Überraschende Bekenntnisse: Das waren die Höhepunkte im Parteien-Fünfkampf zur Bundestagswahl

Parteien-Fünfkampf zur Bundestagswahl (Bild: WDR/Herby Sachs)

Es war eine spannende Sendung. Am Montagabend diskutierten in der ARD die Spitzenkandidaten all jener Parteien, die vom TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz ausgeschlossen waren. Für die CSU war Bayerns Innenminister Joachim Herrmann dabei, für die Grünen Cem Özdemir, dazu Sahra Wagenknecht (Die Linke), Christian Lindner (FDP) und Alice Weidel von der AfD.

Die ARD fragte in ihre Ankündigung: „Wie positionieren sich die Oppositionsparteien, die CSU und die Parteien, denen sehr gute Chancen zum Einzug in den Bundestag vorhergesagt werden?” Moderiert wurde die Debatte von Sonia Mikich vom WDR und Christian Nitsche vom Bayerischen Rundfunk. Nitsche konnte kaum Akzente setzen. Bei Mikich spürte man, dass sie jahrelang „Monitor” moderiert hatte, ein investigatives Politmagazin. Sie war besser vorbereitet, moderierte souveräner, als alle vier Moderatoren am Abend zuvor.

Während sich Merkel und Schulz – wie wir seit gestern wissen – offenbar ganz doll lieb haben, spürte man bei der Fünfer-Runde politische Leidenschaft – und das bei Vertretern aller Parteien. Einziges Manko: Die Moderatoren rasten in einem Tempo durch die Themen, dass einem als Zuschauer zwischenzeitlich schwindlig wurde. Digitalisierung, Bildung, Rente, Mietpreisbremse – nicht alles wurde gründlich erörtert. „Sie können das gerne nach der Sendung vertiefen”, fuhr Mikich beispielsweise dem FDP-Mann Lindner in die Parade, als der vor sich hin monologisierte.

Weidel lobt Wagenknecht, Wagenknecht lobt Weidel

Die gute Nachricht: Langeweile kam nicht auf. Im Gegenteil: Das Publikum wurde Zeuge von erstaunlichen Koalitionen. Das lag an einem gelungenen dramaturgischen Trick: Jeder Gast durfte eine Frage an einen politischen Konkurrenten stellen. Eine Idee, von der die Politiker im Vorfeld nichts wussten, wie Mikich betonte.

AfD-Politikerin Weidel fragte Wagenknecht von der Linken: „Sie sind die einzige vernunftorientierte Person in ihrer Partei. Wie stehen Sie zur Forderung ihrer Partei nach offenen Grenzen?” Wagenknecht antwortete: „Das ist eine Zukunftsvision.” Grundsätzlich gehe es ihr darum, dass die Menschen in ihrer Heimat eine Perspektive habe. Aber die Abschottungspolitik der AfD halte sie für falsch.

Im Gegenzug wollte Wagenknecht von Weidel wissen: „Vieles, was Sie gesagt haben, sind Positionen, die ich nicht teile, aber darüber kann man reden. Doch wie wohl fühlen Sie sich in einer Partei, in der handfeste Halbnazis in den Bundestag einziehen, wie der Flügel um Björn Höcke, der das Holocaust-Mahnmal in Berlin als ‚Denkmal der Schande‘ bezeichnet?” Weidel entgegnete: „Wie Sie bei den Linken ein Einzelfall sind, so gibt es in der AfD 28.000 Einzelfälle.” Die AfD habe das höchste “Akademisierungsniveau” aller Parteien. Weidel versprach: „Sollte die Partei in den Bundestag einziehen, werde sie eine „konstruktive Politik für die Zukunft des Landes” machen.

Ob zu konstruktiver Politik auch die „Entsorgung” von politischen Gegnern gehört, wie ihr Parteifreund Gauland kürzlich gefordert hatte, verriet Weidel nicht. Dafür verblüffte die AfD-Politikerin nicht nur mit ihrem Hinweis, Wagenknecht sei „vernunftorientiert”, sondern sie lobte sogar den Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. „Bayern hat eine geringere Abschiebequote als die regierenden Grünen in Baden-Württemberg”, sagte Weidel. Es blieb nicht die einzige Überraschung an diesem Abend.

FDP und Grüne auf Kuschelkurs

So umgarnte FDP-Chef Lindner den „lieben Cem Özdemir” von den Grünen, später duzte Lindner seinen Kontrahenten konsequent. „Wo stehst du?”, fragte Lindner Özdemir beim Thema Russland. Ungewöhnlich. Denn offiziell pflegen FDP und Grüne gegenseitig eine innige Abneigung. Übereinstimmungen sah Lindner sogar mit der Linken. „Beim Thema Diesel habe ich dieselbe Einstellung wie Frau Wagenknecht”, erklärte er einer verdutzten Sahra Wagenknecht. Auch er sei für eine Umrüstung der Fahrzeuge.

Russland, Flüchtlinge, Diesel-Skandal. Für CSU-Mann Herrmann muss Deutschland wichtigere Probleme bewältigen. Hermann scheint nach der Bundestagswahl mit einem Umzug nach Berlin zu liebäugeln und sorgt sich um seine Sicherheit in der Hauptstadt. Zumindest brannte ihm eine Frage unter den Nägeln: Wie kann man die drei Dutzend Hausbesetzer in der Rigaer Straße loswerden? Für Nicht-Berliner: In der Rigaer Straße im Bezirk Friedrichshain befindet sich eine linke Kneipe und ein alternatives Wohnprojekt, dessen Bewohner sich regelmäßig Scharmützel mit der Polizei liefern. Hermann fragte also Özdemir: „Warum lässt der rot-rot-grüne Senat in Berlin die Hausbesetzer gewähren? Bei uns in Bayern dulden wir keine Hausbesetzung länger als 24 Stunden. Denn Hausbesetzung ist ein Rechtsbruch, das steht im Gesetz.”

Der Grünen-Vorsitzende schien ernsthaft überrascht angesichts dieser Frage, fing sich aber wieder und erklärte routiniert: „Wir sind ein großartiges Land und das verteidigen wir gegen Extremismus von linksaußen und rechtsaußen.” Mit diesem Bekenntnis war der unterhaltsame Abend auch schon fast zu Ende. „Das war toll, ich habe viel gelernt”, sagte Moderatorin Mikich, wobei nicht ganz klar war, ob sie das ernst oder ironisch meinte. Fazit: Trotz neuer Allianzen, erfuhren die Zuschauer, worin die Unterschiede zwischen CSU, Grüne, FDP, Linke und AfD bestehen. Und das ist deutlich mehr, als man über das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz sagen kann. (Autor: Frank Brunner)