängigen Geldgeber dabei auf eine eigenkapitalbasierte Finanzierung aus. Viele von ihnen verhandeln auch über Schuldscheindarlehen oderstille Beteiligungen. Wegen der geringeren Regulierung sind diese Finanzpartner häufig flexibler als Banken. „Die Kassen der Private-Equity-Gesellschaften sind zudem gut gefüllt“, beobachtet Colmar Dick, Finanzierungsexperte der NordLB. Die Zeiten für Mittelständler könnten daher besser nicht sein.

Damit Mittelständler für solche Partner aber auch attraktiv sind, müssen sie ihre Hausaufgaben machen. Dazu gehört zum Beispiel, ihr Forderungsmanagement auf Vordermann zu bringen - und als Instrument zur Optimierung ihrer Innenfinanzierung zu nutzen. „Mittelständische Unternehmen sehen das Forderungsmanagement oftmals als lästigen Aufwand“, sagt Volker Bornhöft, President Collection von Arvato Financial Solutions. „Doch Forderungsmanagement lohnt sich - und das nicht nur in finanzieller Hinsicht!“

Wer sich mit seinem Forderungsmanagement befasst und die Forderungsbeitreibung effizient und systematisiert mit einem externen Dienstleister zusammen vorantreibt, schafft Erlöse, die sonst ausgebucht werden müssten.