Unternehmen planen ihre Flucht

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Unternehmen planen ihre Flucht

Viele Unternehmer in Katalonien haben bereits den Plan B in der Tasche. Sie wollen das seit Jahren konfliktreiche Katalonien verlassen. Auch deutsche Unternehmen wie Lidl stehen in den Startlöchern.


Unternehmen haben nur eins im Kopf: ihr Geschäft, und wenn sie an der Börse notieren auch noch ihren Aktienkurs. Aus diesem Grund äußerten sich die katalanischen Firmen lange nicht zu den sich seit 2014 intensivierenden Bestrebungen ihrer Regionalregierung, eine Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien zu erzielen.

Erst in letzter Minute am vergangenen Donnerstag beginnen sie die Flucht nach vorne, weil sie ihre Aktienkurse fallen und unüberwindbare Gefahren im Markt sehen: „Wir denken an unsere Kunden und an die Sicherheit ihrer Einlagen,“ heiβt es bei den größten Banken der Region, Banco Sabadell und Caixabank.

Sie fürchten, dass ihre Anleger aus Sorge vor einer möglichen Unabhängigkeit und Chaos in Katalonien dem Kreditinstitut das Geld entziehen könnten. Deswegen entschieden die Führungsgremien in der vergangenen Woche den Umzug nach Alicante beziehungsweise Valencia/Palma.



Das hatte zahlreiche weitere Verlegungen von Geschäftsstellen anderer großer Firmen wie Abertis und Gas Natural zu Folge, aber auch vieler kleinerer mittelständischer Unternehmen wie Naturhouse. Dessen Eigentümer Félix Revuelta hatte schon Anfang August diesen Schritt gewagt und die Geschäftsstelle nach Madrid verlegt: „Wir Unternehmer wollen Ruhe und in Katalonien gibt es die nicht.“

Revuelta war auch einer der Hauptakteure bei der erfolgreichen Pro-Spanien-Demo am Sonntag in Barcelona. Natürlich dürfte hier auch Druck der Madrider Regierung geholfen haben, diese nicht einfachen unternehmerischen Entscheidungen zu treffen und klar Stellung zu beziehen. So konnte der spanische Premier Mariano Rajoy nach dem umstrittenen Einsatz der Nationalpolizei in Barcelona am 1. Oktober in der vergangenen Woche wieder Oberwasser in dem sich gefährlich zuspitzenden Konflikt gewinnen.

Wirtschaft zwingt die Separatisten in die Knie

Irrationaler Weise hat auch einer der Hauptakteure der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, Joan María Vallvé, seine Investmentfirma CVC Gaesco gerade nach Madrid verlegt. Er ist die Nummer zwei der separatistischen Bewegung „Òmnium Cultural“. Selbst der Separatist fürchtete am Freitag um die Einlagen seiner Kunden und entschloss sich zu diesem Schritt, der schließlich den eigenen Rücktritt zur Folge hat, da weder die einen noch die anderen seine Entscheidung gutheißen können. Und der Versicherungskonzern Axa verkündete am Mittwoch seine Verlagerung von Barcelona nach Bilbao.

Gemäß vieler Beobachter waren es auch diese unternehmerischen Fluchtbewegungen aus Katalonien, die den Regierungschef Carles Puigdemont letztendlich zur Vernunft gebracht haben und er die Unabhängigkeit zwar nach seinem Auftritt am Dienstagabend im regionalen Parlament weiter anstrebt, aber nicht wie geplant ausgerufen hat. Stattdessen fordert der die Madrider Regierung auf, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen.



Deutsche Unternehmen erwägen Abzug aus Katalonien


Noch hat kein in Barcelona ansässiges deutsches Unternehmen den Umzug offiziell angekündigt, aber viele stehen laut Albert Peters, Chef des Kreis der deutschen Führungskräfte (KdF) in Barcelona, in den Startlöchern. Zu den möglichen Kandidaten gehören gemäß Zeitungsberichten auch Lidl und Grohe, die dort ihre Spanien-Zentrale haben. „Auch wenn die Unabhängigkeit am Dienstagabend nicht direkt ausgerufen wurde, bleibt das Problem in der Luft. Es ist noch keine Lösung des Konfliktes in Sicht,“ sagt Peters. Seit Jahren verfolgen deutsche Unternehmer in Katalonien mit Sorge die Radikalisierung der Regionalregierung: „Jetzt sind wir jedoch erst einmal erleichtert, dass es nicht zu einer direkten Unabhängigkeitserklärung gekommen ist und weitgehend Ruhe herrscht im Land,“ sagt Peters, der auch Partner der Rechtsanwaltskanzlei Rödl & Partner in Barcelona ist.

Langfristige Folgen der Krise sind schwerwiegend

Spanische Wirtschaftsexperten wie der Professor Roberto Centeno warnen jedoch vor den langfristigen Folgen der andauernden Krise am spanischen und europäischen Finanzmarkt: „Auch wenn die Unabhängigkeit keine legalen Folgen hat, so sind die Reaktionen der Madrider Regierung ein Warnschuss für alle Sparer, die jetzt massiv ihr Geld aus katalanischen Instituten in andere Banken übertragen werden. Groß-Investoren werden aufgrund der andauernden Krise nicht nur Katalonien, sondern auch Spanien verlassen.“




Deswegen versuchen Politiker auf beiden Seiten derzeit mit Ruhe und Besonnenheit Entscheidungen zu treffen, um keine weiteren Panikreaktionen bei Sparern und Unternehmern auszulösen. Derzeit wird über die Aussetzung der Autonomie Kataloniens nachgedacht, die durch die Aktivierung des Verfassungsartikel 155 erfolgen könnte. Wie die Wirtschaft und die Finanzmärkte darauf reagieren werden, bleibt abzuwarten.

Der auf Mallorca ansässige Rechtsanwalt Tim Wirth glaubt zudem, dass die Folgen - egal, wie der Konflikt ausgeht - tiefgehende Konsequenzen für Spanien haben werden: „In Valencia und auf den Balearen freut man sich jetzt natürlich, dass Firmen ihren Sitz dorthin verlegen oder auch in Madrid, aber Katalonien ist das industrielle Herz des Landes. Es ist die stärkste Exportregion. Es macht eigentlich keinen Sinn, dass wegen politischer Konflikte dort ansässige Unternehmen zukünftig von anderswo die Geschicke lenken werden.“




Politische Krisen treffen Spanien wegen mangelndem Wettbewerb hart

Für den Katalanen Antoni Serra Ramoneda, ehemaliger Chef der Sparkasse Caixa Catalunya, zeigt sich an dieser Krise, wie negativ geringer Wettbewerb im Finanzmarkt ist : „Ländern wie Deutschland, die ihre lokal agierenden Sparkassen noch haben, kann so etwas nicht passieren. Hier ist die Macht verteilt und nicht so konzentriert wie in Spanien.“ Auch wenn Katalonien sich nicht wirklich abtrennen werde, sei der Boykott von katalanischen Produkten im Rest des Landes voll im Gange, glaubt der in Madrid ansässige deutsche Unternehmer Richard Wolf.

Im Internet zirkulieren Alternativlisten für katalanische Marken. Viele kleinere Firmen werde das in den kommenden Monaten in die Pleite treiben, glaubt der Deutsche. Zu den bekanntesten Marken, die unter dem Boykott leiden, gehören der Schaumwein Freixenet und Cordiniu sowie das Edelwasser Vichy Catalan.


"Es geht ein Riss durch die Gesellschaft"


Der Boykott katalanischer Produkte ist fast schon eine spanische Tradition, die immer wieder einsetzt, wenn die katalanische Regierung sich mit dem Rest Spaniens anlegt. Für die Unternehmerin Cristina Sorli eine sehr traurige Entwicklung. Sorli ist eine Katalanin, die sich ihr gleichnamiges Kosmetiker-Imperium in Barcelona selbst aufgebaut hat.



Heute muss die betagte Dame eingestehen: „Der Alltag ist kompliziert geworden für uns, die wir keine Separatisten sind. Es geht ein Riss durch die Gesellschaft, der auch uns Unternehmer trifft. Egal, was jetzt entschieden wird, die Wunden werden lange nicht heilen.“ Bisher seien die Katalanen, die keine Unabhängigkeit wollten, ruhig geblieben, weil das auch eine ihrer Tugenden sei: „Unser Charakter zeichnet sich aus durch "seny", das bedeutet Zurückhaltung oder Reserve.“

Die von dem Chef von Naturhouse mit organisierte Demo am Sonntag für die spanische Einheit hat ein Ende gemacht mit “seny”, mit der Zurückhaltung. Die Katalanen haben die Straßen Barcelonas mit Spanien-Flaggen überschwemmt und alle Welt wissen lassen: “Die Mehrheit der Katalanen liebt Spanien und will nur eins: in Frieden zusammenleben.” Die Unternehmerin Sorli, die auch am Sonntag auf die Straße gegangen ist, um ihre Stellung zur Einheit klar zu machen, glaubt, dass die wirtschaftliche Vernunft gestern gewonnen hat: “Wir wollen unsere katalanische Identität leben, unsere Sprache sprechen, aber wir brauchen auch den Schutz Spaniens.”



So denkt auch Miguel Vidal. Er arbeitet und lebt mit seiner Familie in Barcelona, ist dort aufgewachsen: „Ich habe die schlimmsten Monate meines Lebens hinter mir. Ich habe viele Freundschaften verloren und sehr oft darüber nachgedacht, wegzugehen.“ Aber der Physiker und IT-Experte arbeitet für ein multinationales Unternehmen, das seinen Sitz noch nicht verlegt hat. Auch seine 80-jährige Mutter hält noch die Stellung in Barcelona. Sein Bruder wohnt dagegen schon seit langer Zeit in Berlin: „Es werden Familien wegen diesem sozialen Konflikt auseinandergerissen und das lähmt auch die gesamte katalanische Wirtschaft. Die Verschuldung Kataloniens ist in den vergangenen Jahren dramatisch angestiegen.“ 

Deswegen fordert Peters vom KdF auch in Namen der deutschen Unternehmer vor Ort, dass jetzt der Konflikt in die richtigen Bahnen gelenkt werden muss: „Die spanische Regierung sollte das Dialogangebot von Puigdemont nicht ausschlagen. Das ist, was wir jetzt brauchen: Dialog.“