Unbekannte F1-Geschichten: Jochen Mass' Williams-Test 1993

Stefan Ehlen

"Frank [Williams] wollte immer, dass ich für ihn fahre, aber aus irgendwelchen Gründen hat es nie geklappt", sagt Jochen Mass. Doch dann klingelt im Herbst 1993 unverhofft sein Telefon. Am anderen Ende meldet sich der berühmte Formel-1-Teamchef und macht Mass ein Angebot: 20 Runden im aktuellen Weltmeisterboliden von Alain Prost. Und Mass sagt sofort zu.

Zu diesem Zeitpunkt ist es elf Jahre her, dass Mass zuletzt ein Formel-1-Fahrzeug bewegt hat. Doch schnelle Autos hatten ihn nach seiner Grand-Prix-Karriere weiter begeistert, unter anderem die Gruppe-C-Rennwagen in der Sportwagen-WM. 1989 gewann Mass mit Manuel Reuter und Stanley Dickens im Sauber-Mercedes C9 die 24 Stunden von Le Mans.

Nun also wieder Formel 1, im Dezember 1993 in Le Castellet, im Alter von 47 Jahren. Die Strecke kennt Mass gut von etlichen Testrunden in allen möglichen Fahrzeugen. Doch vor Ort stellt er fest: Nicht alles ist wie früher.

Weshalb Williams Mass warten lässt

Denn Williams lässt Mass warten und erst andere prominente Testfahrer in den FW15C steigen, den Alain Prost wenige Wochen zuvor zum Weltmeisterauto der Saison 1993 gemacht hat. Mit Chassisnummer 03 hat der "Professor" in Adelaide sein letztes Formel-1-Rennen bestritten. Und eben dieses Auto darf Mass nun ebenfalls fahren.

1978: Williams-Cosworth FW06

1978: Williams-Cosworth FW06 Sutton Images

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Fahrer: Alan Jones

1979: Williams-Cosworth FW07

1979: Williams-Cosworth FW07 Sutton Images

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Fahrer: Alan Jones, Clay Regazzoni

1980: Williams-Cosworth FW07B

1980: Williams-Cosworth FW07B Sutton Images

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Fahrer: Alan Jones, Carlos Reutemann

1981: Williams-Cosworth FW07C

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Fahrer: Alan Jones, Carlos Reutemann

1982: Williams-Cosworth FW08

1982: Williams-Cosworth FW08 Sutton Images

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Fahrer: Carlos Reutemann, Mario Andretti, Derek Daly, Keke Rosberg

1983: Williams-Cosworth FW08C

1983: Williams-Cosworth FW08C Sutton Images

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Fahrer: Keke Rosberg, Jacques Laffite, Jonathan Palmer

1984: Williams-Honda FW09

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Fahrer: Jacques Laffite, Keke Rosberg

1985: Williams-Honda FW10

1985: Williams-Honda FW10 Sutton Images

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Fahrer: Nigel Mansell, Keke Rosberg

1986: Williams-Honda FW11

1986: Williams-Honda FW11 Sutton Images

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Fahrer: Nigel Mansell, Nelson Piquet

1987: Williams-Honda FW11B

1987: Williams-Honda FW11B Sutton Images

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Fahrer: Nigel Mansell, Riccardo Patrese, Nelson Piquet

1988: Williams-Judd FW12

1988: Williams-Judd FW12 LAT Images

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Fahrer: Nigel Mansell, Martin Brundle, Jean-Louis Schlesser, Riccardo Patrese

1989: Williams-Renault FW13

1989: Williams-Renault FW13 LAT Images

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Fahrer: Thierry Boutsen, Riccardo Patrese

1990: Williams-Renault FW13B

1990: Williams-Renault FW13B Sutton Images

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Fahrer: Thierry Boutsen, Riccardo Patrese

1991: Williams-Renault FW14

1991: Williams-Renault FW14 Sutton Images

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Fahrer: Nigel Mansell, Riccardo Patrese

1992: Williams-Renault FW14B

1992: Williams-Renault FW14B Sutton Images

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Fahrer: Nigel Mansell, Riccardo Patrese

1993: Williams-Renault FW15C

1993: Williams-Renault FW15C LAT Images

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Fahrer: Damon Hill, Alain Prost

1994: Williams-Renault FW16

1994: Williams-Renault FW16 Sutton Images

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Fahrer: Damon Hill, Ayrton Senna, David Coulthard, Nigel Mansell

1995: Williams-Renault FW17B

1995: Williams-Renault FW17B Sutton Images

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Fahrer: Damon Hill, David Coulthard

1996: Williams-Renault FW18

1996: Williams-Renault FW18 Sutton Images

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Fahrer: Damon Hill, Jacques Villeneuve

1997: Williams-Renault FW19

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Fahrer: Heinz-Harald Frentzen, Jacques Villeneuve

1998: Williams-Mecachrome FW20

1998: Williams-Mecachrome FW20 LAT Images

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Fahrer: Heinz-Harald Frentzen, Jacques Villeneuve

1999: Williams-Supertec FW21

1999: Williams-Supertec FW21 Sutton Images

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Fahrer: Ralf Schumacher, Alessandro Zanardi

2000: Williams-BMW FW22

2000: Williams-BMW FW22 Sutton Images

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Fahrer: Ralf Schumacher, Jenson Button

2001: Williams-BMW FW23

2001: Williams-BMW FW23 BMW AG

BMW AG

Fahrer: Juan Pablo Montoya, Ralf Schumacher

2002: Williams-BMW FW24

2002: Williams-BMW FW24 Russell Batchelor / Motorsport Images

Russell Batchelor / Motorsport Images

Fahrer: Juan Pablo Montoya, Ralf Schumacher

2003: Williams-BMW FW25

2003: Williams-BMW FW25 Sutton Images

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Fahrer: Juan Pablo Montoya, Ralf Schumacher, Marc Gene

2004: Williams-BMW FW26

2004: Williams-BMW FW26 BMW AG

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Fahrer: Juan Pablo Montoya, Ralf Schumacher, Marc Gene, Antonio Pizzonia

2005: Williams-BMW FW27

2005: Williams-BMW FW27 Sutton Images

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Fahrer: Mark Webber, Nick Heidfeld, Antonio Pizzonia

2006: Williams-Cosworth FW27

2006: Williams-Cosworth FW27 Alessio Morgese

Alessio Morgese

Fahrer: Nico Rosberg, Mark Webber, Alexander Wurz

2007: Williams-Toyota FW29

2007: Williams-Toyota FW29 Glenn Dunbar / Motorsport Images

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Fahrer: Nico Rosberg, Alexander Wurz, Kazuki Nakajima

2008: Williams-Toyota FW30

2008: Williams-Toyota FW30 Sutton Images

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Fahrer: Nico Rosberg, Kazuki Nakajima

2009: Williams-Toyota FW31

2009: Williams-Toyota FW31 Glenn Dunbar / Motorsport Images

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Fahrer: Nico Rosberg, Kazuki Nakajima

2010: Williams-Cosworth FW32

2010: Williams-Cosworth FW32 Andrew Ferraro / Motorsport Images

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Fahrer: Rubens Barrichello, Nico Hülkenberg

2011: Williams-Cosworth FW33

2011: Williams-Cosworth FW33 Sutton Images

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Fahrer: Rubens Barrichello, Pastor Maldonado

2012: Williams-Renault FW34

2012: Williams-Renault FW34 Sutton Images

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Fahrer: Pastor Maldonado, Bruno Senna

2013: Williams-Renault FW35

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Fahrer: Pastor Maldonado, Valtteri Bottas

2014: Williams-Mercedes FW36

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Fahrer: Felipe Massa, Valtteri Bottas

2015: Williams-Mercedes FW37

2015: Williams-Mercedes FW37 Sutton Images

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Fahrer: Felipe Massa, Valtteri Bottas

2016: Williams-Mercedes FW38

2016: Williams-Mercedes FW38 Sutton Images

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Fahrer: Felipe Massa, Valtteri Bottas

2017: Williams-Mercedes FW40

2017: Williams-Mercedes FW40 Sutton Images

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Fahrer: Lance Stroll, Felipe Massa, Paul di Resta

2018: Williams-Mercedes FW41

2018: Williams-Mercedes FW41 Mark Sutton / Motorsport Images

Mark Sutton / Motorsport Images

Fahrer: Lance Stroll, Sergei Sirotkin

2019: Williams-Mercedes FW42

2019: Williams-Mercedes FW42 Jerry Andre / Motorsport Images

Jerry Andre / Motorsport Images

Fahrer: Robert Kubica, George Russell

2020: Williams-Mercedes FW43

2020: Williams-Mercedes FW43 Williams F1

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Fahrer: Nicholas Latifi, George Russell

Warum als Letzter an diesem Testtag? "Das lag daran, dass ich etwas mehr Körperfülle hatte als die anderen", sagt Mass und grinst. "Deshalb mussten sie alles ausbauen, auch den Sitz. Am Ende passte ich rein, aber es fühlte sich klaustrophobisch an, weil es so eng war. Ich konnte kaum atmen, doch es ging."

Einmal Rennfahrer, immer Rennfahrer: Mass - nach 105 Grands Prix und einem Formel-1-Rennsieg - erwischt aber keinen Traumstart im Williams. "Ich würgte das Auto einmal ab und fuhr dann eine Runde, auf der ich viel husten musste, aufgrund der Vibrationen, wenn du auf einem harten Chassis sitzt. Dann hat man mir eine Gummimatte hinter den Rücken gelegt und damit ging es gut."

Mass schöpft sofort Vertrauen zum Auto

In der Tat: Mass fliegt regelrecht über den südfranzösischen Asphalt, im damals modernsten Formel-1-Auto überhaupt mit Traktionskontrolle, aktiver Aufhängung und weiteren elektronischen Hilfssystemen, das zehn von 16 Saisonrennen gewonnen hat.

Alain Prost holte im Williams FW15C seinen vierten Formel-1-WM-Titel

Alain Prost holte im Williams FW15C seinen vierten Formel-1-WM-Titel Motorsport Images

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Aber wie ließ sich der Williams FW15C wirklich fahren? Mass: "Ich brauchte nur drei Runden, um Signes voll zu fahren." Signes, das ist die schnelle Rechtskurve im Anschluss an die lange Mistral-Gerade, eine echte Mutkurve in jedem Fahrzeug.

Was Mass nach nur wenigen Kilometern so viel Vertrauen gegeben hat? "Der Grip", sagt er später, "war unglaublich. Es war elf Jahre her, dass ich zuletzt ein Formel-1-Auto gefahren war, aber ich wusste, dass der FW15C ein sehr gutes Fahrzeug war. Der Abtrieb war fantastisch und die aktive Aufhängung einfach magisch."

Die moderne Formel-1-Technik

Schlichtweg "kein Vergleich" zu den Fahrzeugen der frühen 1980er-Jahre, die Mass selbst noch aktiv in der Formel 1 bewegt hatte. "Ich konnte [das Auto] allerdings gut mit dem Mercedes C291 vergleichen, den ich ebenfalls in Le Castellet viel getestet hatte", erklärt er. Der Mercedes habe sich durch Signes sogar noch etwas schneller bewegen lassen.

Insgesamt habe ihn der FW15C beeindruckt. Mass beschreibt den Williams-Rennwagen als "perfekt", aber anstrengend: "Nach zehn Runden war ich erschöpft und kam zurück an die Box."

Dann verblüfft ihn die Formel-1-Technik von 1993 erneut: "Ich meldete ein wenig Untersteuern in den S-Kurven und hoffte, das Team würde etwas am Heck verändern. Man drückte aber nur auf einen Knopf und dann hieß es: 'Weiterfahren!'" Die ausgefeilte Elektronik des Weltmeisterautos regelte den Rest.

Die Verlockung des besten Formel-1-Autos

Und Mass gibt weiter Gas, unterbietet laut eigener Auskunft sogar die Zeit des damals noch unbekannten Williams-Testfahrers David Coulthard und meint: "Man merkt schon, warum dieses Auto die WM gewonnen hat."

Zwischen Formel-1-Karriere und Formel-1-Test bei Williams: Jochen Mass 1986

Zwischen Formel-1-Karriere und Formel-1-Test bei Williams: Jochen Mass 1986 Motorsport Images

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Ob es ihn da nicht in den Fingern juckt? Allerdings! Mass: "Wenn man die Zeit nur ein bisschen zurückdrehen könnte. Es wäre einfach, wenn du das richtige Alter hättest, aber ich glaube nicht, dass ich die Ausdauer gehabt hätte."

Seinen Formel-1-Test in Le Castellet übersteht Mass aber ohne körperliche Blessuren oder Muskelkater. Der Spontaneinsatz für Williams sei "gar kein Problem" gewesen. "Keine Ahnung warum, aber am nächsten Tag fühlte ich mich gut", sagt der Deutsche. "Aber natürlich ratterte es zwei Tage lang pausenlos in meinem Kopf."

Der Nachhall bei Mass

Es ist auch die Frage 'was wäre, wenn', die Mass beschäftigt, wenn er an seine Freundschaft zu Teamchef Frank Williams denkt. "Wir haben uns von Anfang an gut verstanden, aber aus irgendwelchen blöden Gründen bin ich nie für ihn gefahren. Ich hielt es aber für eine sehr nette Geste, dass er mich 20 Runden fahren ließ."

Und einen gewissen Nachhall hatte diese Testfahrt in jedem Fall: der laute Renault-V10-Motor beschäftigte Mass noch 48 Stunden nach dem Ende seines Formel-1-Abenteuers. O-Ton: "Es dröhnte immer noch in meinen Ohren!"

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.