Trotz Last-Minute-Jubel: Deutschland weiter mit Problemen

War das jetzt der Wendepunkt? Die Initialzündung? Das deutsche Drama gegen die Schweden wird in die Geschichte eingehen und vielleicht wird es in der Nachbetrachtung als der Umschwung zum Guten betrachtet werden. Das Tor von Toni Kroos hat dem Weltmeister Luft verschafft und die Chance, aus eigener Kraft noch das Achtelfinale zu erreichen.

Die deutsche Mannschaft hat trotz des Sieges gegen Schweden noch Probleme

Aber der Treffer darf auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland auch gegen ein allenfalls mittelprächtiges Schweden immer noch unübersehbare Probleme offenbarte – die man in der Art von einer Mannschaft dieses Formats nicht kennt. Die Yahoo-Sport-Redaktion zeigt auf, woran es im deutschen Spiel immer noch hapert.

Die taktischen Mängel

Die Konterabsicherung war nach dem desaströsen Auftritt gegen Mexiko ein großes Thema. Joachim Löw reagierte gegen Schweden und stellte mit Sebastian Rudy eine Art Abfangjäger vor der Abwehr auf, der die wenigen schwedischen Gegenangriffe kontrollieren sollte. Dazu sollte der jeweils ballferne Außenverteidiger im eigenen Ballbesitz weiter einrücken, um im Zentrum bei einem möglichen Ballverlust schneller Zugriff zu bekommen.

Die Konterabsicherung stand auf dem Papier – in der Realität wurde Deutschland aber doch das eine oder andere Mal wieder kalt erwischt. Vor dem Gegentor gab es einen Ballverlust in einer gefährlichen Zone durch Kroos, die Schweden kombinierten mit zwei schnellen Pässen vor das Tor und Antonio Rüdiger witterte die Gefahr zu spät. Das war keine astreine taktische Fehlleistung, aber ein Abziehbild einiger mexikanischer Angriffe im Spiel zuvor.

Noch zweimal huschten die Skandinavier in der ersten Halbzeit durch die deutschen Reihen, einmal rettete Jonas Hector akrobatisch und in letzter Sekunden. Zu diesem Zeitpunkt stand schon Ilkay Gündogan auf dem Platz, der den verletzten Rudy ersetzen musste. Gündogan spielte eine andere, deutlich höher postierte Rolle und war deshalb für die Absicherung im Zentrum nicht immer zur Stelle. Löw behob den Missstand (erst) in der Halbzeit, in der Folge wurde es wieder deutlich besser.

Das fehlende Selbstvertrauen

Deutschland ist Weltmeister, hat einen Bomben-Kader und Spieler die wissen, wie man große und enge Spiele bestreitet. Das konnte man in den ersten zwölf Minuten gegen die Schweden sehen, als die Mannschaft ihr enormes Potenzial auf den Rasen brachte und die Trekronor sauber auseinanderspielte. Dann kam Rüdigers fahrlässiges Dribbling, der Ballverlust, der schwedische Konter, der beinahe zum Gegentor oder Elfmeter samt Roter Karte gegen Jerome Boateng geführt hätte – und vorbei war es mit der deutschen Herrlichkeit.

Kroos, Boateng, Thomas Müller: Allesamt Weltmeister. Und alle in der Folge mit unerklärlichen Abspielfehlern. Gündogan, bei Manchester City in der abgelaufenen Saison mit dem Ball am Fuß durch gegnerische Mittelfeldreihen spaziert, brach immer wieder ab, scheute das Risiko. Es sind kleine Dellen, von denen sich die Mannschaft aus dem Konzept bringen lässt und den Faden verliert. Nach der Pause und nach dem frühen Ausgleich gab es ein paar starke DFB-Minuten. Mit dem ersten nur ansatzweise zu Ende gespielten Angriff der Schweden war auch dieses Feuer wieder erloschen und die Partie für eine gute Viertelstunde aus deutscher Sicht beinahe tot. Das darf so nicht passieren.

Die schwache Form wichtiger Spieler

Bisher gibt es nur eine Konstante im deutschen Team und die heißt Manuel Neuer. Vom den Feldspielern hat noch keiner zwei ordentliche Spiele absolviert, Joshua Kimmich wird dem Anspruch noch am ehesten gerecht. Alle anderen sind noch auf der Suche nach ihrer Bestform: Müller, Boateng (der jetzt eine Zwangspause einlegt), Hummels (der einmal verletzt war), Hector (der einmal verletzt war), Khedira und Özil (die einmal zuschauen mussten), Kroos und Draxler und Werner. Draxler ist bisher die große Enttäuschung, der Flügelspieler dürfte seinen Platz in der Startformation verwirkt haben.

Aber ohne einen funktionierenden Kroos, einen lebendigen Müller, einen zuverlässigen Hummels, Boateng oder Kimmich und vielleicht ein paar Glanzstücke von Marco Reus, Timo Werner oder einem dreckigen Tor durch Mario Gomez wird es über kurz oder lang eng werden.

Die Probleme mit den Standards

Klar, das Kroos-Tor übertüncht einiges. Marco Reus soll dem Torschützen beim Freistoß gesagt haben: “Flank jetzt nicht. Die Spieler in der Mauer sind klein gewachsen, schieß den Ball direkt aufs Tor.” Bis dahin hatte vornehmlich Kroos die Standards mehr oder weniger einfallslos in die Mitte geflankt. Es waren kaum Variationen zu erkennen oder eine Idee, wie man den Gegner überraschen könnte. Und das bei einer WM, die so viele Standardtore gesehen hat wie kein anderes Endturnier zuvor.

Die Standards werden Spiele entscheiden und gerade in der K.o.-Phase, wenn es gegen Teams auf Augenhöhe oder darüber geht, noch wichtiger. Sofern es Deutschland überhaupt ins Achtelfinale schafft …