„Und plötzlich sprechen hier alle vom Weltuntergang“

Dass der Weltuntergang bei den Christen eine so große Rolle spielt, hängt mit bestimmten Berechnungen aus dem Alten und Neuen Testament zusammen. (Bild: ddp)

Die Idee vom Untergang der Welt ist über 2000 Jahre alt. Die Christen finden sie derart berauschend, dass sie quasi ein Exklusivrecht auf das Ende allen Irdischen für sich beanspruchen. Warum das so ist, erklärt hier Prof. Johannes Fried, der mit dem Buch „Dies Irae“ eine Geschichte des Weltuntergangs geschrieben hat. Und der Historiker verrät auch, was seiner Meinung nach am ehesten zur Apokalypse führen wird.

Laut dem Historiker Prof. Johannes Fried sind es zwei Faktoren, die die Vorstellung eines kompletten Weltuntergangs begründet haben: „Zum ersten die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr., bei der die Ewige Stadt Gottes und vor allem der Tempel niedergebrannt wurden. Und zum zweiten die Überlieferung eines Pseudo-Propheten, der auch den Namen Jesus trug, durch Jerusalem lief und den Untergang predigte“, sagt er im Interview mit Yahoo! Deutschland.

Zwei Ereignisse also, die eine reale Grundlage hatten und dafür gesorgt haben, dass sich die Vorstellung vom Untergang der Welt in der christlich geprägten, westlichen Welt ausbreiten konnte. Denn tatsächlich beschränkt sie sich auf diesen Bereich und ist mitnichten eine Idee, die die Menschen überall auf der Welt teilen. Der Historiker erläutert das anhand eines Beispiels. „Wenn es hier stark regnet oder hagelt, oder irgendwo ein relativ normales Erdbeben stattfindet wie 2009 in L’Aquila, sprechen plötzlich alle vom Weltuntergang.

Bei Naturkatastrophen spricht die westliche Welt schnell von Weltuntergangsszenarien. (Bild: ddp)

Auch die Urlauber, die 2004 den Tsunami in Indonesien überlebt haben, haben dieses Wort benutzt.“ Wohingegen zum Beispiel in Hiroshima keiner, der den Abwurf der Atombombe miterlebt hat, dieses Wort verwendet hat. „Diese Metapher gibt es woanders schlicht nicht“, sagt Prof. Fried.

Wann kommt das Ende?

In den vergangenen 2000 Jahren gab es immer Phasen, in denen Christen den Untergang mal in näherer, mal in fernerer Zukunft wähnten. „Das hängt mit bestimmten Berechnungen aus dem Alten und Neuen Testament zusammen“, erklärt der Historiker. So sind laut Bibel 1000 Jahre vor Gott wie ein einziger Tag. Da Gott die Erde ins sechs Tagen geschaffen hat und am siebten Tag ruhte, gingen manche Gelehrte davon aus, zwischen Schöpfung und Untergang der Erde würden 6000 bis 7000 Jahre liegen. Woher aber sollte man wissen, wann die um waren?

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Um das herauszufinden setzten die Mächtigen der Zeit alles daran, um die Wissenschaft voranzutreiben: Zeitrechnung, Kalender und die Erforschung von Naturphänomenen, die der Apokalypse ja vorausgehen sollten – alles Mittel um herauszufinden, wie viel Zeit den Menschen auf der Erde noch bleibt.

Der Weltuntergang ist keine Bedrohung, sondern das Ziel

Einige Berechnungen sprachen auch dafür, dass die Erde um das Jahr 800 untergehen würde. Ganz bewusst ließ sich Karl der Große am 25. Dezember des Jahres 800 zum Kaiser krönen – einem Datum, das nach dem damaligen Kalender der erste Tag eines neuen Jahrtausends und damit eindeutig apokalyptisch besetzt war. Aber warum?

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„Das Ende der Welt war damals kein mit Angst besetztes Thema, im Gegenteil. In der Bibel heißt es: An diesem Tag wird alles Böse vernichtet und nur das Gute bleibt übrig.“ Nicht auf der Erde, versteht sich, aber in der Seligkeit des Jenseits für all jene, die auf Erden genug Buße getan haben. „Auf diesen Tag haben die Menschen zugelebt.“ Und so war die Enttäuschung auch 200 Jahre später wieder groß, als die Erde abermals nicht unterging. Dieses Mal hatten die Gläubigen damit gerechnet, am Ende der 1000-jährigen Gefangenschaft des Teufels angelangt zu sein.

In der Bibel heißt es: “An diesem Tag wird alles Böse vernichtet und nur das Gute bleibt übrig.“ (Bild: ddp)

Laut der Offenbarung des Johannes tritt er daraufhin eine dreieinhalbjährige Schreckensherrschaft an, auf die das große Gericht Gottes folgt. Aber egal, für wann der Weltuntergang berechnet wurde, eines war immer gleich: „Die Reaktion war eine Intensivierung des Glaubens. Um gerüstet zu sein, unternahmen die Menschen beispielsweise Pilgerreisen nach Jerusalem, stifteten Kirchen oder ließen sie verschönern.“

Reale Ereignisse verstärken den Untergangsgedanken

Als im Jahr 1815 in Indonesien der Vulkan Tambora ausbrach, hatte das weltweite Auswirkungen. Im „Jahr ohne Sommer“ sanken die Temperaturen um mehrere Grad, Missernten lösten ein Hungerjahr und das Entstehen einer extremen Weltuntergangsstimmung aus. Im Westen, wohl gemerkt, nicht in Indonesien. Dort wurde der Ausbruch zwar auch als eine Art Strafe der Götter betrachtet, aber keineswegs als die finale. Und doch gibt es auch heute noch Faktoren, die das Gefühl eines nahenden Weltuntergangs verstärken.

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Große Kriegs-Konstellationen zum Beispiel. „Wir hatten ja schon geglaubt, die Atomkriegsgefahr sei gebannt“, sagt der Historiker. Doch die Atomtests in Nordkorea, der Konflikt mit den USA und die gesamte Riege der derzeitigen Machthaber wie Assad, Putin und der leicht erregbare Trump wecken Ängste, die laut Prof. Fried durchaus berechtigt seien. „Heute haben wir mehr Atommächte. Wir alle wissen, wie groß die Zerstörung nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki war. Wenn so etwas weltweit an verschiedenen Orten passiert, dann gnade uns Gott.“

Die größte Gefahr besteht im Zusammenspiel von Mensch und Natur

Und doch würde ein solches Szenario noch nicht das Ende der Menschheit bedeuten. „Ich will nicht zynisch sein“, sagt Prof. Fried, „aber wenn von sieben Milliarden Menschen nur eine überlebt, wird sich die Menschheit wieder vermehren.“ Eine weitere Gefahrenquelle sind Supervulkane, von denen es weltweit etwa 25 gibt. Der Yellowstone in den USA etwa oder die Phlegräischen Felder in Italien. „Wenn zwei von denen gleichzeitig ausbrechen, wird es kritisch.“

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Richtig ernst aber würde es dann, wenn solche Naturkatastrophen mit Kriegen zusammenfielen, die die Kräfte der Machthaber bereits in Beschlag nähmen. Oder es überhaupt erst Bomben wären, die Erdbeben oder Tsunamis auslösen. Dabei macht dem Historiker nicht so sehr der weltweit wachsende Nationalismus Sorgen als vielmehr der religiöse Fanatismus, wie man ihn im Vorderen Orient findet. „Im Koran ist zwar nicht vom Weltuntergang die Rede, aber von „der Stunde“, in der die böse Menschheit ausgerottet wird. Radikal-islamistische Kräfte, die einen Gottesstaat anstreben, nutzen die aktuelle Lage für ihre politischen Ziele und ihre apokalyptische Propaganda.“ Ein Mittel, dessen sich übrigens auch George W. Bush bediente, als er von der „Achse des Bösen“ sprach und damit einen Kreuzzug gegen den Satan meinte.

Auch, wenn wir es nicht versauen: Das Ende kommt so oder so

„Dass das Ende der Welt irgendwann kommt, ist keine Frage und wurde von Astronomen schon oft beobachtet“, sagt Prof. Fried. Allerdings könnten bis dahin im besten Fall noch ein paar Milliarden Jahre ins Land gehen. Und so sieht das Untergangsszenario aus: die Sonne explodiert in einer Supernova, unser Sonnensystem verglüht, das war´s. Wobei man sagen muss, dass diese Variante im Vergleich und vor allem vom jetzigen Standpunkt aus betrachtet immer noch die sympathischste ist.