Streit um Handelspolitik – Trumps wichtigster Wirtschaftsberater schmeißt hin


Nur eine Stunde, bevor der Rücktritt von Donald Trumps Chefökonom bekannt wurde, bemühte sich der US-Präsident um gute Stimmung. Während einer Pressekonferenz mit dem schwedischen Premier Stefan Löfven betonte Trump: „Jeder möchte im Weißen Haus arbeiten. Wir haben hier eine ungeheure Energie. Alle wollen ein Stück vom Oval Office.”

Streit, so der Präsident, sei normal in einer Regierung. „Ich liebe Konflikte.” Er höre sich stets beide Seiten an und sei dann in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Doch am Ende gab es zu viel Streit – wieder einmal. Erneut verliert der Präsident ein exponiertes Mitglied seines engsten Führungsstabs.


Als Direktor des Nationalen Wirtschaftsrats steuerte Gary Cohn mehr als ein Jahr die US-Wirtschaftspolitik aus dem Weißen Haus. Nun verlässt er die Regierungszentrale. Der chaotische Prozess um die Einführung radikaler Strafzölle wird damit zusätzlich erschüttert.

Es sei ihm eine Ehre gewesen, „meinem Land zu dienen“, hieß es in einer kurzen Mitteilung Cohns. Er sei Trump dankbar für diese Möglichkeit. Trump selbst ließ verbreiten: „Gary war mein wichtigster Wirtschaftsberater und hat hervorragende Arbeit geleistet, um unsere Agenda voranzutreiben. Er ist ein seltenes Talent und ich danke ihm für seinen engagierten Einsatz für das amerikanische Volk.“ Kurze Zeit später twitterte der US-Präsident, dass es schon bald eine Entscheidung darüber geben werde, wer sein neuer Chefökonom werden wird.


Cohn verdiene Anerkennung, schrieb Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein auf Twitter. „Ich gehöre, so wie viele andere, zu jenen, die enttäuscht darüber sind, dass er geht.“ Cohn hatte von 1990 bis 2017 bei Goldman Sachs gearbeitet.


Zu den Hintergründen seines Rücktritts äußerte sich Cohn nicht, doch sein Abgang steht für die Eskalation eines Machtkampfs zwischen Freihandelsbefürwortern und Protektionisten in der US-Regierung.

Viele Trump-Verbündete gegen Strafzölle

Zugespitzt hat sich die Situation durch Trumps Entscheidung, radikale Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte einführen zu wollen. Cohn, Finanzminister Steven Mnuchin, Außenminister Rex Tillerson und Verteidigungsminister James Mattis hatten sich stets gegen harte Strafzölle ausgesprochen, vor allem, wenn sie gegen Verbündete wie Kanada, Südkorea oder die Europäische Union gerichtet seien.


In den vergangenen Wochen erstarkte aber die Gruppe der Protektionisten: Dazu zählen Wirtschaftsminister Wilbur Ross, der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer und der Hardliner-Ökonom Peter Navarro, der früher die Stahlindustrie als Anwalt vertrat und ein Buch namens „Tod durch China” schrieb.

Nachdem Trump vergangene Woche im Alleingang Fakten schuf und Zölle in Höhe von 25 Prozent für Stahl und in Höhe von zehn Prozent für Aluminium verkündete, dürfte Cohn maximal brüskiert gewesen sein.

Eigentlich wollte Cohn in dieser Woche einen Handelsgipfel organisieren, der Trump mit Industrievertretern zusammengebracht hätte, die dringend von pauschalen Importzöllen abraten. Doch laut der US-Webseite „Axios” sagte der US-Präsident das Treffen ab, bevor es überhaupt stattfinden konnte. Ein weiterer Affront.

Der frühere Investmentbanker hatte Trump vor Jobverlusten in Industrien gewarnt, die auf Stahl und Aluminium angewiesen sind, um ihre Produkte herzustellen. Beide Metalle sind ein wichtiger Rohstoff für Autos und Flugzeuge, für die Bau-, Öl- und Lebensmittelbranche.


US-Medien zufolge kritisierte Cohn auch den Handelsreport seines Rivalen Ross, der als Basis für Trumps Importzoll-Entscheidung diente, als „schrecklich“ und fehlerhaft in der Analyse.

Über einen Rücktritt Cohns wurde bereits spekuliert

US-Medien hatten seit einiger Zeit darüber spekuliert, dass der Wirtschaftsberater das Weiße Haus verlassen würde. Cohn wurden Ambitionen auf den Posten des Chefs der Federal Reserve nachgesagt, doch Trump vergab den Job an Jerome Powell.

Er wäre zudem im vergangenen Sommer fast zurückgetreten, aus Protest gegen die verharmlosenden Äußerungen von Trump zum Rechtsradikalen-Aufmarsch in Charlottesville. Laut der Nachrichtenseite „Politico“ hatte Cohn damals „mehrere Kündigungsschreiben“ verfasst und wieder verworfen. Er entschied sich schließlich dagegen, kritisierte Trump in der öffentlichen Debatte um Charlottesville und half Trump am Jahresende dabei, die große Steuersenkung zu verabschieden.

Im Enthüllungsbuch „Fire and Fury” von Michael Wolff wird Gary Cohn als einer der heftigsten Kritiker Trumps beschrieben. So soll er den Präsidenten intern einmal als „dumm wie Scheiße” bezeichnet und Vertrauten erzählt haben: „Ich bin in einem ständigen Zustand von Schock und Entsetzen.”

An der Wall Street heißt es, man müsse sich um Gary Cohn keine Sorgen machen. Branchenkenner vermuten, dass er nun zu einem Hedgefonds oder einer Private-Equity-Firma wechseln könnte, um dort noch einmal richtig Geld zu verdienen.

Die Steuerreform, die er maßgeblich mit vorangetrieben hat, verhilft der Branche zu neuen Blütezeiten. Medienberichten zufolge wolle Cohn in den Kreis der Milliardäre aufsteigen.

Derzeit wird sein Vermögen auf 250 Millionen Dollar geschätzt. Mit seinem Netzwerk aus Washington und aus seiner Zeit bei Goldman Sachs würde ein Wechsel sicher nicht schwer fallen.