TV-Kritik: Markus Lanz spricht mit seinen Gästen über Wut

Zu Gast sind Politiker Anton Hofreiter (B’90/Grüne), Autor Bastian Bielendorfer, Arun Gandhi, ein Enkel von Mahatma Gandhi, und „Die Welt“-Journalistin Dorothea Siems (v.l.). (Bild: Screenshot ZDF)

Grünen-Politiker Anton Hofreiter füllt mit seinen Ausführungen zu den Tierversuchen der VW-Gruppe und den Regierungsverhandlungen allein mehr als die Hälfte der Sendezeit am Dienstagabend. Die einzige Frau in der Runde kommt selten zu Wort – und Arun Gandhi spricht von „positiver Wut“.

Ein Thema war bei Markus Lanz’ Sendung zum Thema Wut besonders präsent: Nach jüngsten Enthüllungen sollen Affen in Experimenten Diesel-Abgasen ausgesetzt worden sein, um zu beweisen, dass die Schadstoffbelastung erheblich abgenommen habe. Nun soll aufgeklärt werden, welche führenden Köpfe der Automobilindustrie von den Experimenten gewusst haben – bisher geben sich VW, Daimler und BMW ahnungslos.

Obwohl eigentlich Journalistin Dorothea Siems, „Welt“-Chefkorrespondentin für Wirtschaftspolitik, eigens zu diesem Thema befragt werden und die neuesten Entwicklungen im Diesel-Skandal bewerten sollte, wendet sich Lanz zunächst an Anton Hofreiter (B’90/Grüne): „Wer wusste in Berlin von dieser Geschichte? Von den Versuchen mit Menschen und auch mit Menschenaffen?“

Neue Fragen statt Antworten

Hofreiter weiß keine Antwort darauf, fordert stattdessen: „Man muss aufklären, ob die Bundesregierung, ob vielleicht das Kraftfahrt-Bundesamt, ob das Verkehrsministerium Bescheid wussten.“ Im Rahmen des Untersuchungsausschusses zum Diesel-Skandal, der 2015 ans Licht kam, sei das Thema Tierversuche bereits vor zwei Jahren zur Sprache gekommen. Hofreiter selbst saß nicht in dem Ausschuss – hat sich aber, sagt er, in die Berichte dazu eingelesen. Sein Fazit: Die Beteiligten haben gedacht, es handele sich um alte Versuche an Ratten. Aber dass es sich um aktuelle Versuche mit Affen handele, auf die Idee sei damals offenbar niemand gekommen. Daher gebe es unterschiedliche Abschlussberichte und es sei offensichtlich versucht worden, die Ergebnisse zu vertuschen.

Hofreiter mahnt, die Bürger seien wütend, weil niemand die Verantwortung für den Diesel-Skandal übernehme. (Bild: Screenshot ZDF)

An diesem Punkt schaltet sich endlich auch Dorothea Siems ein und gibt zu bedenken, dass die zulässigen Stickstoffwerte am Arbeitsplatz – beispielsweise in Fabriken – sehr viel höher seien als im Straßenverkehr. Hier geraten Hofreiter und Siems aneinander, da der Grünen-Politiker dagegen hält und sagt, dass sich hier aber jeder Arbeiter der Gefahr bewusst sei, der er sich aussetze. Im Straßenverkehr hingegen habe man keine Wahl. Die Bürger wären ratlos und wütend, weil keiner die Verantwortung für die Aufklärung übernehme.

Am Ende einigen sich beide jedoch auf die Fragestellungen: „Wer hat sich bei der Vertuschung strafbar gemacht und wem kann man etwas nachweisen?“ Aber auch: „Warum wird nicht nachgerüstet?“ Der erste spontane Applaus des Publikums folgt auf Hofreiters Forderung: „Wer betrügt, muss das bezahlen.“

Doch Lanz lässt nicht locker und will wissen, wieso 2016 niemand nachhakte, als im Untersuchungsausschuss bereits von Tierversuchen die Rede war: „Aber Herr Hofreiter, ich kann Sie so nicht aus der Nummer rauslassen.“ Hofreiter strauchelt und stottert bei der wiederholten Antwort, dass im Untersuchungsausschuss schlichtweg niemand auf die Idee kam, dass man Versuche an Affen durchführte.

Hier bekommt Lanz an diesem Abend keine befriedigende Antwort. Die perfekte Überleitung für den Moderator, um Hofreiter über die Zukunft seiner Partei nach der Neuwahl der Parteispitze und zur Neuauflage der Großen Koalition zu befragen. Allgemeine Lacher gibt es dann bei der Anekdote, die Lanz in Hofreiters Namen zu den Jamaika-Verhandlungen mit CSU-Politiker Alexander Dobrindt zitiert: „Ich habe mit Dobrindt acht Stunden zusammengesessen. Wir haben absolut nichts erreicht. Aber ansonsten hatten wir eine wirklich gute Ebene.“

Der spannendste Gast kommt zum Schluss

Mit dem Thema Streit, Koalition und Wut geht Lanz dann zu seinem dritten Gast über. Der als Lehrerkind sozialisierte Comedian und Autor Bastian Bielendorfer wird von Lanz nach den Konflikten in der Familie befragt, die er in seinem neuesten Buch „Papa ruft an“ beschreibt – der Moderator nimmt vorweg: „Als Kind von Lehrern muss man doch nicht laut werden, sondern echt argumentieren.“

Nach ein paar netten Anekdoten über die Spleens seines Großvaters wird nun auch der einzige Gast mit internationalem Format angesprochen – Arun Gandhi, ein Enkel des weltbekannten Revolutionärs Mahatma Gandhi.

Vor 70 Jahren wurde Mahatma Gandhi in Neu Delhi ermordet. Arun Gandhi hatte seinen Großvater noch zwei Jahre lang erlebt und ist mittlerweile als Präsident des „Gandhi Worldwide Education Institute“ um die Betreuung seines Vermächtnisses bemüht. Er sagt, dessen Ideen von Freiheit und Gewaltverzicht seien aktueller denn je.

Arun Gandhi lebte zwei Jahre mit seinem berühmten Großvater zusammen. (Bild: Screenshot ZDF)

Arun wuchs in Südafrika auf, bis seine Eltern ihn zu seinem Großvater Mahatma Gandhi schickten. Bis dahin sei er in seiner Heimat selbst starken Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt gewesen, sei von Weißen verprügelt worden, weil er nicht hell genug war und von Schwarzen, weil seine Haut ihnen nicht dunkel genug war. „Das hat mich zornig gemacht und wütend und ich wollte zurückkämpfen, zurückschlagen.“ Wegen der gewalttätigen Konflikte in seinem Leben schickten seine Eltern ihn nach Indien, damit er die gewaltfreie Auseinandersetzung mit Problemen lernte.

In seinem Buch „Wut ist ein Geschenk – Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi“ vergleicht Arun Gandhi Wut und Zorn junger Menschen mit dem „Sprit“ für ein Auto – ohne diesen Treibstoff gehe es eben nicht voran. „Wenn wir nicht eine Wut in uns haben, werden wir vieles nicht tun, was wir heute tun.“ Damit meint er eine positive Wut, die einen immer wieder antreibt, Dinge verändern zu wollen.

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