Ein ungeheurer Verdacht

Nach dem Anschlag in Barcelona läuft in den Behörden die Aufarbeitung: Wurden Hinweise übersehen, die Verbindungen zwischen dem Drahtzieher und Terroristen nahelegten? Offenbar hakte es an der Kommunikation bei der Polizei.


Bei den Ermittlungen nach den Terrorattentaten in Barcelona kommt nach und nach ein Verdacht auf: Womöglich haben spanische Sicherheitskräfte im Vorfeld wichtige Warnhinweise nicht beachtet oder nicht weitergeleitet. Täglich tauchen neue Informationen über den vermeintlichen Drahtzieher der Attentate auf, den 45-Jährigen Iman Abdelbaki Es Satty, die ihn auf den Radar der Antiterror-Experten hätten bringen müssen. Die katalanische Polizei Mossos d'Esquadra betont jedoch stets, sie habe keine Hinweise auf irgendwelche Terrorverbindungen von Es Satty gehabt. Offenbar hakte es an der Kommunikation.

Es sind vor allem drei Informationen, die den Imam verdächtig machten. Die erste stammt von Hans Bonte, dem Bürgermeister der belgischen Gemeinde Vilvoorde, einem Vorort von Brüssel. Bonte gibt an, dass die belgische Polizei sich im vergangenen Jahr in Spanien erkundigt habe, ob Es Satty Verbindungen zu Terrororganisationen habe.


Hintergrund war der Versuch von Es Satty, in Diegem, einem Nachbarort von Vilvoorde, eine Anstellung als Imam zu finden. Als er sich weigerte, ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen, habe der Verantwortliche der betreffenden Moschee die belgische Polizei verständigt. Der Imam saß zuvor vier Jahre lang wegen Drogenhandels im Gefängnis und wollte vermutlich deshalb sein Führungszeugnis nicht vorlegen.

Pikant an seinem dreimonatigen Aufenthalt in Belgien ist aber nicht nur der Verdacht der dortigen Behörden, sondern auch das Datum: Es Satty war von Januar bis März in Vilvoorde – am 22. starben in Brüssel 38 Menschen bei Terroranschlägen auf den Flughafen und die Metro.

Der Imam reiste unbehelligt zurück nach Spanien und fand im katalanischen Ort Ripoll seine Anstellung. Fast alle Mitglieder der vermutlich zwölfköpfigen Terrorzelle kamen aus dem Ort in den Vorpyrenäen.


Die Anfrage aus Belgien ist womöglich zwischen den verschiedenen Polizei-Organisationen in Spanien versickert. „Wem genau die Belgier diese Information in Spanien übermittelt haben, ist uns nicht bekannt“, sagt Juan Fernández, Sprecher der Gewerkschaft der paramilitärischen Polizei Guardia Civil, dem Handelsblatt.

„Es gibt in Spanien viele verschiedene Polizei-Organisationen, aber kein einheitliches System zum Datenaustausch, das muss sich dringend ändern.“ Neben den beiden nationalen Polizeiorganisationen Policía Nacional und den Guardia Civil gibt es in Spanien vier regionale Polizei-Organisationen – eine davon sind die katalanischen Mossos d'Esquadra sowie Gemeinde- und Stadtpolizeien.


Regierung wollte Es Satty 2014 ausweisen


Der Chef des Mossos hat stets beteuert, ihm habe keine Information über irgendwelche Terrorverbindungen von Es Satty vorgelegen. Die Gewerkschaften der beiden nationalen Polizeiorganisationen aber erklären nun, der Imam sei „Anhänger eines Haupt-Terrorverdächtigen“ gewesen, der im Jahr 2007 bei einem Anti-Terror-Einsatz in Spanien verhaftet wurde. Dass die Mossos davon nichts wussten „zeige wieder einmal“, wie schlecht die Zusammenarbeit zwischen den spanischen Polizei-Körperschaften funktioniere.

Es ist in der aktuellen Gemengelage schwer zu entscheiden, welche Informationen belegt und welche womöglich politisch motiviert sind. In derselben Mitteilung beschweren sich die Gewerkschaften, die katalanischen Mossos hätten sie bei der Untersuchung der Terrorattentate von Barcelona und Cambrils ausgeschlossen. Sie wollten das Bild eines katalanischen Staates zeigen, der selbst für sich sorgen kann.


Hintergrund ist ein erbitterter politischer Streit zwischen Katalonien und dem Rest des Landes: Die katalanische Regierung will die Region von Spanien lösen und einen eigenen Staat gründen. So berichten spanische Zeitungen etwa, Es Satty sei bei dem erwähnten Anti-Terroreinsatz nur am Rande involviert und auch nicht angeklagt gewesen.

Doch das war womöglich nicht der einzige Kontakt des Imam mit Terroristen. Im Gefängnis, wo er ab 2010 seine vierjährige Drogenstrafe absaß, lernte er laut Medienberichten einen Insassen kennen, der 2004 an den Anschlägen auf Madrider Vorortzüge beteiligt gewesen war, bei denen 191 Menschen starben. Es ist kein Geheimnis, dass sich viele Terroristen im Gefängnis radikalisieren.


Die spanische Regierung jedenfalls wollte Es Satty bei seiner Freilassung 2014 offenbar ausweisen. Aber Anfang 2015 hat ein Richter entschieden, dass er bleiben kann. Toni Castejón, Generalsekretär der Gewerkschaft der Mossos, versichert dem Handelsblatt, dass die Mossos noch nicht einmal von der Drogenvergangenheit und der Gefängnisstrafe des Imams wussten.

Spanien galt bislang als Vorbild in Sachen Terrorbekämpfung. Das Land hat nach den Anschlägen in Madrid 2004 seine Kapazitäten auf dem Feld drastisch ausgeweitet und konnte immerhin 13 Jahre lang neue Attentate verhindern. Die Vorwürfe und vermeintlichen Strukturprobleme innerhalb der einzelnen Polizei-Organisationen zeigen aber, dass es offenbar noch deutlichen Nachholbedarf gibt.

„Die Probleme bestehen nicht nur zwischen Katalonien und nationalen Organisationen, das ist ein grundsätzliches Problem“, sagt Gewerkschaftssprecher Fernández. „Ich muss bei der Guardia Civil anrufen, wenn ich Informationen aus ihrer Datenbasis haben möchte. Und dann kommt es darauf an, wenn man am Hörer hat und ob er kooperieren will oder nicht.“ Grundsätzlich seien die Polizeiorganisationen aber sehr zurückhaltend, wenn es darum gehe, Informationen zu teilen.