Das unlösbare Terzic-Dilemma

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Das unlösbare Terzic-Dilemma
Das unlösbare Terzic-Dilemma

Als die Nacht im Berliner Olympiastadion eingebrochen war reckte Edin Terzic den Pokal mit funkelnden Augen in die Luft und trommelte mit einer Hand auf sein Herz.

Der Interimstrainer von Borussia Dortmund war während des DFB-Pokalfinals mit noch mehr Herzblut und Leidenschaft dabei, wie es sonst der Fall ist. Nach dem Schlusspfiff beim 4:1-Sieg über RB Leipzig ließ er dann seinen Emotionen freien Lauf. Wild und feurig - ein wenig erinnerte er an Jürgen Klopp. (Bericht: Das Party-Protokoll des BVB)

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Erst als Terzic auf seine Zukunft angesprochen wurde, wich ihm sein Grinsen ein wenig vom Gesicht. Die Emotionen verschwanden aber nicht. "Ich bitte euch. Es ist ein Tagesgeschäft, wir kriegen ständig auf die Fresse, wenn es nicht läuft", antwortete Terzic: "Gönnt uns diesen Abend. Heute halte ich nur den Pokal in der Hand." (Zu den Stimmen zum Pokalfinale)

Nach dem Pokalsieg und der aufsteigenden Form in der Liga stellt sich für Terzic und den BVB aber sehr wohl die Frage, wie es rund um die Zukunft des Interimstrainers steht. Bei den vielen brennenden Fragen kann sogar von einem echten Terzic-Dilemma gesprochen werden.

Wie ist der Status Quo?

Fakt ist, dass mit dem aktuellen Gladbach-Coach Marco Rose zur neuen Saison auch ein neuer Cheftrainer nach Dortmund kommt.

Genau das ist das Dilemma, da Terzic das Team wieder stark gemacht und zu einem Titel geführt hat. "Edin Terzic hat diese Mannschaft übernommen im Dezember, die war halb tot und er hat sie wirklich zum Leben erweckt", lobte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke den Coach nach dem Triumph in Berlin.

Watzke erklärte aber zugleich, dass die Borussen die Verpflichtung von Rose keineswegs bereuen: "Wir sind von Rose total überzeugt, mit Edin war das alles abgesprochen, da gibt es überhaupt keine Probleme. Tatsache ist: Der Edin hat den Schlüssel in der Hand. Er hat vor ein paar Wochen den Vertrag bei uns langfristig verlängert in klarer Kenntnis davon, wie es weitergeht."

Das klingt danach, dass Terzic nach der Saison wieder ins zweite Glied wechseln und als Co-Trainer von Rose fungieren soll. Doch ist dieses Szenario nach dem Pokalfinale noch denkbar?

Das Dilemma aus der Terzic-Sicht

"Was dann nach der Saison ist, worüber ich dann nachdenke, weiß ich noch nicht", sagte Terzic nach seiner markigen "Auf-die-Fresse"-Antwort.

Von Watzkes Schlüssel-Aussage will der 38-Jährige aber nichts wissen: "Ich hatte gar nichts in der Hand und ich habe auch jetzt nichts in der Hand. Wir als Team, als Trainerteam, alle Mitarbeiter, die dazu beigetragen haben, dass wir wieder in die Spur kommen - wir haben uns das alle verdient, heute diesen Abend zu genießen."

Am 13. Dezember 2020 war Terzic vom Co- zum Cheftrainer befördert worden. Fünf Monate später hat sich für den Deutsch-Kroaten vieles geändert. Er hat gezeigt, dass er ein Top-Team in der Bundesliga erfolgreich anleiten kann. Danach wieder ins zweite Glied zu rücken, das erscheint - auch wenn bei Herzensklub BVB - wenig attraktiv.

Als Co-Trainer von Lucien Favre musste sich Terzic immer wieder selbst bremsen. Ähnliches könnte ihm bei Rose blühen, gerade nachdem er nun auch die andere Seite kennt.

Vielleicht kann seine Situation sogar mit der von Hansi Flick verglichen werden als dieser zum Interimscoach bei den Bayern ernannt wurde. Flick hatte damals zugegeben noch etwas mehr Erfolg als nun Terzic, für ihn wäre eine Rückkehr ins zweite Glied allerdings auch undenkbar gewesen. Die Bayern hatten allerdings keinen neuen Coach für den Sommer verpflichtet und so trat die naheliegenste Lösung ein: Vertragsverlängerung als Cheftrainer. Diese ist bei Terzic nicht möglich.

Auf der anderen Seite bestünde für Terzic die Gefahr, sich bei einem anderen Klub zu verbrennen. Sein Kumpel Hannes Wolf wurde früh von allen Seiten gefeiert - und wurde auch als möglicher BVB-Coach gesehen - konnte als Cheftrainer beim VfB Stuttgart und dem Hamburger SV dann aber nicht überzeugen.

Terzics Liebe zum BVB ist unterdessen unbestritten. "Er ist Dortmunder Junge, das merkt man in jedem Interview. Der lebt diesen Verein, spürt den Verein, atmet den Verein", beschrieb es Watzke am späten Donnerstagabend.

Der 61-Jährige weiß aber auch, dass Terzic bei anderen Klubs Begehrlichkeiten geweckt hat. Nach SPORT1-Informationen ist unter anderem Bayern Leverkusen an dem jungen Trainer interessiert. SPORT1 weiß, dass Terzic im Saisonendspurt alle Abfragen zunächst dankend ablehnt. Terzic könnten aber auch nach Saisonende interessante Angebote vorgelegt werden.

Hierbei kommt auch der wirtschaftliche Faktor ins Spiel. Der zweifache Familienvater verdient nach seiner Vertragsverlängerung in Dortmund kein schlechtes Geld. Als Cheftrainer von Leverkusen und anderen Bundesliga-Klubs könnte er sein Gehalt aber noch deutlich aufbessern. Auch das weiß Watzke.

"Wenn der Edin aber irgendwie was anderes machen will, dann müssen wir mit ihm reden. Aber bei aller Liebe, das machen wir jetzt nicht", war der Stand nach dem DFB-Pokalfinale.

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Das Dilemma aus der BVB-Sicht

Aus Sicht von Borussia Dortmund hält das Terzic-Dilemma zwei Varianten bereit. "Der BVB steckt in der Zwickmühle", beschreibt Stefan Effenberg die Situation in seiner Kolumne für t-online.

Wenn Terzic einen Wechselwunsch kommuniziert, dann müssten die Verantwortlichen diesem eigentlich nachkommen. Das würde nach dem Pokal-Erfolg alleine schon der Anstand gebühren. Nach SPORT1-Informationen würden Watzke und Co. solch einem Wunsch auch nachkommen.

Wenn sie den ambitionierten Coach allerdings ziehen lassen, dann würden sie einen wichtigen Erfolgsfaktor verlieren. Nicht nur der letzten fünf Monate, sondern der letzten Jahre, in denen Terzic beim BVB gute Arbeit geleistet hat. Außerdem würde mit dem emotionalen Coach auch eine der letzten Identifikationsfiguren für die Fans den Klub verlassen.

Außerdem hätte der Klub Terzic nicht mehr als Alternative, um auf Rose zu folgen, wenn es mit diesem nicht funktionieren sollte. Terzics Posten als Co-Trainer von Lucien Favre war damals mit dem klaren Hintergedanken versehen, dass er auf den Schweizer folgen könnte, wenn Not am Mann ist.

Auf der anderen Seite macht der BVB seinen neuen Trainer von Beginn an schwach. "Wahrscheinlich tut Dortmund Rose keinen Gefallen, wenn Terzic bleibt und als Schattenmann immer präsent ist", glaubt auch Effenberg.

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Das Dilemma aus der Rose-Sicht

"Ich das Pokalfinale gesehen und habe mich für Dortmund gefreut", verriet Rose am Freitagmittag bei der Gladbacher Pressekonferenz: "Ich habe auch die ein oder andere Nachricht - unter anderem an Edin - geschickt und gratuliert."

Über seine Zukunft in Dortmund will sich der 44-Jährige aber noch keine genauen Gedanken machen: "Es ist noch nicht vorbei, wir hatten aber viele spannende und schöne Momente hier. Ich denke noch nicht an Abschied. Daran denke ich erst, wenn wir auf der Rückfahrt von Bremen sind."

In Bremen wird Gladbach das letzte Saisonspiel absolvieren. Für die Fohlen geht es noch um die Qualifikation für die Conference League. Rose gab aber zu, dass er den ein oder anderen Gedanken an die "Zeit danach" verschwendet. Diese dürften sich auch um Terzic drehen.

Wenn der Interimstrainer der Dortmunder Roses Co-Trainer wird, dann dürfte der Coach durchaus Druck im Rücken verspüren. Ein solch starker Co könnte kein gesundes Verhältnis zwischen Trainerteam, Mannschaft und Verantwortlichen zur Folge haben.

Außerdem muss Rose sogar fürchten, dass er kurzfristig durch Terzic ersetzt werden kann, wenn er nicht schnell Erfolg hat. Immerhin ist im zweiten Glied ein Mann, der bewiesen hat, dass er den BVB fast schon über Nacht wieder in die Spur führen kann.

Alles was Rose tun wird, wird an Terzic und dem Pokalsieg gemessen werden. Nicht die leichteste Ausgangsposition.

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