Die unheimlichen Pläne des Bus-Riesen

Vor fast genau fünf Jahren fuhr Flixbus die ersten Busse durch Deutschland. Längst ist das Unternehmen ein Global Player – mit kühnen Visionen.

Wenn André Schwämmlein über die Zukunft seines Unternehmens spricht, dann vergleicht er sie mit nichts weniger als der Welt von Amazon. 1999 habe Jeff Bezos kaum einer auf dem Schirm gehabt. „Keiner hätte vorhersehen können, wie die Welt 20 Jahre später aussieht“, sagte Schwämmlein dem Bayerischen Rundfunk. „So ist es bei Mobilität auch.“ Jeder merke inzwischen, autonomes Fahren, E-Mobility, Sharing, On-Demand – „das sind riesige Entwicklungen. Aber keiner weiß, wie es aussieht.“

Sicher ist nur: Schwämmlein will ganz vorne dabei sein. Flixbus, gegründet 2011, ist der große Monopolist im Fernbusmarkt. 40 Millionen Kunden transportierte das junge Unternehmen allein im vergangenen Jahr, mehr als 100 Millionen sind es seit Betriebsstart 2013. Der Marktanteil in Deutschland liegt bei mehr als 90 Prozent. Operativ, so heißt es aus der Zentrale in München, sei das Unternehmen bereits im Plus – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern europaweit. Das Unternehmen hat bereits 1400 Ziele in 26 Ländern im Angebot. Dabei ist Flixbus selbst kein Busunternehmen. Die Münchener besitzen keine eigenen Busse, sondern betreiben nur die Online-Plattform, über die Kunden Tickets buchen können. Mittelständische Subunternehmen fahren die Strecken.

Damit die Erfolgsstory für die 1400 Mitarbeiter auch in Zukunft weitergehen soll, plant das Unternehmen mit Hauptsitz in München nun die nächsten Schritte. Und sie belegen, wie innovativ, mutig und experimentierfreudig das Team ist. Mitunter gehen sie über das Kerngeschäft hinaus. Die Ziele im Einzelnen.


Das Tempo erhöhen: Der komfortable Marktanteil in Deutschland ist für Schwämmlein und seine beiden Mitgründer Jochen Engert und Daniel Krauss nur Ansporn, anderswo genauso stark zu werden. „Wir haben in den nächsten Jahren in jedem Fall das Potenzial für mehr als hundert Millionen Fahrgäste im Jahr." Das wären zweieinhalb Mal so viele wie heute. Wie hoch das Potenzial ist, zeigen Rennstrecken wie zwischen Berlin und Hamburg oder Wien und Bratislava. Diese Metropolen werden teilweise bis zu 50 Mal pro Tag angefahren.

Das soll anderswo auch gelingen. Denn: Flixbus glaubt, dass viele Kunden noch nicht an die Alternative Fernbus denken, wenn sie eine Reise durch Deutschland planen. Außerdem soll das Reisen bequemer werden: Das Unternehmen führt bald freiwillige Sitzplatzreservierungen ein. Für vier Euro können Passagiere auf der oberen Etage ganz vorne sitzen.

Auf Augenhöhe mit den Airlines: Flixbus ist im Prinzip eine Vertriebsfirma, die Tickets online verkauft. Künftig will das Unternehmen aber auch mit anderen Mobilitätskonzernen kooperieren. Der „Süddeutschen Zeitung“ verriet Flixbus-Chef Engert nun, dass er Gespräche mit den Fluggesellschaften über mögliche Kooperation führe. Die Idee: Passagiere kaufen ein Ticket, das gültig ist von zu Hause bis zum Endziel. Die Fernbusse von Flixbus nutzen die Kunden dann als Zubringer zum Flughafen. Gespräche laufen etwa mit der Lufthansa-Gruppe, vor allem wohl mit der Tochter Eurowings.




Eine Weltmarke kreieren: In Europa ist Flixbus schon ein Gigant. In Frankreich etwa teilt sich das Unternehmen nach eigenen Angaben den Markt mit der Bustochter der Staatsbahn SNCF. Auch Italien läuft gut. Doch nun will Flixbus in diesem Jahr auch in den USA starten. Ein Selbstläufer wird das nicht. Der Schritt war noch nicht einmal Konsens bei den Investoren, die hinter Flixbus stehen. Dazu gehören Unternehmen wie General Atlantic, Silverlake, Daimler und Holtzbrinck VC. „Das Thema USA ist ganz klar eines, das wir wollten“, sagte Schwämmlein dem „Handelsblatt“. „Und bei dem wir unsere Investoren eher überzeugen mussten, dass das der richtige Schritt ist.“

Die Liste der Unternehmen, die sich bei einer Expansion in die Vereinigten Staaten verhoben haben, ist groß. Doch Flixbus glaubt an seinen Erfolg, will die Plattform-Technik aus Europa übertragen, mit grünen und sauberen Bussen punkten und Marktführer Greyhound (Marktanteil 40 Prozent) angreifen. Die Münchner starten noch in diesem Jahr mit 50 Fernbussen an der Westküste.


Flixbus will die nächste Stufe zünden

Züge betreiben: Flixbus ist ein Busunternehmen, aber soll es auch dabei ausschließlich bleiben? Seit gut einem halben Jahr experimentiert das Unternehmen mit Zügen. Zusammen mit dem tschechischen Unternehmen Leo Express übernahm Flixbus den einst insolventen Zugbetreiber Locomore. Seitdem geht die Zahl der Kunden, die Tickets über die Online-Plattform von Flixbus kaufen, nach oben. 100.000 Tickets wurden bereits verkauft. Zwar stapelt das Unternehmen, was eine mögliche Expansion auf der Schiene angeht, niedrig. Man wolle keine zweite Deutsche Bahn werden. Doch gleichzeitig sagt Flixbus-Chef Engert: „Wir können auch genug Volumen für Bahnstrecken produzieren." Und: "Eigentlich ist für uns ein Zug nur ein großer Bus." Lowcost-Rail sei ein Markt mit riesigem Potenzial. Zug-Strecken für die Jahre 2019 und 2020 seien bereits beantragt worden.

Mini-Busse einführen: Das Kerngeschäft von Flixbus bleiben die Fernbusse. Aber wie groß müssen die Busse eigentlich sein? Dem „Flixtaxi“ erteilte das Unternehmen im „Handelsblatt“ eine Absage.

Flixbus scheut also das Risiko, den übermächtigen Unternehmen wie Uber und Lyft aus den USA und Didi aus China auf der kurzen Strecke Konkurrenz zu machen. Carsharing oder Taxen seien eher Ergänzungen der Mittel- und Langstreckendienste. „Ich sehe nicht, dass wir da auf absehbare Zeit aktiv werden.“ Aber „klar machen wir uns in die eine wie in die andere Richtung Gedanken“, sagte Engert dem „Handelsblatt“. „So können wir zum Beispiel noch kleinere Städte mit kleineren Bussen anbinden.“


Leute unterhalten: Seitdem Flixbus auf dem Markt ist, gibt es in den Bussen kostenloses WLAN. Das Angebot war ein Coup, stellte die Deutsche Bahn in die Ecke des Nachzüglers. Der Staatskonzern hat erst vor einem Jahr Hot Spots in die Züge eingebaut. Flixbus war seit jeher der Beweis: Die können es und die Deutsche Bahn nicht. Nun will Flixbus die nächste Stufe zünden. An Bord der Fernbusse sollen die Kunden künftig Filme und Serien streamen – eine Offensive an Bord für mehr Kundenfreundlichkeit. Allerdings: Das hat die Deutsche Bahn bereits im Angebot.

Ökologisch vorangehen: Flixbus lobt sich dafür, dass Busse ökologischer seien als Autos und Züge. Das gilt zwar nur bei hoher Auslastung. Doch ohnehin reicht dem Unternehmen das nicht. „Wir wollen möglichst bald die ersten Prototypen für elektrische Busse sehen und gehen da auch auf Hersteller mit der Bitte zu, das aktiv voranzutreiben“, sagte Schwämmlein dem „Bayerischen Rundfunk“. „Unsere Aufgabe ist es, dass wir bald auch alternative Antriebe sehen im Bus.“ Die grundsätzliche Idee: Auf der Autobahn fahren Busse weiterhin mit Diesel, in die Städte geht es elektrisch.

KONTEXT

Erfolgsstory Flixbus

Die Unternehmer

Jochen Engert (36) und André Schwämmlein (36) haben gemeinsam mit Daniel Krauss (34) 2011 Flixbus gegründet. Schwämmlein und Krauss kennen sich aus Schulzeiten, Engert und Schwämmlein lernten sich als Berater bei Boston Consulting kennen. Die ersten Ideen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, hatte das Trio schon 2009, doch erst 2013 konnte Flixbus nach einer Gesetzesänderung an den Start gehen.

Das Unternehmen

Flixbus macht etwa eine halbe Milliarde Euro Umsatz. Aktuelle Zahlen nennt Flixbus allerdings nicht. Beschäftigt werden rund 1.000 Mitarbeiter, die grünen Busse sind in 26 europäischen Ländern unterwegs. Das Geschäftsmodell ist eine Vertriebsplattform. Die Busse gehören meist mittelständischen Partnern. Nach Verdrängung oder Übernahme der Konkurrenten von Post und Bahn, Megabus und Meinfernbus, hat Flixbus inzwischen mehr als 90 Prozent Anteil am deutschen Fernbusmarkt. Seit Herbst 2017 werden auch die Züge von Locomore und HKX vermarktet.