Auch Tschechien hat am Nervengift Nowitschok geforscht

Britische Experten am Schauplatz der Nowitschok-Attacke auf den Ex-Spion Skripal. Foto: Andrew Matthews/PA Wire

Die Ermittlungen im Fall Skripal laufen auf Hochtouren. Auch zum Nervengift Nowitschok werden immer mehr Details bekannt. Was aus Tschechien gemeldet wird, kommt aber überraschend.

Prag/Salisbury (dpa) - Seit zwei Monaten rätseln Ermittler, wer den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet hat. Der Öffentlichkeit war die einst in der Sowjetunion entwickelte Substanz bis dahin weitgehend unbekannt.

Nun hat Tschechiens Präsident Milos Zeman zugegeben, dass auch in seinem Land noch vor wenigen Monaten mit einer Nowitschok-Variante experimentiert wurde.

«Die Menge des hergestellten Gifts war angeblich klein, und es wurde nach den Versuchen vernichtet», sagte Zeman dem Fernsehsender Barrandov. Nowitschok ist nicht gleich Nowitschok; die Giftgruppe gibt es in Varianten. In Tschechien sei an der Substanz A-230 geforscht worden, beim Anschlag auf die Skripals solle A-234 verwendet worden sein, betonte Zeman.

Das Experiment in Tschechien habe im vergangenen November in einem militärischen Forschungsinstitut in Brünn (Brno) stattgefunden. «Wir wissen wo, wir wissen wann, also wäre es Heuchelei, so zu tun, als ob nichts geschehen wäre», sagte der als russlandfreundlich geltende Staatschef. Er berief sich auf einen Bericht des Militärgeheimdienstes. Nach Einschätzung von Fachleuten sind nur wenige Labore in der Welt in der Lage, mit solchen Nervenkampfstoffen zu arbeiten.

Skripal und seine Tochter Julia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im englischen Salisbury entdeckt worden. Die Ärzte konnten ihr Leben retten. Großbritannien macht Russland für den Anschlag verantwortlich. Der Fall löste eine schwere diplomatische Krise aus.

Das Außenministerium in Moskau wies die Vorwürfe aus London zurück: Als Herkunftsländer des verwendeten Kampfstoffs kämen Tschechien, Großbritannien, die Slowakei und Schweden infrage, so der Kreml. Die Regierung in Prag verneinte das bislang. «Die Russen haben alle Grenzen überschritten», sagte etwa Ministerpräsident Andrej Babis von der populistischen ANO-Partei.

Der deutsche Chemiewaffenexperte Ralf Trapp ist überzeugt, dass in mehreren Ländern mit Nowitschok experimentiert wurde. «Ganz bestimmt in den USA, sicher auch in einigen europäischen Ländern und vielleicht auch in Staaten in Asien», sagte Trapp am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Der Experte arbeitet auch als unabhängiger Berater für die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW). Er wolle sich aber nicht an Spekulationen beteiligen.

Verwirrung gab es um die Menge des bei dem Attentat verwendeten Gifts. Sie könne vermutlich in Milligramm ausgedrückt werden, teilte die OPCW am Freitag in Den Haag mit. Eine genaue Schätzung sei nicht möglich. Die Organisation widersprach damit einem Bericht der «New York Times».

Darin hieß es mit Verweis auf die OPCW, dass zwischen 50 und 100 Gramm Nowitschok in flüssiger Form beim Anschlag verwendet worden seien. In Russland waren die Angaben sofort angezweifelt worden. Damit hätte man ganz Salisbury töten können, erklärte das Außenministerium in Moskau.

Das Gift ist britischen Ermittlern zufolge wohl an eine Türklinke am Haus von Skripal geschmiert worden. Die Russin Julia Skripal ist inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen und an einen unbekannten Ort gebracht worden, ohne dass russische Diplomaten sie sprechen durften. Ihr Vater ist außer Lebensgefahr, wird aber nach offiziellen Angaben immer noch in der Klinik behandelt. Wann er entlassen wird, wollte ein Sprecher dort am Freitag auf Anfrage nicht sagen. Experte Trapp schloss chronische Schäden und Spätfolgen durch das Gift nicht aus.

Die Vorwürfe Großbritanniens gegen Russland seien unhaltbar, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. «Die zahlreichen Täuschungen der Regierung von (Premierministerin) Theresa May werden immer klarer», kommentierte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. So habe London behauptet, Nowitschok sei nur in Russland hergestellt worden. Zemans Aussage widerlege dies. Zeman liegt bisweilen mit der Regierung von Babis über Kreuz.

Tschechien betreibt im südmährischen Vyskov (Wischau) ein Nato-Kompetenzzentrum zur Abwehr von ABC-Waffen, also atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen. Der frühere Warschauer-Pakt-Staat ist seit 1999 Mitglied des transatlantischen Bündnisses. Die internationale Chemiewaffenkonvention verbietet unter anderem die Entwicklung und den Besitz von Chemiewaffen, schließt aber die Forschung zu Abwehrzwecken nicht aus - solange bestimmte Bedingungen und Meldepflichten erfüllt sind.