UN Women erwartet Offenlegung von weit mehr Fällen sexueller Belästigung

Die jüngst bekannt gewordenen Fälle mutmaßlicher sexueller Belästigung in Hollywood und den US-Medien sind nach Auffassung der UN-Gleichstellungsorganisation UN Women nur der Anfang. Zugleich kritisierte sie das "laute Schweigen" vieler Männer

Die jüngst bekannt gewordenen Fälle von sexueller Belästigung unter anderem in Hollywood und der US-Medienbranche sind nach Auffassung der UN-Gleichstellungsorganisation UN Women nur der Anfang. Sie gehe davon aus, dass noch viel mehr Frauen mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gehen würden, sagte die Chefin von UN Women, Phumzile Mlambo-Ngcuka, der Nachrichtenagentur AFP.

Trotz der jüngsten Skandale etwa um Hollywoodmogul Harvey Weinstein sei aber bislang nicht der Wendepunkt erreicht worden, um einen wirklichen Sinneswandel zu bewirken, fügte die Südafrikanerin hinzu. "Wir sind wahrscheinlich noch nicht an dem Punkt, an dem genügend Menschen die starke Überzeugung teilen, dass dies zutiefst traumatisierend ist und bei vielen Frauen einen Schmerz auslöst, der nie endet."

Der lange Zeit mächtige Hollywood-Produzent Weinstein soll über drei Jahrzehnte hinweg dutzende Frauen sexuell belästigt haben. Mehr als hundert Frauen meldeten sich in den vergangenen Wochen mit entsprechenden Vorwürfen, darunter Stars wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie. Mehrere Frauen werfen ihm überdies Vergewaltigung vor.

Während bislang die größte Aufmerksamkeit auf Opfern in den USA liegt, hofft die Chefin von UN Women, dass die Offenlegung solcher Skandale noch mehr Wucht in anderen Ländern erlangt. Auch Frauen, die nicht Schauspielerinnen in Hollywood seien, müssten ihr Schicksal öffentlich machen, so dass die Täter die Konsequenzen tragen müssten, sagte Mlambo-Ngcuka.

Zugleich kritisierte die frühere südafrikanische Vize-Präsidentin das "laute Schweigen" vieler Männer. Diese müssten sich von den "Raubtier"-Männern distanzieren und sich für einen Wandel im Verhalten einsetzen. In dem Zusammenhang äußerte sich Mlambo-Ngcuka enttäuscht über die Politik. "Unsere Führer waren bis jetzt eine totale Enttäuschung, was dieses Problem angeht."

Sexuelle Belästigung ist ein Schwerpunktthema einer 16-tägigen Aktion, die am Samstag beginnt, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Es gibt keine globale Statistik zu sexueller Belästigung. UN Women beruft sich aber auf EU-Zahlen, wonach 45 bis 55 Prozent der Frauen in der Europäischen Union über 15 Jahre sexuell belästigt wurden.