Trotz Herdenimmunität bereitet sich Israel auf neue Corona-Welle vor: Was Deutschland daraus lernen kann

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Ein jugendlicher Israeli bekommt in einem Krankenhaus in Jerusalem einen Impfung gegen das Coronavirus.
Ein jugendlicher Israeli bekommt in einem Krankenhaus in Jerusalem einen Impfung gegen das Coronavirus.

Israel hatte die Corona-Pandemie hinter sich gelassen. Kein Land der Welt hat so schnell einen so großen Teil seiner Bevölkerung geimpft: Mittlerweile sind über 57 Prozent der knapp 8,7 Millionen Israelis vollständig gegen das Coronavirus geimpft, knapp über 60 Prozent haben eine Erstimpfung. In den ersten Juniwochen verzeichnete das Land kaum noch Corona-Fälle, die täglichen Infektionen lagen im niedrigen zweistelligen, teilweise im einstelligen Bereich. Alle Lockdown-Maßnahmen wurden aufgehoben, die Normalität kehrte zurück. Bei der Pride Parade in Tel Aviv feierten Zehntausende Menschen am Strand. 

Und dann kam die Delta-Variante nach Israel. Ende Juni stiegen die Infektionszahlen plötzlich wieder, in dieser Woche wurden täglich fast 300 neue Corona-Infektionen entdeckt. Fast alle gehen auf Delta zurück. Israel befürchtet nun, vor einer neuen Corona-Welle zu stehen — trotz Herdenimmunität. Eine Situation, aus der auch Deutschland Lehren ziehen kann.

Die Delta-Variante infiziert in Israel vor allem Kinder und Jugendliche

Denn dass die Infektionszahlen in Israel durch Delta wieder steigen, hat mit gleich zwei Sondereffekten zu tun. 

Da ist zum einen der, dass sich vor allem Kinder und Jugendliche mit Corona anstecken. Knapp drei Millionen Israelis sind unter 18, viele Corona-Ausbrüche finden nun in Schulen statt. Doch für die Jugendlichen ab 12 Jahren gab es bisher kein flächendeckendes Impfangebot. Die israelische Regierung will das nun nachholen. Der neue Premierminister Naftali Bennett hat Eltern zum Impfen ihrer Kinder aufgefordert. "Ich werde meine Kinder auf jeden Fall impfen lassen", versprach Bennett Ende Juni. Sein Ziel ist es, täglich 30.000 Kinder zu immunisieren. Auch Deutschland will Kindern ab 12 Jahren ein Impfangebot machen, eine allgemeine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) gibt es bisher jedoch nicht. Die Stiko empfiehlt die Impfung mit Biontech bislang nur für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen. 

Der andere Sondereffekt in Israel ist, dass die Delta-Variante offenbar auch vollständig Geimpfte infizierte. Ende Juni meldete das israelische Gesundheitsministerium, das bis zu 50 Prozent der Corona-Infektionen durch Delta auch geimpfte Israelis betreffen würden. In absoluten Zahlen ausgedrückt wären das wenige Hundert Fälle; Impfstoff-Hersteller Pfizer versicherte kurz darauf, dass sein mit Biontech entwickelter Impfstoff zu 90 Prozent auch vor der Delta-Variante schützte. Das bedeutet: Infektionen auch bei Geimpften können durch Delta auftreten, so wie nun in Israel. Sie sind aber äußerst selten.

Ohnehin hat der Infektionsanstieg in Israel nicht für eine Gesundheitskrise gesorgt. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen bleibt gering, seit Anfang Juni hat es im Land nur 20 Corona-Todesopfer gegeben. Die Impfungen in Israel wirken also, schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle bleiben weitgehend aus, die Delta-Welle verläuft — bisher — mild. 

Israel will auf Corona-Impfstoffe vertrauen — und verhängt doch neue Einschränkungen

Premierminister Bennett will sein Land deshalb auch nicht zurück in einen Lockdown führen. "Wir können die aktuelle Corona-Welle ohne Einschränkungen besiegen", sagte er Anfang der Woche beim Besuch eines Impfzentrums. "Impfungen statt Lockdowns, Masken statt Einschränkungen. Wir wollen keine Einschränkungen von Partys oder Trips oder dergleichen beschließen", sagte Bennett zu anwesenden Teenagern. "Redet mit euren Eltern und lasst euch impfen." 

Ganz ohne neue Corona-Maßnahmen kommt Bennetts Regierung jedoch nicht aus. Seit Ende vergangenen Monats gilt in Israel wieder die Maskenpflicht in Innenräumen. Zudem sollen die Kontrollen am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv — dem Einfalltor der Delta-Variante ins Land — verschärft werden. Die Regeln für einreisende Bürger sind streng: Mehrere Corona-Tests, zwei Wochen Quarantäne, egal, aus welchem Land eingereist wird. Zuletzt waren die Kontrollen der Regeln jedoch lückenhaft. Auch der Start des Urlaubsommers in Israel wurde verschoben: Statt wie geplant im Juli dürfen Touristen erst ab August einreisen — allerdings nur, wenn sie vollständig geimpft sind.

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