Trumps ramponierter Außenminister


Für Rex Tillerson schien es eine normale Arbeitswoche wie jede andere zu werden. Der US-Außenminister traf sich am Mittwoch mit dem Kronprinzen von Bahrain und am Donnerstagvormittag mit seinem deutschen Amtskollegen Sigmar Gabriel in Washington. Tillerson hatte ein paar Tage zuvor eine kaum beachtete Rede über die Gefahren für die westliche Welt („autoritäre Regierungen, Terrorismus und Hacker, die Chaos verbreiten wollen“) gehalten. Und nach dem jüngsten, bislang bedrohlichsten Raketentest von Nordkorea ließ er ein nüchternes Statement verschicken, das sich deutlich von der Kriegsrhetorik seines Präsidenten Donald Trump unterschied.

So geht das seit Monaten: Tillerson macht seinen Job und hält sich zurück. Parallel gibt es konstant Spekulationen darüber, wann er abtritt. Nicht das Ob, sondern das Wann ist die entscheidende Frage. Darin sind sich viele Beobachter einig.

Am Donnerstag wurden diese Spekulationen nun angeheizt und teilweise erhärtet, durch einen Bericht der „New York Times“. Demnach gibt es einen konkreten Plan dafür, wie und durch wen Tillerson abgelöst werden soll. An seine Stelle solle in den kommenden Wochen CIA-Direktor Mike Pompeo rücken, berichtete die Zeitung. Pompeo soll bei der CIA durch den republikanischen Senator Tom Cotton aus Arkansas ersetzt werden.

Dem Bericht zufolge gibt es kein Vertrauen mehr zwischen Trump und Tillerson. Es sei noch nicht klar, ob Präsident Donald Trump dem Vorhaben endgültig zugestimmt habe, hieß es weiter. Doch dass schon ein detailliertes Szenario samt Personaltableau in der Schublade liegt, spricht dafür, dass es womöglich genau so kommen wird.


Zuletzt häuften sich die Anzeichen, dass das Verhältnis zwischen Trump und Tillerson ramponiert ist. Im Oktober soll Tillerson Trump nach einem Treffen einen „Idioten“ genannt haben – was Tillerson nie klar dementierte. Auch im Zusammenhang mit der jüngsten Nordkorea-Eskalation liegen sie weit auseinander. Während Trump Kim Jong-Un als „kranken Hund“ beschimpft, sagt Tillerson über seine Pressestelle: „Die Welt muss den ökonomischen und diplomatischen Druck weiter aufrecht erhalten“. Häufig verteidigt er seinen Präsidenten zwar und sagt, Trump nutze eben „die Sprache, die Kim Jong Un versteht“. Gleichzeitig grenzt er sich deutlich von Trump ab, indem er regelmäßig klar macht: Ein Krieg wäre eine unberechenbare Eskalation. „Amerika soll nachts ruhig schlafen können“, sagte Tillerson im Sommer.

Trump und Tillerson, das schien von Anfang an nicht zueinander zu passen. „Mr. Charisma“ nennen politische Podcasts Tillerson, wohlgemerkt ironisch. Wenn Trump donnert, steht Tillerson stoisch am Rednerpult. Andererseits hatte Rex Tillerson beim Ölkonzern Exxon Mobil eine beeindruckende Karriere hingelegt, was ihm vor Trump viel Respekt verschaffte. Nach nur einem gemeinsamen Treffen fragte er ihn, ob er Außenminister werden will.

Mehr als 40 Jahre arbeitete der 65-jährige Tillerson bei Exxon Mobil, stieg vom Produktionsingenieur zum Chef und Chairman des Giganten auf. Mit einem Börsenwert von rund 350 Milliarden Dollar ist es eines der größten Unternehmen der Welt. Auch wenn der Ölpreis in den vergangenen Jahren stark fiel: Der Konzern setzt immer noch jeden Tag 540 Millionen Dollar um. Ein ganzes Jahrzehnt führte Tillerson das Energieunternehmen, bevor er von Trump zum Außenminister berufen wurde. Dann wollte er eigentlich seinen Ruhestand genießen. „Aber wenn dich der Präsident fragt, sagst du nicht Nein“, soll Tillerson mal gesagt haben.

Zwar war Tillerson ein „local“, in Wichita Fall geboren, keine zwei Autostunden vom Hauptsitz von Exxon Mobil in der Vorstadt von Dallas. Aber Tillerson kennt die Welt: In seiner Karriere reiste er für den Ölproduzenten überall hin. So leitete er 1995 die Suche nach Öl und Erdgas im Jemen, dem Krisenland im Mittleren Osten, wo heute die Luftangriffe aus Saudi-Arabien und Rebellenaufstände jegliche Förderung unmöglich machen.


Bei seinen Russlandgeschäften traf sich der Texaner oft mit Schlüsselpersonen aus der russischen Wirtschaft und Politik wie Igor Setschin, dem Chef vom russischen Ölkonzern Rosneft und engen Freund von Präsident Wladimir Putin. „Er verbrachte mehr Zeit mit Putin als jeder andere Amerikaner, mit Ausnahme von vielleicht Henry Kissinger“, sagte John Hamre, Präsident des Think Tanks Center for Strategic and International Studies.

Tillerson sprach sich gegen Sanktionen gegen Russland nach der Krim-Krise aus. Seiner Meinung nach würden sie nicht effektiv sein. Hinter der Ablehnung stecken handfeste Geschäftsinteressen: 2011 erhielt Exxon Mobil die Bohrrechte in der russischen Arktis im Wert von bis zu 300 Milliarden Dollar. Den Vertrag unterschrieb Tillerson höchstpersönlich, umgesetzt werden konnte er aber aufgrund der Sanktionen nur teilweise.

Als Konzernchef dürfte Tillerson mehr Gestaltungsspielraum gehabt haben als als Außenminister. Seine Hauptaufgabe besteht im Abwickeln: Tillerson muss einen Sparkurs umsetzen und baute viele Stellen im diplomatischen Dienst ab. Die außenpolitische Agenda prägen konnte er hingegen nur bedingt. Trump übertrug seinem Schwiegersohn Jared Kushner einige außenpolitische Kompetenzen, was Tillerson als Affront verstanden haben muss. Auch Trump-Tochter Ivanka Trump wird zum „Gesicht Amerikas“ aufgebaut. Diese Woche flog sie zum Unternehmer-Gipfel „Global Entrepreneur Summit“. Tillerson protestierte auf seine Weise und schickte keinen einzigen hochrangigen Vertreter seines Ministeriums mit.

Für den Moment ist Tillersons Abberufung nicht offiziell bestätigt, das politische Tagesgeschäft wird aufrechterhalten. Gabriel lobte Tillerson am Donnerstag als „exzellenten amerikanischen Außenminister“ und sagte, er beteilige sich nicht an Spekulationen. Zeitlich muss sich das Gespräch zwischen Tillerson und Gabriel überschnitten haben mit den ersten Eilmeldungen über eine mögliche Tillerson-Abberufung. Ob es also sein letztes Treffen mit Tillerson war? Gabriel blieb optimistisch: „Ich treffe ihn nächste Woche schon wieder.“

KONTEXT

Stühlerücken im Weißen Haus

Steve Bannon

Der rechte Chefstratege verlässt im August nach einem monatelangen Streit mit anderen Beratern die Regierung. Der ehemalige Marine-Offizier, Goldman-Sachs-Investmentbanker und Filmproduzent leitete vor der Wahl die rechtskonservative Nachrichtensite Breitbart News.

Anthony Scaramucci

Nach zehn Tagen im Amt wird der Hedgefonds-Gründer wegen vulgärer Äußerungen über ranghohe Mitarbeiter des Weißen Hauses entlassen.

Reince Priebus

Der studierte Jurist war jahrelang einer der führenden Köpfe im Parteiapparat der Republikaner. Seine Amtszeit als Stabschef war mit 189 Tagen die kürzeste in der modernen US-Geschichte. Priebus wurde durch Heimatschutzminister John Kelly ersetzt.

Sean Spicer

Der umstrittene Pressesprecher Trumps tritt am 21. Juli zurück. Unmittelbar zuvor war bekanntgeworden, dass Scaramucci ins Weiße Haus wechselt.

James Comey

Der Chef der US-Bundespolizei FBI sollte die Ermittlungen zur möglichen Einflussnahme Russlands auf den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl leiten und wurde von Trump im Mai gefeuert.

Michael Flynn

Er wurde im Februar nach nicht einmal einem Monat im Amt des Nationalen Sicherheitsberaters entlassen, weil er falsche Angaben über Gespräche mit dem russischen Botschafter in Washington gemacht hatte.

Sally Yates

Trump entließ die noch von seinem Vorgänger Barack Obama eingesetzte geschäftsführende Justizministerin im Januar, nachdem sie die von ihm verlangten Einreiseverbote für Bürger aus sieben muslimisch geprägten Ländern angeprangert hatte.

Jason Miller

Der Kommunikationschef in Trumps Wahlkampfteam sollte diesen Posten auch im Weißen Haus einnehmen, nahm aber im Dezember von der Idee Abstand.