TV-Kritik: Dieser Tatort wollte kein Krimi, sondern ein Gedicht sein

Borowski und eine Verdächtige gehen eine Affäre ein. (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Eine Nordseeinsel, ein Schweinehof und sektiererische Christen – das waren die Zutaten, aus denen der neueste Kieler Tatort zusammengerührt war. Eine eigentlich interessante Mischung. Am Ende wurde die Folge von zu viel Poesie erdrückt.

Alles neu im hohen Norden: Erstmals muss Klaus Borowski solo ermitteln. Nach dem Zank mit seiner Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) ist der Kieler Tatort einsamer geworden – und das merkte man dem Format am Sonntagabend auch an. Denn ohne seinen Sidekick nahm der Krimi um den grummelnden Borowski nicht wirklich Fahrt auf.

In „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ verschlägt es den von Axel Milberg gespielten Kommissar also alleine auf die fiktive Insel Suunholt im nordfriesischen Wattenmeer. Dort beschäftigt ein Toter in einer vollen Badewanne die örtliche Polizei. Gefunden wurde er von seiner Freundin Famke Oejen – sehr überzeugend gespielt von Christiane Paul.

Das miese Wetter auf der Nordseeinsel machte den Tatort düster. (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Doch von da an verliert sich der Tatort in apokalyptischen Bildern, poetischen Anspielungen – so wird etwa aus Theodor Storms Novelle „Eine Halligfahrt“ und Brechts Liebesgedicht „Erinnerung an die Marie A.“ zitiert – und surrealen Traumsequenzen – und zwar in einem Ausmaß, dass sie dem Film nicht nur Ästhetik und Tiefe verleihen, sondern auch den eigentlich Plot zunehmend im Konfusen ersticken.

In seinen Träumen wird Borowski zudem von quiekenden Schweinen und verführerischen Sirenen heimgesucht. Nicht ohne Grund: Schließlich bekommt es der Ermittler in dem Fall mit einem Schweinehof zu tun – ein weiteres Opfer wurde von den Tieren aufgefressen – und in der Person von Famke Oejen auch mit einer Femme fatale. Die Freundin des Toten landet schon nach kurzer Zeit mit Borowski im Bett.

Borowskis Ermittlungen führen zu einer Familie von sektiererischen Christen. (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Oejen, so stellt sich heraus, hatte auch schon eine Affäre mit einem einheimischen Bäcker. Könnte der ihren Freund ermordet haben? So suggeriert es der Tatort lange Zeit – bis eine religiöse Kleinfamilie, bestehend aus Mutter und Sohn, auf den Plan tritt. Die Frau prangert das Leben der Inselbewohner an, der Junge geht in einer Szene mit der Axt auf Borowski los. Stecken sie hinter dem Mord?

Doch am Ende sind all das nur geschickte Ablenkungen vom Wesentlichen: Hinter dem Mord steckt Famke Oejen selbst. Beim Sex in der Badewanne hat sie ihren Freund umgebracht – indem sie ihn mit ihrem Unterleib erstickte. In den sozialen Netzwerken sorgte die Szene für etliche Kommentare.

Fazit: Ein Tatort, den man wohl künstlerisch raffiniert und atmosphärisch dicht nennen muss und dem man fast schon lyrische Ambitionen unterstellen möchte. Dem Unterhaltungswert hat dies aber eher geschadet. Die dunkel-düsteren Bilder und die schweren Literaturzitate drücken nicht nur auf die Stimmung des Ermittlers, sondern lösen auch beim Zuschauer Unbehagen aus. Sie bremsen außerdem die Handlung enorm. Schauspielerisch war die Kieler Episode aber allemal ein Augenschmaus. Insbesondere Axel Milberg und Christiane Paul wussten zu überzeugen.

Folgt uns auf Facebook und bekommt täglich aktuelle Nachrichten und Star-News direkt in euren Feed!