Das unmögliche Video

Donald Trump hat ein neues Video getwittert: Mit patriotischer Musik und „Make America Great Again“-Chor feiert sich der US-Präsident für seinen Auftritt beim G20-Gipfel. Kaiser Wilhelm II. hätte es nicht besser gekonnt.


„Donald Trump hat das biologische Wunder vollbracht, 71 Jahre alt zu werden, ohne die Kindheit zu beenden“, schreibt Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart in seinem Essay „Der unmögliche Präsident“. „Wenn er TV-Moderatorinnen beleidigt und Präsidenten kleinerer Staaten aus dem Gruppenfoto drängt, dann fällt der Mann nicht aus der Rolle, wie man bei den US-Republikanern meint, sondern bewegt sich im Skript seiner Persönlichkeit.“

Dazu passt auch sein Video zum G20-Gipfel, das jetzt auf seinem Twitter-Account gepostet wurde: Es zeigt Standbilder von Trump in Hamburg zusammen mit den anderen Staatenführern. In einfachster Machart zoomt die Kamera in diese Fotos rein und raus, eine weiche Blende reiht sich an die nächste, dazu ertönt eine patriotisch-orchestrale Musik und ein Chor singt „Make America Great Again“. Es wirkt wie mit einer kostenlosen App fürs Smartphone zusammengeschnitten.


Unter US-Präsident Barack Obama oder auch unter George W. Bush wäre so ein Video unmöglich gewesen, doch mit Trump scheint alles möglich. Und die Reaktionen sind immens: 88.000 Mal wurde der Post geliked, es gibt 22.000 Retweets und 22.000 Kommentare. Viele Anhänger Trumps stehen ihm weiterhin bei, und er gibt ihnen das, was sie haben wollen: „America First“. „Die Menschen haben ihm nicht nur zugehört und zugejubelt; sie haben ihn am Ende auch gewählt“, schreibt Steingart. Und sie liken weiterhin seine Tweets.


So leicht es für viele ist, sich über den Präsidenten oder seine Anhänger lustig zu machen, so schwer fällt es manch einem, sich zu vergegenwärtigen, dass dies der mächtigste Mann der Welt ist. Steingart vergleicht Trump mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II., der ebenfalls die Political Correctness, damals Etikette genannt, missachtete, seinem Volk einen „Platz an der Sonne“ versprach und „intellektuelle Seifenblasenproduktion“ betrieb, so der Historiker Sebastian Haffner.

„Trump ist nicht Hitler, kein zweiter Napoleon und kein neuer Nero, aber – und darin liegt die tragische Parallele zum Deutschland des beginnenden vorigen Jahrhunderts – er ist ein politischer Tölpel, der sich für einen Helden hält“, schreibt Steingart. Und: „Kaiser Wilhelm II. hat mit seiner Mischung aus Rohheit und Tollpatschigkeit den Ersten Weltkrieg nicht gewollt, nicht geplant, aber am Ende eben doch ausgelöst. Er wollte nur angeben.“

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