Ultras nehmen sich zu wichtig

Ivo Hrstic
Ivo Hrstic, Director Digital von SPORT1, sieht die Entwicklungen in der Fanszene differenziert

Der aktuelle Bundesliga-Spieltag war weniger geprägt von guten Fußballspielen als von bedauernswerten Szenen auf den Tribünen – schade.

Der sportliche Wert der Bundesliga nimmt derzeit genauso schnell ab wie das Niveau der Hamburger Pyro-Chaoten und Hannovers Stimmungskiller.

Um das klarzustellen: Ich halte die Ultra-Szene für eine legitime und auch wichtige Fan-Bewegung, die ihre Berechtigung hat.

Denn neben stimmungsvollen Choreographien ist auch die aktive Auseinandersetzung mit der zunehmenden Kommerzialisierung im Fußball eine wichtige Funktion der Ultras. Es wäre absolut falsch, Ultras pauschal auf randalierende Chaoten und verbotene Pyrotechnik zu reduzieren.


Deshalb sind harte Strafen gegen kriminelle Teile der Szene wie beim Pyro-Chaos von Bremen mindestens genauso wichtig wie weiter im Dialog zu bleiben.

Für mich sind friedliche Protestaktionen rund um ein Montagsspiel (heute Borussia Dortmund gegen den FC Augsburg ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) ebenso legitim wie die grundsätzliche Ablehnung von Investoren oder des Videobeweises.

Was mich aber viel mehr stört ist, wenn sich Ultras selbst überhöhen, sich zu wichtig nehmen und dabei den Misserfolg des eigenen Klubs in Kauf nehmen – auf Kosten aller anderen Fans.

Die eine Sache ist es, die Übernahmepläne von 96-Boss Martin Kind abzulehnen. Dafür aber mit einem Stimmungsboykott die sportlichen Ziele in Gefahr bringen?


Hannovers Ultras spalten 96 und schaden damit einer ganzen Region. Der Rücktritt von 96-Manager Horst Heldt ("Es kotzt mich alles an") ist jedenfalls nicht mehr ausgeschlossen.

Ich würde mir wünschen, dass DFL und DFB noch stärker den Dialog mit den Fans intensivieren und vor allem sehr viel mehr Verständnis für deren Interessen aufbringen.

Und von der Ultraszene fordere ich mehr Bereitschaft, radikale Kräfte in ihren eigenen Reihen zu benennen und zu bekämpfen. Die selbsternannten "Retter des Fußballs" drohen sonst zu Zerstörern dieser Sportart zu werden.