TV-Kritik: Dieser Tatort ging auf die Nerven – und das war gut so

Im tristen Hotelzimmer beratschlagen sich die Ludwigshafener Ermittler. (Bild: SWR/Martin Furch)

Ein heilloses Durcheinander, bei dem man trotzdem nicht wegschauen konnte: Beim Ludwigshafener Tatort, der diesmal in einem mysteriösen Schwarzwald-Hotel spielte, wurde wieder einmal ohne Drehbuch gearbeitet – ein gelungenes Experiment.

Nach der vor gut einem Jahr gesendeten Folge „Babbeldasch“, strahlte das Erste am Sonntag erneut einen Tatort aus, bei dem die Darsteller ihre Improvisationskünste unter Beweis stellen konnten. Beide Filme entstanden unter der Regie von Axel Ranisch und drehen sich um Fälle der Ludwigshafener Ermittlerin Lena Odenthal.

Was bei „Babbeldasch“ aber noch ziemlich in die Hose ging – Publikum wie Kritiker reagierten damals gleichermaßen verstört – konnten die Macher nun mit „Waldlust“ wiedergutmachen. Der Autor beider Folgen, Sönke Andresen, verriet der „Augsburger Allgemeinen“, dass man für die aktuelle Episode zwar eine Handlung erdacht hatte. Doch nur der Regisseur kannte sie. Dieser wies seine Schauspieler dann je nach Szene an, was zu tun war.

Verstörende Szene beim Abendessen: Der Hotelier und eine ehemalige Filmdiva betreten den Raum. (Bild: SWR/Martin Furch)

Erstaunlicherweise glückte dieser Versuch mit „Waldlust“. Die Story geriet dabei fast schon in den Hintergrund: Das Ermittler-Team um Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) begibt sich nach dem Weggang des Kollegen Kopper in ein verschneites Waldhotel, um dort an einem Motivationsseminar teilzunehmen. Der Lorenzhof, so der Name der heruntergekommenen Absteige, wird von einem missmutigen Hotelier und dessen Nichte geführt.

Schon bald wird eine komplizierte Familiengeschichte sowie ein bereits einige Jahre zurückliegendes Verbrechen offenbart, in das die halbe Ortschaft verstrickt zu sein scheint. Bei „Waldlust“ stand im Gegensatz zu anderen Tatort-Folgen aber nicht so sehr die Suche nach dem Mörder im Vordergrund, sondern der durch die geschlossene Location entstehende Nervenkitzel.

Odenthal und Stern (Lisa Bitter) hören nachts Geräusche im Hotel. (Bild: SWR/Martin Furch)

Merkte man den Darstellern anfangs ihre Improvisationen noch an, so fielen diese nach spätestens 20 Minuten nicht mehr auf. Surreale Szenen sorgten für nervliche Anspannung: Wie etwa, als die Ermittler beim Abendessen plötzlich eine bizarre Vorführung mit einer greisen Dame, die einst eine berühmte Schauspielerin war, bekommen.

Das Jahre zurückliegende Familiendrama des Hoteliers und seiner Nichte, in das auch ein örtliches Polizistenehepaar involviert war, forderte im Lauf der Handlung mehrere Tote.

Vorbild für den abgehalfterten Lorenzhof und Namensgeber für diese Tatort-Folge war im Übrigen das 2005 geschlossene Schlosshotel Waldlust in Freudenstadt im Schwarzwald. Während das Grandhotel Waldlust seine große Zeit in Wirklichkeit in den 20er bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte, soll der fiktive Lorenzhof in den 70er und 80er Jahren bei Promis beliebt gewesen sein.

Fazit: Obwohl dieser Tatort erkennbar experimentell ist – stotternde Dialoge, plötzliche Bildschnitte, unstrukturierte Handlung – funktioniert „Waldlust“ erstaunlich gut. Die Odenthal-Episode geht buchstäblich auf die Nerven, da man das verrückte Treiben in dem abgelegenen Waldhotel als Zuschauer über weite Strecken angespannt verfolgt. Dennoch: Für jeden war diese Folge nichts. Man muss sich schon auf das Experiment Impro-Tatort einlassen. Dann aber macht „Waldlust“ richtig Spaß.