Tue Gutes – und rede bei Facebook darüber


Die Geschichte passt perfekt zur Vorweihnachtszeit, zur Spendenbereitschaft und zur Markteinführung der amerikanischen Online-Spendenplattform Gofundme in Deutschland: Kate, 27 Jahre alt, lange blonde Haare, bleibt in Philadelphia auf einem Highway inmitten von Nirgendwo mit ihren Auto liegen. Kein Benzin mehr im Tank. Zum Glück war da Johnny, ein Obdachloser, der mit einem Pappschild am Straßenrand saß. Er wies die junge Frau an, sich in ihrem Wagen zu verriegeln, er selbst ging zur nächsten Tankstelle und kaufte von „den letzten 20 Dollar in seiner Hosentasche“ einen Kanister Benzin.

Die Dankbarkeit der jungen Frau war so groß, dass sie bei der Spendenplattform Gofundme eine Sammelaktion für ihren Benzin-Retter startete. Zunächst hatte Kate nur eine Summe von 10.000 Dollar als Ziel im Kopf, aber dann ging die Story quasi um die Welt und sie sammelte in den ersten zwölf Tagen das Zehnfache ein.

Die Geschichte habe sich tatsächlich genau so zugetragen, versichert Rob Solomon, CEO des amerikanischen Start-ups, das ab Dienstag auch auf dem deutschen Markt tätig ist. Es sei später Abend gewesen, als ihm seine Frau von dieser Geschichte erzählt habe. Vorgelesen von seiner Homepage – Gofundme. Schon am nächsten Morgen seien die Spendenzahlen schier durch die Decke gegangen. Solomon guckt ernst. Er reist gerade von Redaktion zu Redaktion, um für sein Unternehmen zu werben. Die Spendenfreude der Menschen, die zur Weihnachtszeit ihren alljährlichen Zenit erreicht, ist sein Geschäft. Deutschlandchefin Jeannette Gusko, die von der Onlineplattform Change.org kommt und künftig die Deutschlandgeschäfte von Berlin aus führt, nickt.


2010 wurde Gofundme von Brad Damphousse und Andrew Ballester gegründet. Eines von unzähligen Start-ups, die im Silicon Valley ihren Anfang nahmen und nichts Geringeres wollen, als die Welt verändern. Solomon ist davon überzeugt, dass das auf sein Unternehmen auch zutrifft. Gofundme richtet sich an Privatpersonen und Organisationen, die damit eigene Kampagnen ins Leben rufen können. Sie können Geld sammeln für eigene Bedürfnisse, Studienaufenthalte, medizinische Versorgung, Notfälle aller Art, aber auch Tierpflege, oder eigenes Unternehmertum. Projekte, die ihnen selbst zu Gute kommen – oder anderen helfen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Fast keine Grenzen.

Als der Massenmörder Charles Manson im November starb, organisierte sein Enkelsohn über Gofundme eine Spendenaktion, um das Begräbnis zu finanzieren. Es dauerte nicht lange – Solomon spricht von einigen Stunden – und der 80-Mann-Trupp Mitarbeiter, der bei Gofundme über die Einhaltung der firmeneigenen Richtlinien wacht – keine Gewalt, keine Diskriminierung – schlug Alarm. „Raus hier“, sagte Solomon. Manson, dessen Anhänger Ende der 60er-Jahre die Schauspielerin Sharon Tate im achten Schwangerschaftsmonat ermordeten, ist keine Person, die sein Start-up postum unterstützen will.


Fünf Milliarden Dollar Spenden

Solomon arbeitet seit 2016 als CEO bei Gofundme. Er kommt von dem Investor Accel Partners, dem Mehrheitseigentümer des Start-ups, und gilt als ausgewiesener Technologiekenner. Auch die Geschäfte des Gutschein-Portals Groupon hat er einst geführt.

Die digitale Spendenplattform Gofundme aus San Diego in Kalifornien hat nach eigenen Angaben seit der Unternehmensgründung ein Spendenvolumen von fünf Milliarden Dollar aktiviert. Das Geld verteile sich auf vier Millionen Kampagnen, für die rund 50 Millionen Menschen ihr Geld gegeben haben, so berichtet es das Unternehmen. Das Geschäftsmodell ist simpel: Gofundme berechnet eine Gebühr von fünf Prozent des Spendenaufkommens, außerdem wird eine Zahlungsgebühr von knapp drei Prozent fällig.

Neben den USA und nun auch Deutschland ist Gofundme in Großbritannien, Frankreich und Spanien aktiv. Aber die Pläne von Solomon und seinem inzwischen 300-köpfigen Team sind groß: In fünf Jahren, so sagt er, werde sein Unternehmen größer sein als etablierte Organisationen wie Unicef oder die Bill & Melinda Gates Foundation. Solomon glaubt daran, dass seine Organisation durch die Wucht der Sozialen Netzwerke an Fahrt gewinnen wird. Denn Geschichten wie die der jungen Frau, deren Auto auf dem Highway liegen blieb, verbreiten sich in Windeseile in den sozialen Netzwerken. Davon lebt Gofundme. Tue Gutes – und rede bei Facebook & Co darüber.


Nun ist aber erst einmal der deutsche Markt im Visier der Spendenexperten. Hierzulande haben sie es mit bereits etablierten Online-Spendenportalen wie Betterplace, Kickstarter und Startnext zu tun. Solomon ist zuversichtlich, dass der Spendenmarkt groß genug ist, auch für sein Unternehmen.

Auch wenn der offizielle Start von Gofundme in Deutschland erst in dieser Woche stattfindet, so hat bereits der „Soft Launch“ begonnen, also eine Eröffnung vor der Eröffnung. 50.000 Menschen, die ihr Geld über ihre Plattform spenden, hätten sie in Deutschland bereits mobilisieren können, so sagt Deutschlandchefin Gusko. In Summe betrage das deutsche Spendengeld schon 1,5 Millionen Euro. In Deutschland gebe es eine große Tradition des gesellschaftlichen Engagements, sagt Gusko, das Ehrenamt sei ein wichtiger Eckpfeiler des Gemeinwesens. Am Tag der deutschen Markteinführung von Gofundme findet auch der Internationale Tag des Ehrenamtes statt – das passt perfekt zusammen.

KONTEXT

Was Sie beim Spenden beachten sollten

Spendensiegel

Es gibt kaum Kontrollstellen, die sich intensiv mit der Wirkung von Spendenorganisationen auseinander setzen. Eine der wenigen ist immerhin das Deutsche Institut für Soziale Fragen (DZI), das die Organisationen dahingehend überprüft, ob etwa ihr Verwaltungsaufwand angemessen ist. Wer als förderungswürdig gilt, bekommt ein Spendensiegel. Es gibt aber auch eine lange Liste von Organisationen, bei denen das DZI von einer Spende abrät, einzusehen auf der Homepage des Instituts.

Homepage des Instituts

Keine zweckgebundenen Spenden

Das DZI rät davon ab, zweckgebunden zu spenden. Das erhöht den Verwaltungsaufwand, weil das Geld klar abgetrennt werden muss. Zudem kann es vorkommen, dass zu einem Thema zu viel Spenden eintreffen und zu einem anderen zu wenig. Die Organisationen wissen selbst am besten, wo das Geld gebraucht wird.

Auf Seriosität achten

"Stark Mitleid erweckende und gefühlsbetonte Werbung ist ein Kennzeichen unseriöser Organisationen", schreibt das DZI in seinen Spendentipps.

Spendentipps

Lieber Klotzen als Kleckern

Experten empfehlen, Spenden auf wenige Organisationen zu beschränken. So kann man sie besser überprüfen und reduziert zudem den Verwaltungsaufwand für die Organisationen.

Nur Bares ist Wahres

Das ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Geld ist aber meist besser als eine Sachspende, raten etwa Stiftung Warentest und das DZI. Es ist flexibler und letztlich kostengünstiger als Sachspenden, da viele Hilfsgüter billiger vor Ort gekauft werden können.