Bis zur Unkenntlichkeit und noch weiter: So hat RTL den Wendler aus DSDS getilgt

Jürgen Winzer
·Lesedauer: 6 Min.

Aus für den Wendler. RTL hat den Sänger nach seinen jüngsten Entgleisungen radikal aus dem bereits aufgezeichneten Material geschnitten. Und nicht nur er wurde entfernt, auch seine Songs! Aber nicht nur deshalb wurde es ein denkwürdiger TV-Abend.

Seine Behauptung, die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung würden Zustände wie in Konzentrationslagern schaffen, wurden nun selbst dem Konserven-Wendler zum Verhängnis: RTL radierte das umstrittene Jury-Mitglied aus den bereits aufgezeichneten Casting-Folgen von DSDS, was den Cuttern in den Schneidestudios in Köln sicherlich ein paar Extraschichten bescherte. Zwölfmal wäre der Schlagersänger andernfalls noch zu sehen gewesen.

"Sichtbare, dramaturgische Lücken nehmen wir in Kauf", hatte RTL vor der Ausstrahlung am Samstagabend angekündigt. Zudem wurde direkt vor der Show (und nach Werbepausen) ein Statement eingeblendet, dass die "Beschneidung" erläuterte.

Der Wortlaut: "Die nachfolgende Sendung wurde im September 2020 aufgezeichnet. Nach Ende der Dreharbeiten hat ein Juror Verschwörungstheorien verbreitet und wir hatten die weitere Zusammenarbeit beendet. Mit Ausstrahlung der ersten Folge von DSDS hat der Juror erneut völlig untragbare Äußerungen öffentlich verbreitet. Deswegen haben wir uns entschieden, ihn aus den Castingfolgen herauszuschneiden. Wir verurteilen jegliche Form von Antisemitismus, Rassismus sowie Diskriminierung auf das Schärfste."

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Zu dieser Entscheidung hätte man sich bei RTL womöglich schon vor der ersten Folge durchringen sollen. Oder noch früher. Das klang auch in den Sozialen Medien durch: "Wie seid ihr darauf gekommen, den Typen überhaupt zu nehmen?", fragte ein User bei Instagram, "Qualifikation als Juror bei DSDS hatte er nie", meinte ein anderer. Und: "Da müsst ihr euch schon selbst ein bisschen hinterfragen."

So hat RTL den Wendler entfernt

Mag sein, dass die Anpassungen die zweite Episode der Casting-Show ein wenig kastriert haben mögen. Aber allzu sehr schmerzten die Schnitte nicht.

Meistens zeigte RTL den Wendler so nebulös wie seine Ansichten: Er wurde digital verwischt. Bei Jury-Entscheidungen verdeckte ihn einfach ein Schild mit Ja oder Nein, bei großen Totalen war er ein schmerzender Lichtpunkt. Zu hören war er auch nicht, allenfalls mal ein Winkehändchen war zu sehen - ganz außen am Rand.

Jetzt sollte es sich aber langsam ausgewendlert haben. Was die zweite DSDS-Episode angeht, haben es ohnehin ganz andere verdient, im Mittelpunkt stehen. Und zwar ohne Wenn(dler) und Aber.

Hier sinkt ein Sternchen, dort geht ein Stern auf: Shada Ali ist nach zwei Folgen bereits DSDS-Kultstar! Das gab es lange nicht mehr in der Casting-Show, dass der Auftritt eines Kandidaten über zwei Wochen gestreckt wurde. Aber, das muss man sagen: Shada hat es sich verdient. Maite Kelly hat recht: "Dieser Auftritt geht in die Geschichte ein!"

"Schrillster Kandidat in 18 Jahren!" Für Shada wird Dieter Menderes untreu

"Ich möchte einfach weiterkommen. Nicht nur für mich, sondern für die Welt." Shada Ali sieht mehr als andere, er sieht das Große. Der verpeilte Student ("Ich trete vor die Jury mit dem Gefühl eines Überlebenden") brüllte letzte Woche den Song "Chandelier" von Sia in Grund und Boden. Weil Dieter Bohlen Gespür für Entertainment und/oder einen extrem bizarren Humor hat ("Haste noch'n zweiten Titel?"), durfte das Extrem-"Talent" das jetzt auch mit "Baby one more Time" (Britney Spears) machen. Und Shada (23) leistete ganze Arbeit.

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"Das ist der schrillste Kandidat in 18 Jahren", attestierte Dieter Bohlen und huldigte Shada: "Stell das auf YouTube und ich schwör, du kriegst zehn Millionen Views. Das will die Welt sehen! Klar, das hatte was von einer Sturzgeburt und du kannst natürlich nicht singen. So schräg wie du hat noch keiner gesungen. Du hast ganz neue Meilensteine gesetzt. Aber so was wie dich habe ich noch nie gesehen. Diesen Auftritt werde ich in meinem Leben nicht vergessen!"

Armer Menderes Bagci. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber Shada, optisch ein Mix aus dem einstigen DSDS-Wiedergänger und Mr.Bean, ist wirklich einmalig. Maite Kelly rang um Worte: "Unfassbar, was da passiert ist. Das kriegt kein Comedian hin."

Verblüffter Shada: Der "betrunkene Spongebob" schafft den Recall!

Es blieb nicht beim fassungslosen Lob. Weil Dieter ("Wer weiß, was du noch machst") und Mike Singer ("Deine Stimme erinnert mich an den betrunkenen Spongebob") Shadas Unterhaltungswert zu schätzen wussten, wird der 23-Jährige im Recall dabei sein! Maites Absage ("Nein! Das geht gar nicht!") fiel nicht ins Gewicht. Shada selbst war die Entscheidung der Jury nicht ganz geheuer: "Echt jetzt?". Aber so kann's halt kommen, wenn man sich etwas wirklich wünscht. "Ich glaube, ich bin hier, weil meine Seele und mein Herz danach schreien, gehört zu werden." Ja, das passt!

DSDS lebt vor allem in der Castingphase von den "verrückten Vögeln". Als solcher flatterte - eigentlich ebenfalls unglaublicherweise - auch Luki Haak (24) aus Flensburg in die nächste Runde. "Das war faszinierend", fabulierte Maite Kelly, "ich weiß nur noch nicht, ob auf gute oder schlechte Weise." Sie entschied sich dann doch zum Ja für den "Störmoment", ebenso wie Mike Singer. Da war Luki dann auch durch Dieter Bohlen ("Wie lange leidest du denn schon unter diesem Talent? ") nicht mehr zu bremsen.

Hochzeitssänger bei dem, dessen Name bei RTL nicht mehr genannt werden darf?

Aber es gab auch positive Überraschungen. Stanislav Surins sang so gefühlvoll, dass Maite Kelly die Tränen über die reichlich gerougten Wangen kullerten und Mike Singer bei sich "Ganzkörpergänsehaut" feststellte. Auch Dieter Bohlen war geplättet: "Heilige goldene Toilettenpapierrolle, du warst bisher der Beste!"

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Ein "Überraschungsei" (Mike Singer) war auch Matthias Schmidt. "Unglaublich, dass aus dir so eine Stimme kommt, das war echt geil", lobte Dieter Bohlen. Der 20-Jährige aus dem niederbayerischen Frauenau hat schon auf Hochzeiten gesungen. Bohlen: "Wenn du bei meiner Hochzeit singen würdest, würde ich heulen ohne Ende!" Vor Wonne, wohlgemerkt.

Kindergarten? Nicht mal die Songs vom W. werden noch bei DSDS gespielt

Für andere endete die Reise schnell, für eine völlig unerwartet. Blue Gibellli war sich nämlich sicher: "Ich werde gewinnen!" Fragt sich nur wann. 2021 jedenfalls nicht. Dieter Bohlen stellte klar: "Du bist Optimist. Aber da muss man den ersten Teil streichen - dann bleibt nur Mist. Das war eine Vollkatastrophe."

Vollkatastrophe. Schöne Überleitung zum - ein letztes Mal - Wendler. Denn Kandidat Christian Wening, Fußballschiedsrichter und "Ruhrpott-Junge", steht auf Ballermann-Schlager und sang - ausgerechnet - "einen Titel von dem (eliminierten) Juror", wie im RTL-Spruchband zu lesen war. Dieter Bohlen war sich zwar sicher: "Wir werden auch das überleben." Aber zu hören war - nix! Denn es geht nicht nur um den, dessen Name nicht mehr genannt werden darf. Es geht auch darum, dass dessen Songs nicht mehr gespielt werden bei RTL. Oder wie es im Internet hieß: "Das, meine Herren, ist Kindergarten."

Aber es war gut für die Zuhörer, denn Christian (er verhackstückte übrigens "Egal") war schlecht. Dieter Bohlen watschte ihn verbal jedenfalls ab: "Du hast Glück, dass es Abstandsregeln gibt. Sonst würde ich dir den Mund zunähen. Was da rauskommt, ist eine Katastrophe." Da hat der Christian mit der neuen persona non grata von RTL ja etwas gemeinsam.

VIDEO: Der Wendler macht eine schlechte Figur