Türkei-Wahl: Muharrem İnce könnte Erdoğan aus seinem Palast verdrängen

Mobilisiert die Massen: Muharrem İnce findet bei vielen Türken großen Anklang. (Bild: Getty Images)

Er gilt als Stimme der weltoffenen Türkei und erreicht mit seinem Wahlkampf Millionen von Menschen. Sofern die Wahlen am Bosporus fair verlaufen, hat Muharrem İnce sogar eine Chance, nächster Präsident zu werden.

Seit fast zwei Jahrzehnten wird die türkische Innen- und Außenpolitik von einem einzigen Mann bestimmt: Recep Tayyip Erdoğan. Der 64 Jahre alte Politiker war in den 90er Jahren Bürgermeister von Istanbul, wurde später Ministerpräsident seines Landes und ist heute ein mit etlichen Vollmachten ausgestatteter Staatspräsident, der praktisch im Alleingang darüber entscheidet, was in der türkischen Republik umgesetzt wird und was nicht.

Doch bald schon könnte es einen Wechsel an der türkischen Staatsspitze geben. Mit Muharrem İnce hat erstmals ein Gegenkandidat Erdoğans reale Chancen, einen politischen Umschwung in Ankara herbeizuführen. Dem ehemaligen Chemie- und Physiklehrer fliegen bei seinen Wahlkampfveranstaltungen die Herzen zu. Lautstark rufen sie bei seinen Reden bereits: „Präsident İnce! Präsident İnce!“

Von Muharrem İnce fühlen sich vor allem liberale und progressive Türken angesprochen. (Bild: Getty Images)

Längst handelt es sich bei İnce nicht mehr um ein Randphänomen. Eine Bewegung ist entstanden. Laut „New York Times“ sei der Stimmungsumschwung im ganzen Land „evident“. Und in der Tat drängen zehntausende Menschen zu den Auftritten des Spitzenkandidaten der CHP-Partei, den Kemalisten, die im Gegensatz zu Erdogans AKP keine islamisch-religiöse Gesellschaft anstreben, sondern einen säkular-liberalen Staat westlicher Prägung.

İnce stammt aus einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen ist er im Nordwesten der Türkei, in einem Dorf namens Elmalik in der Provinz Bolu, einer urbaren Hügellandschaft mit vielen Obstbäumen. Schon als Kind musste İnce seiner Mutter bei der Apfelernte helfen. Sein Vater war als Lastkraftwagenfahrer tätig. Durch diesen Hintergrund kommt der Politiker heute deshalb nicht nur bei den akademischen Eliten gut an, sondern auch bei den einfachen Arbeitern.

Bei İnces Reden jubeln die Anhänger, feiern ihn schon als kommenden Präsidenten. (Bild: Getty Images)

Vielmehr erreicht er die Menschen jedoch mit seinen politischen Versprechungen: İnce will in Bildung und den Technologiesektor investieren, die Justiz wieder unabhängig machen und eine freie Presse garantieren. Dennoch möchte der Kemalist konservativ gesinnte Wähler nicht verschrecken. Seine Zusage, weder das Kopftuchverbot wieder einführen noch die von Erdoğan stark geförderten Religionsschulen abschaffen zu wollen, kann als Zugeständnis an traditionelle Schichten betrachtet werden.

Über Erdoğan sagte İnce bei Veranstaltungen immer wieder: „Wer ist mein Rivale? Ein weißer Türke, der in seinem Palast weißen Tee trinkt. Ich dagegen trinke schwarzen Tee.“ Mit weißen Türken meint İnce die bürgerliche Elite, schwarze Türken sind dagegen die Ausgebeuteten und Entrechteten. Zudem machte sich İnce mit seiner Aussage über Erdoğans Vorliebe für teure Teesorten lustig und verurteilte dessen Prunksucht: Erdoğan ließ sich auf Staatskosten einen 40.000 Quadratmeter großen Präsidentenpalast bauen, dessen Errichtung auch international für viel Wirbel sorgte.

Zehntausende Menschen strömen zu den Wahlkampfveranstaltungen von Muharrem İnce. (Bild: Getty Images)

In aktuellen Umfragen kommt Amtsinhaber Erdoğan auf 45 Prozent der Stimmen, İnce dagegen lediglich auf 20 Prozent. Doch die Umfragen beziehen sich nur auf den ersten Wahlgang am 24. Juni. In einer Stichwahl dürfte es wahrscheinlich zu einem Duell zwischen Erdoğan und İnce kommen. Und dann könnte İnce die Stimmen der restlichen Oppositionskandidaten auf sich vereinen.

İnce oder Erdoğan: Darüber müssen die Türken in den kommenden Tagen abstimmen. (Bild: Getty Images)

Die Wahlen selbst sind in der Türkei zwar frei, dennoch kam es in der Vergangenheit in Wahllokalen und bei Auszählungen immer wieder zu Unregelmäßigkeiten. Sowohl bei der Parlamentswahl im November 2015 als auch beim Referendum im April 2017 gab es laut OSZE-Beobachtern etliche Ungereimtheiten. Dieses Jahr könnte der Leidtragende dieser Vorgehensweise Muharrem İnce heißen.