„Wenn Sie uns nicht bezahlen, wen verklagen wir?" — Tonaufnahmen zeigen, wie der German Property Group-Chef Ängste von Anlegern abwiegelte

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GPG-Gründer Charles Smethurst und seine Frau, Manou Lenz, an einer Gala in Berlin 2015.
GPG-Gründer Charles Smethurst und seine Frau, Manou Lenz, an einer Gala in Berlin 2015.

Ende Mai 2019 fliegt der charismatische Gründer der Immobilienfirma German Property Group (GPG) aus Langenhagen nach Singapur. Anders als in den vergangenen Jahren kommt Charles Smethurst diesmal nicht nach Singapur, um um Investoren zu werben, sondern um sich unangenehmen Fragen zu stellen. Denn einige Tage zuvor erzählten britische Anleger dem Nachrichtensender BBC, dass sie ihre Rentenersparnisse in die GPG investierten, das Geld aber nie wiedergesehen haben. Das machte auch Investoren in Singapur nervös. Denn sie warteten auch seit Mitte 2018, dass die deutsche Immobilienfirma ihre Anlagen zurückzahlt.

Die GPG warb nicht nur in Europa, sondern auch in Singapur um Investoren. Die über 2.000 Privatanleger aus dem Inselstaat glaubten, dass eine Investition in denkmalgeschützte Immobilien in Deutschland eine sichere Sache wäre. Hunderte Anleger erhielten aber bis heute ihr Geld nicht, so wie auch tausende Rentner aus Großbritannien und Irland. Gegen Charles Smethurst und zwei weiteren Personen ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft Hannover wegen Anlagebetrugs und Insolvenzdelikten. Der Insolvenzverwalter schätzte zuletzt, dass die Unternehmensgruppe Transaktionen bis zu drei Milliarden Euro abwickelte.

Business Insider liegen nun exklusive Tonaufnahmen von zwei Treffen vor, bei dem Ende Mai 2019 der Gründer Charles Smethurst die besorgten Privatanleger aus Singapur zu einer Fragerunde einlud. Die Aufzeichnungen zeigen, wie Smethurst versucht, die Wut der Investoren zu entschärfen. Aus den Tonbändern wird klar, dass Anleger bereits 2019 vermutet haben, dass es bei den Geschäften der GPG um ein Schneeballsystem gehen könnte - und dass sie dennoch machtlos waren.

„Wie verklage ich Sie, wenn Sie mein Geld nicht auszahlen?“

An dem Sonntagabend des 26. Mai stehen Smethurst und sein damaliger Mitarbeiter für Kundenbeziehungen im Ballraum des Mercure Bugis in Singapur, einem Vier-Sterne-Hotel, das von Konferenzgästen lebt. Die Anleger, die ihm vertraut haben, wollen nur noch eines wissen: Wann zahlt die GPG ihr Geld zurück? Manch einer investierte sogar über 50.000 Euro in das Geschäftsmodell, andere reinvestierten nach ersten Erfolgen ihre Anlagen wieder.

Charles Smethurst bittet um Geduld. „Wir brauchen weitere sechs Monate, um die Gelder auszahlen zu können,“ sagt er den Anlegern während der Veranstaltung. Die Stimmung ist angespannt. Die Investoren erinnern ihn daran, dass die GPG schon im August 2018 versprochen hat, bis September zu zahlen. Dann hieß es im November, dass das Problem bis März 2019 gelöst wird. „Nun sitzen wir hier im Mai und Sie sagen, dass wir erst im Juni oder Juli Geld bekommen?“, fragt ein Anleger.

Das Vertrauen der Anleger schwindet, Smethurst aber bewahrt Ruhe. Vielleicht auch, weil er weiß, in welcher Pattsituation er und die Anleger stecken.

„An wen soll ich mich in Singapur wenden, wenn ich mein Geld zurückwill?“, fragt ein Anleger.

„Ich weiss es nicht,“ antwortet Charles Smethurst.

„Wenn ich Sie verklagen will, kann das laut Vertrag nur in Deutschland passieren. Haben Sie einen Partner in Singapur, der auch finanziell haftet?“ fragt der Anleger Charles Smethurst.

„Nein,“ antwortet Smethurst. „Der Vertrag ist mit einem deutschen Unternehmen.“

Die meisten Investoren hat zwar die in Singapur ansässige Shenton Wealth angeworben, die Verträge über Schuldscheindarlehen unterschrieben sie aber mit der GPG aus Langenhagen, damals noch als Dolphin Trust bekannt.

Der Firmensitz der heute insolventen German Property Group in Langenhagen – früher hieß das Unternehmen Dolphin Trust.
Der Firmensitz der heute insolventen German Property Group in Langenhagen – früher hieß das Unternehmen Dolphin Trust.

Weil einige Anleger offenbar schon ahnen, dass es bald zu Rechtsstreitigkeiten kommen könnte, formuliert einer das offenkundige Problem, das alle im Raum betrifft: „Wenn Sie uns nicht bezahlen, wen verklagen wir? Erwarten Sie, dass man aus Singapur ein deutsches Unternehmen verklagt?“

The German Opportunity

Smethurst erklärt, dass die Anleger gegen seine deutsche Firma vorgehen müssten. Zwar hatte er auch in Singapur eine Gesellschaft namens Dolphin Capital Asia Pacific gegründet, diese ist vertraglich aber nicht in die Geschäfte involviert. Die singapurische Finanzaufsichtsbehörde warnte bereits 2015 vor Dolphin Capital Asia, weil sie unregulierte Finanzprodukte auf den Markt brachte.

Davon abgesehen erfuhr Charles Smethurst im Inselstaat eher großzügige Unterstützung: Er reiste in den Jahren zuvor mehrmals nach Singapur, wo ihm der Verband der Wertpapieranleger (SIAS) eine prominente Bühne bot. Hauptargument für die damals noch unter Dolphin Trust agierende Immobilienfirma war der Standort Deutschland und die besondere Stellung denkmalgeschützter Immobilien. Der Vertriebsarm der GPG, die Shenton Wealth, warb mit „The German Opportunity“: 12 Prozent Rendite bei Anlagen ab 10.000 US-Dollar.

Diese Verkaufsstrategie wird später auch in der Strafanzeige gegen Smethurst zum Tragen kommen. Dort heißt es, dass bei den Anlegern „der Eindruck eines risikofreien Investments mit hohem Ertrag im rechtssicheren Deutschland“ erweckt wurde.

An dem Maiabend im Mercuri Bugis Hotel muss Smethurst auch über den Stand der einzelnen Immobilienprojekte berichten, in die die Anleger investierten. Als dann klar wird, dass einige Objekte nicht rechtzeitig verkauft werden können, erklärt Smethurst, dass er „alternative Projekte“ aufsetze, um die Investoren auszahlen zu können.

https://www.youtube.com/watch?v=llCqPIWrodA&t=71s

„Das ist doch von Peter leihen, um Paul zu bezahlen,“ sagt ein Anleger. Smethurst dementiert. Die Strafanzeige, die etwa 200 singapurische Anleger ein Jahr später bei der Staatsanwaltschaft Hannover einreichen, stellt fest, dass die GPG „gezielt auf eine Wiederanlage des investierten Kapitals durch die Investoren“ setzte. Auszahlungen an Investoren in der Vergangenheit erfolgten, „um das System weiter voranzutreiben.“ Es ist die Rede von einem Schneeballsystem, das laut Strafanzeige bereits 2018 zusammengebrochen sein soll. Charles Smethurst weist durch seinen Anwalt die Vorwürfe gegenüber Business Insider zurück: „Das ist falsch und lässt sich ohne Weiteres anhand der Anzahl von Investoren, bezogen auf die jeweiligen Jahre, und die Geldeingänge von Investoren sowie die Geldabflüsse an Investoren belegen.“

"Ich hätte das Geld genommen und Insolvenz angemeldet"

Am nächsten Tag, dem 27. Mai, sind die Anleger in ein Ibis Hotel eingeladen. Sie bekamen seit Mitte 2018 mehrere Rundmails mit diversen Vorschlägen zur Rückzahlung in Raten, doch die Gelder kamen nicht. Bei dieser Veranstaltung sagt Smethurst, dass einige Investoren schon ihr Geld bekommen hätten. Als die Anleger wissen wollen, wen die GPG bereits ausgezahlt hat und Belege für den Verkauf der Immobilien haben wollen, weigert er sich, Namen oder Unterlagen zu liefern. Stattdessen versucht er, die kritischen Fernsehberichte über sein Unternehmen zu diskreditieren und ärgert sich, dass er für sowas Rundfunkbeitrag zahlen muss. Wenn alles so stimmen würde, wie es von den Medien berichtet wird, würde er nicht vor ihnen stehen. „Ich hätte das Geld genommen und Insolvenz angemeldet,“ sagt Smethurst zu den Anlegern. „Dass ich hierhin gereist bin, zeigt, dass ich Eure Interessen ernst nehme.“

Ein Jahr später beantragte die GPG tatsächlich Insolvenz. Das Schlussgutachten des Insolvenzverwalters, sowie weitere interne Unterlagen aus dem Ermittlungsverfahren, ziehen ein ernüchterndes Fazit: „Teilweise wurden Grundstücke nicht einmal erworben, sondern lediglich Geld eingesammelt. Den Investoren wird de facto in keinem der Szenarien ein Gegenwert für ihre Investments geboten. Dies war von vornherein auch nicht beabsichtigt.“ Auch diesen Vorwurf weist Smethurst durch seinen Medienanwalt in einem Schreiben an Business Insider zurück. Es gäbe seitens der institutionellen Investoren „sehr detaillierte Due Diligence Prozesse mit einem Gutachten, die die Werte belegten,“ heißt es auf unsere Anfrage.

Einer, der sich gut mit der Baubranche in Singapur auskennt, ist Lee Seong Wee. Er ist Berater im Bereich Wirtschaftsinformatik und wurde auf die GPG durch die Firma Shenton Wealth aufmerksam. Shenton, eine Brokerage Firma aus Singapur mit Sitz in der Nähe des Mercure Hotels, vermarktete die Finanzprodukte für die GPG. „Ich war neugierig, wie sie es schaffen, so viel Gewinn zu generieren, dass sie zweistellige Renditen zahlen können, sich die hohen Kommissionen und Kosten für Veranstaltungen in Hotels leisten können – und dabei noch Geld übrig haben.“, sagt Lee zu Business Insider.

Lee Seong Wee fielen aber auch andere Punkte auf. Zu der Zeit konnten Unternehmen von Banken in Deutschland zu niedrigen Zinsen Geld leihen. Warum sollte sich also ein führender Immobilienentwickler in Deutschland, wie sich die GPG damals darstellte, lieber für Kredite von Privatkunden zu viel höheren Kosten entscheiden, fragte sich Lee. „Außerdem habe ich herausgefunden, dass Shenton bereits mit zwei anderen ähnlichen Finanzprodukten in den USA und Brasilien in Verzug geriet,“ erklärt der Wirtschaftsingenieur.

Smethurst sprach während den Veranstaltungen von über 60 Millionen Euro, die die GPG den singapurischen Anlegern schuldet, doch die tatsächliche Summe dürfte viel höher sein, wie diejenigen vermuten, die mit den Vorgängen vertraut sind. „Singapur ist eine Goldgrube für Betrüger, weil es hier viele naive, aber vermögende Rentner gibt, sowie unerfahrene junge Menschen, die höhere Renditen suchen, als das, was die Banken anbieten,“ erklärt Lee Seong Wee.

Einem Anleger aus Singapur gelang es, noch vor dem Singapur-Besuch von Smethurst nach einem Rechtsstreit seine Ansprüche durchzusetzen. Vielen anderen blieb nicht anderes übrig, als bei der Polizei in Singapur und durch die Internetwache der Polizei Berlin Anzeige zu erstatten. Die Anleger fühlen sich im Stich gelassen, sagt Lee Seong Wee. Die lokale Presse interessiert sich wenig für ihre Probleme und die Behörden reagieren sehr langsam auf die Beschwerden, die bereits 2017 erfolgten.

„Sie sind sehr enttäuscht, dass das Aushängeschild Deutschland weit hinter den Erwartungen blieb und sind schockiert, dass dieser vermeintliche Betrug so lange laufen konnte, wenn die ersten Zeichen eines Schneeballsystems sich laut Medienberichte bereits 2015 abzeichneten,“ sagt Lee Seong Wee. Wie wir berichteten, signalisierte 2015 das Finanzamt im Rahmen einer Betriebsprüfung, dass es bei der GPG Anzeichen für ein Schneeballsystem gab. Die Geschäfte liefen dennoch bis 2019 weiter.

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