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Umweltorganisation verklagt Shell wegen unzureichender Energiewende-Strategie

Umweltorganisation verklagt Shell wegen unzureichender Energiewende-Strategie

Anfang letzten Monats kündigte die Umweltrechtsorganisation ClientEarth an, dass sie den Energiemulti Shell verklagen werde. Das mag zunächst nicht ungewöhnlich klingen. Was diesen Fall jedoch von anderen unterscheidet, ist die Tatsache, dass hier echte Menschen im Mittelpunkt stehen. Diesmal soll nicht ein Unternehmen haftbar gemacht werden, sondern der Vorstand des Unternehmens.

ClientEarth behauptet, dass die elf Vorstandsmitglieder ihre gesetzlichen Pflichten verletzt haben, weil sie es versäumt haben, eine Energiewendestrategie vorzulegen, die mit dem Pariser Klimaabkommen voll in Einklang steht.

Mit anderen Worten, der Shell-Vorstand tut nicht genug, um die Risiken zu bewältigen, denen das Unternehmen aufgrund des Klimawandels ausgesetzt ist.

"Wir bitten das Gericht um eine Anordnung, die den Vorstand verpflichtet, eine Strategie zum Management von Klimarisiken im Einklang mit seinen Pflichten nach dem (britischen) Companies Act und nach englischem Recht zu verabschieden und umzusetzen", erklärt Paul Benson, leitender Anwalt von ClientEarth.

Die Abkehr von fossilen Brennstoffen hin zu kohlenstoffarmen Alternativen ist im Grunde eine existenzielle Krise für die Öl- und Gasindustrie.

Außergewöhnlich ist auch, dass die Umweltorganisation nicht allein handelt: Sie wird von Investoren unterstützt, die 12 Millionen Aktien des fossilen Brennstoffriesen halten. Interessanterweise ist ClientEarth selbst auch einer dieser Investoren. Das Unternehmen ist seit 2016 Aktionär von Shell.

"Die Abkehr von fossilen Brennstoffen hin zu kohlenstoffarmen Alternativen wird als existenzielle Krise für die Öl- und Gasindustrie bezeichnet", sagt Paul Benson, leitender Anwalt von ClientEarth.

"Der Vorstand von Shell hat einige dieser Risiken erkannt. Das Problem ist, dass er es nicht in angemessener Weise handhabt und das Unternehmen dadurch ernsthaft gefährdet ist."

Was genau fordert ClientEarth?

"Es ist das erste Mal, dass ein Vorstand dafür zur Verantwortung gezogen wird, dass er das Unternehmen nicht richtig auf die Energiewende vorbereitet hat", sagt Benson.

Diesen Fall vor Gericht zu bringen, war keine leichte Entscheidung. Benson beteuert, dass sein Team monatelang die Dokumente durchforstet hat und über beträchtliches Fachwissen in diesem Bereich verfügt. Das Ergebnis dieser Arbeit ist diese bahnbrechende Klage, die auch einen Testfall für die englischen Gerichte darstellt.

Es besteht immer noch die Möglichkeit, dass die Medienberichterstattung und der Druck der Investoren den Vorstand zum Handeln zwingen könnten. Aber Benson sagt, das sei jetzt eine "vergebliche Hoffnung".

Dagegen ist er zuversichtlich, dass der High Court in London ClientEarth die Erlaubnis erteilen wird, den ersten Prozess dieser Art zu führen.

AP Photo/Kirsty Wigglesworth, File
Der High Court of Justice in London - AP Photo/Kirsty Wigglesworth, File

Wie kam es dazu, dass ClientEarth den Vorstand von Shell verklagte?

Benson erklärt, dass es sich um ein "Zusammentreffen einer Reihe von wirklich ernsthaften Bedenken und Frustrationen" handelt. ClientEarth ist als Aktionär von Shell auch Teil eines Netzwerks von Investoren.

Und ClientEarth sind nicht die einzigen, die sich Sorgen um die Zukunft machen. Benson sagt, dass ihre Position als Anteilseigner bedeutet, dass sie in die Besorgnisse und Frustrationen anderer Investoren über die Richtung, die das Unternehmen einschlägt, eingeweiht sind.

Die Organisation hat nach eigenen Angaben im Laufe der Jahre mehrfach entsprechende Beschwerden anhören müssen, auch von den Rentenfonds der Mitarbeiter:innen von Shell.

Das Unternehmen bestreitet jedoch, dass es Unruhe gibt, und behauptet, dass die Aktionäre die Fortschritte, die das Unternehmen bei seiner Energiewende-Strategie macht, "nachdrücklich unterstützen". 80 Prozent der Aktionäre stimmten bei der letzten Jahreshauptversammlung für die Strategie.

Worüber sind die Shell-Aktionäre besorgt?

Eines der Hauptargumente für ClientEarth ist ein niederländisches Gerichtsurteil aus dem Jahr 2021, das Shell verpflichtet, seine CO2 Emissionen bis Ende 2030 um 45 Prozent zu senken - ein Urteil, gegen das das Unternehmen Berufung eingelegt hat.

Friends of the Earth und mehr als 17.000 Mitkläger argumentierten damals erfolgreich, dass das Unternehmen seit Jahrzehnten von den Risiken der Kohlenstoffemissionen wusste und dass seine Klimaziele nicht weit genug gingen.

"Das Gericht hat ausdrücklich gesagt, dass das Urteil nicht aufgeschoben ist, solange das Berufungsverfahren läuft. Das bedeutet also, dass sie es jetzt tun müssen. Sie können nicht einfach in Berufung gehen und sagen 'oh, vielleicht gewinnen wir die Berufung'", erklärt Benson , "sie müssen es jetzt tun und das Urteil jetzt befolgen”.

Die Reaktionen auf das Urteil ließen die Alarmglocken läuten, berichtet der Anwalt.

Der Vorstand hat erklärt, dass er die Scope-One-Emissionen (direkte Treibhausgasemissionen aus unternehmenseigenen Quellen) und die Scope-Two-Emissionen (indirekte Emissionen aus gekaufter und verbrauchter Energie) bis 2030 um 50 Prozent senken wird.

Scope-3-Emissionen dagegen, d. h. Emissionen aus den vom Unternehmen verkauften Produkten, die für 90 Prozent der Gesamtemissionen des Unternehmens verantwortlich sind, sollen nicht reduziert werden.

Es ist schlicht kein vernünftiges oder nachhaltiges Managementmodell für ein großes multinationales Unternehmen, einfach zu sagen: "Nun, ein Teil dieses Gerichtsbeschlusses gefällt mir nicht, also werden wir den nicht umsetzen.”

Unabhängige Schätzungen gehen davon aus, dass die Nettoemissionen von Shell bis 2030 um nur 5 Prozent sinken werden - weit entfernt von dem, was das Gericht angeordnet hat.

Laut Benson ist der Vorstand offenbar der Ansicht, dass das 45 Prozent-Ziel nicht mit dem Geschäft vereinbar ist, und es daher nicht einhalten wird. Aber:

"Es ist einfach kein vernünftiges oder nachhaltiges Managementmodell für ein riesiges multinationales Unternehmen, einfach zu sagen: 'Nun, ein Teil dieses Gerichtsbeschlusses gefällt mir nicht, also werden wir ihn nicht umsetzen.'"

Shell: Kehrtwenden mit der Handbremse und gestrandete Vermögenswerte

Letztes Jahr hat ClientEarth in einem ausführlichen Schreiben an den Vorstand seine Bedenken dargelegt.

ClientEarth ist der Ansicht, dass Shell umso weniger in der Lage sein wird, angemessen auf potenzielle Veränderungen in den Bereichen Regulierung, Wirtschaft, Verbrauchertrends und sogar gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren, je länger das Unternehmen damit wartet. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit einer harten "Handbremsung" zur Behebung des Problems.

Da sie keine zufriedenstellende Antwort erhielten, sahen sie laut Benson keine andere Möglichkeit als eine Klage.

"Es ist ein Rezept für gestrandete Vermögenswerte, wenn man weiterhin Geld in große neue Öl- und Gasprojekte steckt, obwohl jedes einzelne Energiewende-Szenario der Internationalen Energieagentur einen Rückgang der Nachfrage voraussagt.

‘Gestrandet’ sind Vermögenswerte, von denen zu erwarten ist, dass weniger wert sein werden als veranschlagt. In Bezug auf Öl und Gas bedeutet dies, dass sie aufgrund der Energiewende entwertet oder zu Verbindlichkeiten werden.

Sie stecken all dieses Geld, das Kapital der Aktionäre und die Pensionsfonds der Mitarbeiter:innen, in diese riesigen neuen Projekte. Und diese Projekte werden höchstwahrscheinlich als "stranded assets" enden.

Er erklärt, dass das Unternehmen beispielsweise über einige Anlagen oder Projekte verfügt, die sich noch in der Explorations- und Entwicklungsphase befinden und die erst ab 2030 oder 2040 Öl und Gas produzieren werden. Laut Benson wird die Welt zu diesem Zeitpunkt aber ganz anders aussehen.

"Sie stecken all dieses Geld, das Kapital der Aktionäre, das Geld der Pensionsfonds, in diese riesigen neuen Projekte. Und diese Projekte werden höchstwahrscheinlich als gestrandete Vermögenswerte enden.

Shell hat erklärt, dass es die Anschuldigungen von ClientEarth nicht akzeptiert und darauf besteht, dass sein Vorstand seinen gesetzlichen Pflichten nachgekommen ist und im besten Interesse des Unternehmens gehandelt hat. Das Unternehmen behauptet außerdem, dass seine Klimaziele mit dem 1,5C-Ziel des Pariser Abkommens übereinstimmen. Der Vorstand hat erklärt, er werde seine Position verteidigen.

Nun muss der High Court zunächst entscheiden, ob er die Klage von ClientEarth zulässt.