Überhitzter Transfermarkt: Der Wahnsinn fängt beim Fan an

​Auch dieses Trikot von Barca-Neuzugang Ousmane Dembélé (r.) wird von den Fans wieder gekauft werden. Bild: DPA

Nach ewigem Herumgezappel der nächste Megadeal: Ousmane Dembélé wechselt für fast 150 Millionen vom BVB zu Barca. Dabei war der Hype um den Neymar-Rekord noch kaum abgeebbt. Das Ende aller Fußballkultur ist eingeläutet, glaubt man der öffentlichen Erregung. Warum die Fans und Kritiker sich trotzdem abregen sollen. Von Moritz Piehler.

Die Aufregung ist wieder mal riesengroß. Potzblitz: Für Profifußballer wird Geld bezahlt! Viel Geld! „Wahnsinnssummen“, „Transfer-Irrsinn“: Die Superlative kennen kein Ende. Die Summe von 222 Millionen, die PSG für Neymar gezahlt hat, oder Neymar für sich selbst, oder Katar für einen sehr teuren Botschafter ist längst Legende. Jeder der oft selbst millionenschweren Fußballfunktionäre darf mal zünftig loswettern. Klar mischen da auch die Bayern vorne mit, die sich lieber ein Stadion kaufen, als einen Neymar und die selbstredend ihre eigenen Transfers nur in hausgemachten Weißwürsten und frisch gegerbten Lederhosen entlohnen. Finanz-Vergleiche sind ohnehin gern genommen in diesen Tagen: Für einen Neymar kriegt man (geschätzt) acht Darmstädter Kader, 400 Ferraris oder 666 Bio-Eier, die dann allerdings eventuell ungesund sind. Und der Dembélé-Deal wird den deutschen Fußball bis weit in die Kreisligen hinein erschüttern!

Schlimm, schlimm, schlimm! Neu ist das freilich alles nicht, in den Anfangstagen der Bundesliga galt noch als höchster Moralverfall, Handgeld über den Wert einer Vespa hinaus anzunehmen. Anfang der 2000er waren die einsamen Rekordhalter in der Kategorie teuerster Transfer noch etablierte Weltfußballer wie Zidane (73,5 Mio) und Luis Figo (60 Mio). Schon damals wurde über die monetäre Obszönität diskutiert. Und natürlich auch der Niedergang des Fußballs herbeigepredigt. Letzte Saison waren es die China-Millionen, dieses Jahr sind es Katar und PSG, die den Markt aus den Angeln heben und deren Dominoeffekt man noch in der luxemburgischen zweiten Liga spüren wird.

Jede Saison ein neues Trikot

Geschichte wiederholt sich. Heute spricht die Stuttgarter Zeitung von „Perversion“, die Zeit von „Maßlosigkeit“. Politiker melden sich zu Wort und Wirtschaftsethiker. Moralisches Gebärden und Empörung aller Orten. Gerne in den Medien, die selbstverständlich sonst fröhlich mitwirken am Hype um die Superstars. Besonders aber natürlich in Fankreisen. Klar, dass sich die sprichwörtlichen rheinischen Dachdecker und schwäbischen Hausfrauen da ereifern, wenn sie an den eigenen schmalen Geldbeutel denken. Und es ist ja auch viel kritikwürdig an den dubiosen Finanzgeschäften, den schachernden Beratern, dem Umgang mit dem Financial Fairplay. Aber die Fans sind längst nicht so unschuldig an dieser Spirale, wie sie gerne tun. Dass sich der Fußballmarkt so rasant und in diese Preisklassen hochschaukelt, hat viel mit dem Bedürfnis der Anhänger nach Spektakel und deren unbedingtem Willen zur Finanzierung des ganzen Zirkus’ zu tun. Da wirkt das ganze Gezeter doch recht scheinheilig.

Wenn die Fans aufhören würden, jede Saison das neueste Trikot zu kaufen und stattdessen mal die schönen eingetragenen Klamotten von damals aus der Kleiderkiste holen, wäre sicherlich schnell zu bemerken, wie sich das Marktgefälle in den Fanshops angleicht. Das gilt natürlich auch für Pay-TV Abos und Ticketpreise. Das billigste Premiere League Ticket kostet mittlerweile durchschnittlich 29,44 Pfund (32,50€), aber auch nur, weil die Liga im Zuge des Mega TV-Deals eine Obergrenze für Ticketpreise eingeführt hat. Und zwar weil die Empörung der Stadiongänger über absurde Eintrittspreise zu ungemütlich wurde.

Geht zu den Amateuren!

Es wirkt immer etwas altbacken, den echten Fußball auf die holperigen Felder der Regionalliga zu verlegen. Wer aber vor lauter Zorn über Transfersummen sein 5€-Bier über die 60€-Sitze seines Vordermanns kippt und dem dabei möglicherweise noch sein nagelneues 100€-Trikot versaut, der sollte sein Verhältnis zu Sport vielleicht mal im stillen Kämmerlein einer genaueren Untersuchung unterziehen. Die Fans tragen ihren Teil zur Eventisierung bei und wer Entertainment geboten haben will und zu Massen ins Stadion strömt, nur weil ein neuer Kicker da zweimal den Ball hochhält, der darf sich über das Greifen der Marktgesetze weder wundern, noch beschweren. Das frischbedruckte Neymar-Trikot war in Paris für schmale 140€ zu haben – und rasend schnell ausverkauft. Das teuerste in der Bundesliga ist übrigens das königsblaue Schalke-Leibchen (warum auch immer, vielleicht, um wenigstens einmal ganz vorne zu stehen). Beflockt muss der Schalker Anhänger dafür 102€ aus dem Sparschweinchen zusammen klauben.

Also liebe reflexhafte Aufreger: Entweder akzeptiert ihr Eure Rolle im Megamarkt Profifußball. Oder: Besucht doch mal wieder den sympathischen Amateurclub um die Ecke. Eintritt drei Euro, Bier zwo fuffzich. Da kann man seine Liebe zum Sport auch hervorragend ausleben und schnell beobachten, wie sich die Preisschraube bei leeren Stadien und ausbleibenden TV-Zuschauern wieder zurückdrehen würde. Und aufregen kann man sich in den Amateurligen immer noch herrlich. Ob über verstolperte Chancen, den Bierbauch des Schiris, oder darüber, dass der beste Nachwuchskicker mit nem Kleinwagen zum reichen Lokalrivalen gelotst wurde (Neustädter Tagesanzeiger: „Irrer Transferwahnsinn in der Bezirksliga!!“). Meckern und zahlen läuft also nicht, die Fans können mit den Füßen abstimmen – und mit den Geldbeuteln.

Im Video: Dembele im Profil