Untergang mit wehenden Fahnen


Vor einer atemberaubenden Kulisse, unter strahlend blauem Himmel steht Martin Schulz auf der Bühne vor dem Gendarmenmarkt in Berlin und redet mit fast inbrünstiger Überzeugung über ein gerechteres Deutschland, ein solidarisches Europa und eine historische SPD, die als Bollwerk gegen den Rechtsruck in vielen Teilen der Welt stehe. „Zieht Euch warm an. Ihr seid unsere Feinde!“, schleudert Schulz der AfD entgegen. Mehr als 4000 Zuschauer jubeln ihm zu. Nur wenige Minuten nach ihm betritt die Kanzlerin auf dem Münchner Marienplatz ihre Bühne und muss gegen ein gellendes Pfeifkonzert und Hau-ab-Rufe von Störern anreden.

Es scheint wie eine verkehrte Welt. Stimmen die jüngsten Umfragen, muss die SPD eine historische Demütigung befürchten. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht die SPD nur noch bei 21,5 Prozent. Damit könnte es noch tiefer runter gehen als 2009, als Frank-Walter Steinmeier nur 23 Prozent holte. Was dann aus Martin Schulz wird, ist nicht vorherzusagen. Aber der 61-Jährige lässt sich nichts anmerken. Im Gegenteil.

Während er über die Herzensthemen der Sozialdemokraten wie Kinderarmut, Rente und Pflege spricht, ist es fast still im Herzen Berlins. Die Menschen hören ihm wirklich zu. Und Schulz lässt auch auf den letzten Metern kein bisschen nach. Noch einmal nutzt er, der keine realistische Chance mehr hat, Kanzler zu werden, die Gelegenheit, um Angela Merkel anzugehen. Eine zum vierten Mal von ihr angeführte Regierung werde eine Regierung der „sozialen Kälte“ sein, der die Sorgen der Menschen egal seien.

Merkel lulle das Land ein, dabei sei der Wettbewerb das Salz in der Suppe der Demokratie, ruft Schulz. Stattdessen verordne Merkel der Republik eine „Schlaftabletten-Politik“.


Schließlich habe sie alle guten Ideen in den letzten Jahren von den Sozialdemokraten geklaut. „Wenn ich sagen würde, die SPD verspricht ewigen Sonnenschein“, ruft Schulz halblachend, „käme zwei Stunden später eine Agentur, der Wetterausschuss der CDU unter Leitung von Angela Merkel habe das schon vor zwei Wochen beschlossen.“

Noch deutlicher sagt er der AfD den Kampf an: „Wenn die AfD in den Bundestag kommt, dann zieht dort zum ersten Mal seit 1945 wieder die Sprache der Totengräber der Demokratie ein“, ruft er. Das seien die „Feinde der Demokratie“ und die Demokratie werde er in Deutschland verteidigen. Selten gab es einen Kanzlerkandidaten, der, trotz wachsender Aussichtslosigkeit, sich so abgerackert hat wie Schulz.


Auch deswegen begeistert er die Massen – bis zum bitteren Ende. Egal, wo er in den vergangenen Wochen aufgetreten ist: Tausende Menschen kamen, um ihn zu sehen. Woher die schlechten Umfragewerte kommen, können sich seine Anhänger auch an diesem Freitag nicht erklären. Der 21-jährige Pascal ist extra aus der Nähe von Frankfurt angereist, um den SPD-Chef zu unterstützen. Mit der Parteifahne und dem „Zeit-für-Martin“-Anstecker ist er auch jetzt noch von Schulz überzeugt. Sein Freund Gregor, der in einem „I love Raute“-T-Shirt neben ihm steht, schüttelt den Kopf. Der 18-Jährige hat eine Wette verloren und ist deswegen als Mitglied der Jungen Union trotzdem auf dem Gendarmenmarkt bei Martin Schulz.

Der redet auf der Bühne gerade davon, wie die SPD die Ehe für alle ermöglicht habe. Pascal schwenkt zustimmend die rote SPD-Fahne. Gregor lacht. „Stimmt, das war ja die SPD“, sagt er mit unüberhörbarer Ironie. Aus seiner Sicht ist der Grund für die Misere der Sozialdemokraten ganz klar: „Angela Merkel hat alles richtig gemacht in den letzten Jahren“. Den Deutschen gehe es doch gut. Warum sollten sie sich da auf etwas neues einlassen?



KONTEXT

Große Koalition - Pro und Contra aus Sicht der SPD

Pro: stabile Regierung

In diesen schwierigen Zeiten - Trump, Erdogan, Putin, Kim und die Bombe - braucht Deutschland, braucht Europas Führungsmacht eine stabile Regierung.

Pro: SPD kann viel umsetzen

Der Koalitionsvertrag könnte wie schon 2013 klar die Handschrift der SPD tragen, wenn die Union keinen anderen Koalitionspartner findet. Und: Opposition ist Mist. Wenn die SPD mitregiert, kann sie wenigstens SPD-Politik umsetzen und das Land besser machen, anstatt Gesetze für die Papiertonne zu produzieren.

Pro: harte Oppositionsbank

Die SPD würde in der Opposition zwischen den Schreihälsen von rechts (AfD) und links (Linkspartei) untergehen .

Pro: Opposition kein Garant für besseres Wahlergebnis

Opposition ist auch kein Garant für bessere Wahlergebnisse, siehe 2013: Auch nach der schlechten Regierungszeit von Schwarz-Gelb fuhr die SPD nur 25,7 Prozent ein.

Pro: Regierungsvakuum nach Merkel

Wenn Merkel 2021 aufhört, bricht in der Union Chaos aus. Wenn die SPD dann an der Regierung ist, wissen die Menschen: Auf die SPD ist Verlass.

Contra: SPD muss sich erneuern

Nach drei Wahlschlappen in Folge muss sich die SPD erneuern. Das geht nur in der Opposition.

Contra: Angriffe auf Union wären glaubwürdiger

Nur aus der Opposition heraus ist die Union angreifbar. Es muss Schluss damit sein, in jedem Wahlkampf von der CDU in Mithaftung genommen zu werden.

Contra: Große Koalition muss die Ausnahme bleiben

Eine große Koalition muss der Ausnahmefall und darf nicht die Regel sein. Das Land braucht eine starke Opposition.

Contra: AfD könnte Oppositionsführer werden

Die SPD muss auf jeden Fall in die Opposition gehen, wenn ansonsten die AfD die größte Oppositionspartei stellen sollte.

Contra: keine großen Projekte auf der Agenda

Anders als 2013 fehlen diesmal große Projekte wie der Mindestlohn, die die SPD in Regierungsverantwortung unbedingt umsetzen muss.

Contra: Die Parteibasis will nicht mehr

Der Parteibasis ist eine große Koalition nicht mehr zumutbar. Ganz abgesehen davon, dass die Parteibasis einer Wiederauflage der Groko erst zustimmen muss, würde eine neue Koalition mit CDU/CSU bei vielen Anhängern zu Frust und möglicherweise auch zu Parteiaustritten führen.