UNO "besorgt" über Hinweise auf Verschleppungen von Kindern aus Ukraine

Die UNO hat nach eigenen Angaben Hinweise darauf, dass das russische Militär ukrainische Kinder nach Russland verschleppt und zur Adoption freigibt. "Unbegleitete Minderjährige" würden "glaubhaften" Hinweisen zufolge zwangsweise in russisch besetzte Gebiete oder nach Russland umgesiedelt, teilte am  Mittwoch (Ortszeit) das UN-Menschenrechtsbüro in New York mit. Der Betreiber des ukrainischen Akw Saporischschja warf unterdessen den russischen Besatzern die Verschleppung, Folter und Tötung ukrainischer Mitarbeiter vor.

Die stellvertretende UN-Generalsekretärin für Menschenrechte, Brands Kehris, sagte vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, ihr Büro sei "besorgt" darüber, dass die russischen Behörden ein "vereinfachtes Verfahren" eingeführt hätten, über das ukrainischen Kindern ohne elterliche Fürsorge die russische Staatsbürgerschaft verliehen werde - und dass diese Kinder "für eine Adoption durch russische Familien infrage kommen".

Kehris zufolge haben die russischen Besatzer im Rahmen eines als "Filtration" bezeichneten Programms Zentren eingerichtet, in denen ukrainische Zivilisten durchsucht und ihre persönlichen Daten gesammelt werden. Die Menschen müssten sich körperlichen Durchsuchungen unterziehen und sich dafür in manchen Fällen vollständig entkleiden. Außerdem würden ihre Mobilgeräte durchsucht und persönliche sowie biometrische Daten erfasst.

Es gebe "glaubwürdige" Informationen über zahlreiche Menschenrechtsverletzungen bei diesen Prozeduren. Besonders besorgt sei ihr Büro wegen der Gefahr des sexuellen Missbrauchs, der Mädchen und Frauen während der "Filtration" ausgesetzt seien, sagte Kehris.

Diese Kontrollen fänden bei Menschen statt, die ein Kampfgebiet verlassen oder die Gebiete unter russischer Kontrolle durchqueren wollten, berichtete die Vize-Generalsekretärin. Ukrainische Bürger, denen Russland eine Nähe zur Regierung oder den Streitkräften Kiews vorwerfe, seien gefoltert und in russische Strafkolonien verschickt worden.

Die US-Regierung beschuldigte das Büro des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Zwangsumsiedlungen tausender Ukrainer nach Russland selbst zu organisieren. Auch ein Sprecher des Außenministeriums in Washington warf Moskau "Filtrationen" in besetzten Gebieten vor. Insbesondere zielten diese Prozeduren auf Menschen, die eine Gefahr für die russische Herrschaft darstellen könnten.

Die US-Regierung verfüge über Informationen, dass Mitarbeiter des russischen Präsidentenbüros "Listen von Ukrainern" anlegten, die einer "Filtration" zu unterziehen seien, sagte der Sprecher. Der Kreml erhalte zudem Berichte über Ausmaß und Fortschritt dieser Prozeduren.

Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensia wies die "unbegründeten" Anschuldigungen zurück und bezeichnete sie als "Legende". Freiwillig nach Russland fliehende Ukrainer würden lediglich registriert. "Soweit wir es beurteilen können, handelt es sich dabei um ein ähnliches Verfahren wie in Polen oder anderen EU-Ländern", sagte Nebensia.

Der Chef der Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks Saporischschja, Petro Kotin, beschuldigte unterdessen die russischen Besatzer, ukrainische Mitarbeiter verschleppt, gefoltert und getötet zu haben. "Etwa 200 Leute sind bereits inhaftiert worden, von einigen wissen wir nicht, was mit ihnen passiert ist, es gibt keinen Hinweis, wo sie sind", sagte der Chef von Energoatom den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Einige Mitarbeiter seien getötet worden, sagte Kotin. "Wir wissen, dass Menschen gefoltert worden sind". Dem Energoatom-Chef zufolge versuchen die russischen Besatzer herauszufinden, welche Mitarbeiter pro-ukrainisch sind. "Es ist sehr schwierig für unser Personal, da zu arbeiten", sagte Kotin. Doch die Mitarbeiter wüssten, dass es wichtig für die nukleare Sicherheit und für den Brandschutz sei, vor Ort zu bleiben. "Sie erfüllen ihre Pflicht."

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