"Trumps Wahl war kein Zufall, kein Unfall, keine Naturkatastrophe": Ingo Zamperoni erklärt seine USA-Doku

teleschau
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Kurz vor den US-Wahlen wollte Ingo Zamperoni anhand seiner Familie die Spaltung der USA aufzeigen - und verstehen, warum die Leute Trump wählen. Dass am Wahlabend alles glatt über die Bühne gehen wird, glaubt der "Tagesthemen"-Moderator nicht.

"Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni liebt die Vereinigten Staaten, er war bis 2016 als ARD-Korrespondent in Washington - und ist mit einer US-Amerikanerin verheiratet. Doch die Familie, die der 46-Jährige in Amerika hat, ist angesichts der Präsidentschaftswahlen so gespalten wie die US-Gesellschaft allgemein. So sehr, dass Zamperoni einen sehr persönlichen Film darüber machte, den das Erste nun kurz vor der heißen Wahlphase am Montagabend ausstrahlte. "Die Idee war, die Spaltung des Landes anhand meiner Familie aufzuzeigen", so der gebürtige Wiesbadener im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau. "Trump, meine amerikanische Familie und ich" ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

"Der Nukleus meiner Familie deckt viele der Konflikte ab, die das Land aktuell beschäftigen. Der Hauptkonflikt verläuft zwischen meiner Frau und ihrem Vater", sagt Zamperoni: "Die zoffen sich so richtig." Dass sein Schwiegervater 2016 Trump wählte, schockierte Zamperonis Frau Jiffer ebenso wie deren Mutter Lynn - beide Anhängerinnen der Demokraten. Über Pauls Verhältnis zu Trump sagt Zamperoni: "Er hasst ihn als Person, mag aber, was er für das Land tut - die Steuersenkungen etwa." So verhalte es sich mit vielen Trump-Wählern - sie "finden vieles an Trump schrecklich, wählen ihn aber dennoch".

Der Grund dafür liegt laut Zamperoni im Lagerdenken, aus dem viele Amerikaner nicht herauskämen: "Das ermüdet viele" Es herrsche "wenig Kompromissbereitschaft" und "wenig Raum für Zwischentöne", so Zamperoni gegenüber der teleschau. Er gesteht: "Bei mir stellte sich auch erstmals ein Gefühl gegenüber Amerika ein, das ich noch nicht kannte: Mitleid." Sein Eindruck der Drehreise, die ihn in verschiedene Bundesstaaten führte: "Es herrscht eine Menge Müdigkeit, bisweilen auch Verzweiflung. Die Leute fragen sich, was in diesem Jahr denn noch alles passieren soll. Corona, Naturkatastrophen, Ausschreitungen und nun dieser Wahlkampf - da fällt es selbst den Amerikanern schwer, zuversichtlich zu bleiben."

Ziel seines Films sei ein Erkenntnisgewinn gewesen: "Dass die Leute verstehen, ohne Verständnis haben zu müssen. Zu verstehen, warum ein liebenswürdiger Mensch wie mein Schwiegervater Trump wählt, ohne am Ende selbst sagen zu müssen: 'Ach so, ja, dann würde ich den auch wählen!" - Gerade wir Deutschen seien "von den Amerikanern oft vor den Kopf gestoßen: 'Wie können die Amis nur?" Für Ingo Zamperoni steht fest: "Es gibt Gründe dafür. Trumps Wahl war kein Zufall, kein Unfall, keine Naturkatastrophe. Und die Gründe bestehen auch vor dieser Wahl noch."

"Einen Bürgerkrieg kann ich mir nicht vorstellen"

Der "Tagesthemen"-Moderator weiß: "Die Spaltung der USA geht über Trump hinaus - er hat ihr nur am besten Ausdruck verliehen. Sie war vorher schon da, sie wird auch bleiben, egal wer am 3. November gewinnt. Nur weil das Land so ist wie es ist, konnte jemand wie er Präsident werden." Das zeige sich auch an den großen Medien: "Wenn die größten Nachrichten-Sender zur besten Sendezeit Meinungsmedien sind und man nur noch in diesen Echoräumen unterwegs ist, ist das für ein Land natürlich schwierig", so Zamperoni im teleschau-Interview.

Die bisweilen an die Wand gemalte Gefahr eines Bürgerkriegs sieht Zamperoni allerdings weniger: "Dafür bin ich dann doch zu optimistisch. Das Land wird getestet, aber noch halten die Checks and Balances, noch gibt es eine Opposition im Kongress. Natürlich: Wenn der Präsident nach einer verlorenen Wahl sagt, dass alles geschoben war, werden sich viele ermutigt und berufen fühlen, Präsenz zu zeigen. Gerade in so einem hochgerüsteten Land könnte es dann zu Schießereien kommen. Aber einen Bürgerkrieg kann ich mir nicht vorstellen. Wenn es eng wird, entscheidet irgendwann der Supreme Court. Dass es glatt über die Bühne gehen wird, bezweifel ich stark."

Ganz nah am Geschehen wird Ingo Zamperoni in jedem Fall sein: Am Wahl-Dienstag (3.11.) und am Mittwoch nach der Wahl berichtet der USA-Experte für die "Tagesthemen" live aus Washington.