TV-Kritik „Im toten Winkel“: Bremer Tatort beschreibt prekäre Pflegesituation

Im Bremer Tatort ermitteln Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen). (Bild: Radio Bremen/Christine Schröder)

Altenpflege und das Geschäft mit dem Pflegepersonal: Das stand im Zentrum eines gelungenen Tatorts, in dem die Frage nach dem Mörder sekundär (bzw. teils klar) war.

Es sind beklemmende Bilder, die den Bremer Tatort „Im toten Winkel“ eröffnen: Der Rentner Horst Claasen (Dieter Schaad) tötet seine schlafende, demenzkranke Ehefrau mit einem Kissen und ruft – ehe er versucht, sich selbst das Leben zu nehmen – die Polizei an. Er bittet sie, die beiden Leichen abholen zu kommen. Für Bremens Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) beginnt damit eine Ermittlung im Pflegebereich. „Der tote Winkel“ greift ein gesellschaftliches Tabuthema auf: Pflegenotstand und die prekäre Situation in der Pflege von Angehörigen.

Von Beginn an zeigt der Tatort düstere, verzweifelte Bilder: Eine von Jahren der Pflege völlig überforderte Frau, die ihrer dementen Mutter eine Ohrfeige gibt und sie anschreit, wann sie denn endlich sterbe. Ein Mann, der dem Pflegedienst misstraut und seine junge Frau deswegen zu Hause betreuen lässt.

Als Lürsen den Rentner im Krankenhaus konfrontiert, fragt dieser sie: „Warum haben Sie mich nicht einfach sterben lassen?“ Später zeigt die Kommissarin, zum Missfallen ihrer Kollegen, Mitleid mit dem Mann, spricht vom „gemeinschaftlich begangenen Suizid“. Kritik daran gibt es auch von ihrer Tochter Helen (Camilla Renschke): „Bei Opa ging es dich fast nicht an und bei einem fremden alten Mann berührt es dich auf einmal.“

Noch vor der zweiten Hälfte gesteht ihr Claasen den traurigen Grund für den Mord an seiner Frau. „Wir haben uns das Leben einfach nicht mehr leisten können.“ Lürsen hakt nach, meint, die beiden hätten doch einen Pflegezuschuss zugesprochen bekommen. Der Rentner erklärt ihr desillusioniert: „Wissen Sie, was mich die Pflege meiner Frau in den letzten Jahren zusätzlich gekostet hat? Da fällt das bisschen Geld mehr gar nicht ins Gewicht.“ Anschließend nimmt sich Claasen das Leben. Lürsen kommentiert: „Herr Claasen hat sich gerade suizidiert. Haben sich ihr Leben nicht mehr leisten können. Das muss man sich mal vorstellen: hier in Deutschland.“

Rentner Horst Claasen tötet aus Verzweiflung seine demenzkranke Ehefrau. (Bild: Radio Bremen/Christine Schröder)

Kurz darauf nimmt der Tatort eine Wendung – der Mord des Pflegegutachters im Fall Claasen wirft plötzlich andere Fragen auf: Inwieweit war der Mann ins organisierte Verbrechen mit der Pflege (und den Pflegediensten) involviert – und wer hat ihn erschlagen und seine Leiche anschließend ins Wasser geworfen? Bald schon wird auch der Betrug in der Pflege angesprochen: Pflegedienste, die Fachpersonal verrechnen und Hilfskräfte entsenden oder ihre Leistungen überhaupt nicht ausführen.

Am Ende ist dem Bremer Team ein sehr besonderer Tatort mit immens viel Diskussionspotenzial gelungen. Auch wenn es den Mordfall am Gutachter aufzuklären gilt – der Täter war übrigens Claasens Sohn – steht die Tätersuche mitnichten im Zentrum von „Im toten Winkel“. Viel mehr ist sie eine Rahmenhandlung für ein dringliches soziales Thema in einer Gesellschaft, die das Thema Altern (und Sterben) in Würde gerne ausblendet oder an den Rand drängt – deshalb passt der Titel auch hervorragend.

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