Trumps Chance als Krisenmanager

US-Präsident Donald Trump fliegt ins Hurrikan-Gebiet. Am vierten Tag, an dem „Harvey“ wütet, will er sich ein Bild von der Lage vor Ort machen – und sich als Staatsmann präsentieren.


Am Dienstag um 11 Uhr Ortszeit will Donald Trump in der texanischen Küstenstadt Corpus Christi landen. Der US-Präsident möchte sich selbst ein Bild von den Schäden machen, die Hurrikan „Harvey“ angerichtet hat. Am Freitagabend erreichte der Sturm die Küste von Texas und schlug die Menschen in die Flucht. Allein in Houston, bevölkerungsstärkste Stadt im Bundesstaat Texas, verließen Tausende Einwohner ihre Häuser, 290.000 Menschen sind ohne Strom, mindestens neun Menschen starben bereits. 98 Ölraffinerien mussten wegen des Sturms schließen. Die Großstadt versinkt im Wasser.

In Corpus Christi kann sich Trump als Krisenmanager präsentieren, als Macher, denn so sieht sich der US-Präsident selbst gern. Der Macher, den die Menschen im November gewählt haben. Und vielleicht kann er auch endlich als Staatsmann auftreten, den viele Amerikaner im Weißen Haus vermissen.


„Wir sind eine amerikanische Familie“, sagte er in Washington am Montag und schlug damit ungewöhnlich versöhnliche Töne an. „Wir leiden zusammen, wir kämpfen zusammen und glaubt mir, wir überstehen das zusammen“, rief er seinen Landsleuten vom Weißen Haus aus zu. „Den Menschen in Texas und Louisiana sage ich: Wir stehen 100 Prozent zu Euch.“

Naturkatastrophen gelten als Bewährungsproben für Regierungschefs, mit denen sie sich profilieren oder auch blamieren können. Ex-Präsident George W. Bush lobte 2005 den Chef der Katastrophenhilfe für seine tolle Arbeit („a heck of a job“) nach Hurrikan „Katrina“, dann brach ein Damm. Die Naturkatastrophe forderte die Leben von insgesamt fast 2000 Menschen. Sein Image war damit auf lange Zeit beschädigt. Barack Obama dagegen bewies ein deutlich besseres Krisenmanagement bei Hurrikan „Sandy“ und konnte punkten.

Am Wochenende lobte Trump sich bereits ausgiebig auf Twitter für sein eigenes Krisenmanagement. Laut Experten sei es der schlimmste Hurrikan „seit 500 Jahren“, twitterte der Staatschef, der eine Vorliebe für Rekordzahlen hat. Gleich danach lobte er die gute Arbeit seiner Regierung: „Gute Nachricht, dass wir großartiges Talent vor Ort haben“ und „großartige Koordination zwischen den Regierungsbehörden auf allen Levels“.


Seine Reise in den Bundesstaat Texas ist eine Reise in ein traditionell republikanisches Kerngebiet. Doch bei den Wahlen im November konnte Trump den Staat nur knapp für sich gewinnen. Womöglich aus einem Grund: Aus Texas stammt auch einer von Trumps ärgsten Widersachern unter den damaligen Präsidentschaftskandidaten: der erzkonservative Ted Cruz.

Doch in diesen Tagen will Cruz nicht über Politik reden. Er gibt sich lieber kämpferisch für seinen Bundesstaat: „Texas wird wieder aufgebaut. Houston wird wieder aufgebaut“, sagte er im Messezentrum von Houston, dessen im Zuge des Hurrikans eingerichteten 5000 Schlafplätze sich am Montag rasch mit durchnässten Menschen füllten. All jene, die noch nicht im Trockenen waren, forderte er auf: „Rettet Euch nicht auf den Speicher. Da können wir Euch nicht bergen. Geht aufs Dach. Und setzt Euch bloß nicht ins Auto. Das ist der gefährlichste Ort.“


Dass Trump mit einigen Tagen Verspätung die Region bereist, findet Cruz richtig. „Er wollte die Rettungsarbeiten nicht stören“, sagte er. Die beiden hätten telefoniert und Trump habe ihm zugesichert, alle nötige Hilfe zu bieten.

Der Hurrikan hat sich mittlerweile zum tropischen Sturm abgeschwächt. Aber der Regen hört nicht auf. „Die Ausdehnung und Intensität dieser Regenfälle übersteigt alles, was wir bisher erlebt haben“, hieß es in einer Mitteilung des Nationalen Wetterdienstes. Der Direktor der Katastrophenschutzbehörde Fema, Brock Long, sprach von einer historischen Katastrophe. 50 Bezirke von Texas seien betroffen und US-Präsident Donald Trump erklärte auch für Teile Louisianas den Notstand.

Angesichts der bisher mageren Bilanz seiner Regierung hat Trump einen Erfolg beim Katastrophenmanagement dringend nötig. Nach den Rückschlägen bei Gesundheitsreform, Mauerbau und anderen Wahlversprechen sowie dem Kommunikationsdesaster von Charlottesville ist Hurrikan „Harvey“ eine willkommene Chance für ihn, seine staatsmännischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Sonnenschein ist bisher jedenfalls nicht in Sicht.

KONTEXT

Kleine Unwetterkunde: Wind, Sturm oder Hurrikan

Hurrikan

Je nach Stärke unterscheiden Meteorologen zwischen tropischen Depressionen (schwacher Wind, "Depression" im Sinne von Tiefdruckgebiet), tropischen Stürmen (mittel) und tropischen Orkanen (stark). Letztere werden im westlichen Atlantik und im östlichen Pazifik Hurrikans genannt.

Einordnung

Ihre Stärke wird nach der von den Meteorologen Herbert Saffir und Robert Simpson entwickelten Skala eingeteilt. Demnach ist in den USA bei einer maximalen Windgeschwindigkeit unter 63 Stundenkilometern von einem Tropentief die Rede. Bei Tempo 63 bis 118 gilt es als Tropensturm, darüber wird Hurrikanstärke erreicht.

Kategorien

Ein Hurrikan der Kategorie 1 reicht bis Tempo 153. Stufe 2 gilt bis 177, Stufe 3 bis 208 und Stufe 4 bis 251 Stundenkilometern. Besonders verheerende Schäden richten Hurrikans der höchsten Kategorie 5 ab einer Windgeschwindigkeit von 252 Kilometern pro Stunde an.

Fortbewegung

Hurrikans erzeugen zwar enorme Windgeschwindigkeiten, bewegen sich aber oft nur mit etwa 15 Kilometern in der Stunde vorwärts. Das ist verheerend, weil Niederschläge dann stunden- oder tagelang fast auf dasselbe Gebiet niederprasseln.

Wirbelstürme

Oft nehmen Wirbelstürme bei ihrem Zug über das Meer an Stärke zu. Über Land verlieren sie schnell an Kraft, da der Nachschub feuchtwarmer Luftmassen fehlt. Bei Windgeschwindigkeiten unter 120 Stundenkilometern wird ein Hurrikan zu einem Tropensturm herabgestuft.