Trotz des 0:6! Löw darf Bundestrainer bleiben

Florian Plettenberg
·Lesedauer: 3 Min.

"Ob ich mir Sorgen um meinen Job machen muss, müssen Sie andere fragen."

Sagte Joachim Löw auf der Pressekonferenz nach der 0:6-Schande von Sevilla. Der Bundestrainer steht nach 14 Jahren Amtszeit wie nie zuvor in der Kritik. Nach dem Spiel attestierte er seiner Mannschaft, "chancenlos" gewesen zu sein. Für den blutleeren Auftritt seiner Spieler rang er aber nach den richtigen Worten.

Fußball-Deutschland fordert Konsequenzen. Doch das Ergebnis mehrerer Gespräche seit dem gestrigen Abend ist nach SPORT1-Infos: Das 0:6-Debakel wird intern aufgearbeitet. Löw bleibt bis mindestens zur EM 2021 Bundestrainer.

Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff, der bei SPORT1 und in der FAZ Anfang der Woche selbst latenten Erfolgs-Druck auf Löw ausgeübt hatte, war Löw schon unmittelbar nach Abpfiff zu Seite gesprungen. "Das Vertrauen in Löw ist vollkommen da. Absolut. Daran ändert auch dieses Spiel nichts", sagte er in der ARD.

Was wären die Alternativen gewesen? SPORT1 klärt auf.

Option 1: Löws Entlassung

Wer hätte denn Löw überhaupt entlassen können?

In §34 der DFB-Satzung heißt es: "(…) Das Präsidium nimmt unter Beachtung von §35 alle Aufgaben wahr, die nach dieser Satzung oder den Ordnungen nicht anderen Organen des DFB zugewiesen sind. Zu diesen Aufgaben gehören insbesondere: (…) – die Personalauswahl hinsichtlich der Direktoren, – die Personalauswahl hinsichtlich des Bundestrainers und der Bundestrainerin, des für die Nationalmannschaften zuständigen Direktors (…)."

Ferner steht in §35 geschrieben: "(…) Dem Präsidialausschuss sind folgende Angelegenheiten übertragen: – Personalangelegenheiten der Direktoren, des Bundestrainers und der Bundestrainerin, des für die Nationalmannschaften zuständigen Direktors (…).”

Heißt vereinfacht: Die Entscheidung einer Entlassung von Löw oder gar von Bierhoff liegt in den Händen des Präsidialausschusses, deren Vorsteher DFB-Präsident Fritz Keller ist. Im Ausschuss vertreten sind unter anderem Dr. Rainer Koch, Peter Peters, Christian Seifert und Philipp Lahm. Ebenso Generalsekretär Dr. Friedrich Curtius, der für den Vertrag des Bundestrainers verantwortlich ist. Bierhoff besitzt als Nationalmannschafts-Direktor ein Vorschlagsrecht in puncto Besetzung des Trainerpostens.

Option 2: Löws Rücktritt

"Wer Jogi kennt, der weiß, dass er sich auch nach erfolgreichen Turnieren immer wieder hinterfragt, ob er noch Kraft und Inspiration hat für diese Aufgabe", sagte Bierhoff im SPORT1-Interview.

Löw wirkte nach dem 0:6 ratlos und niedergeschlagen. Auf der Ersatzbank wirkte er fast starr. Klar ist: Am Bundestrainer geht die anhaltende Kritik nicht spurlos vorbei. Dennoch bleibt er stets respektvoll und beantwortet jede noch so kritische Frage.

Dass Löw aus freien Stücken zurücktritt, ist unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar.

Löw galt bisher als fest entschlossen, den Umbruch fortzuführen und die Mannschaft als Bundestrainer bei der um ein Jahr verschobenen EM zu begleiten. Dass er seinen Vertrag bis einschließlich der WM in Katar 2022 erfüllt, daran glaubt kaum jemand. Löws Rückzug 2021 ist naheliegend.

Es wird Option 3: Löw darf weitermachen!

Am Sonntag, weit vor dem nicht vorhersehbaren Untergang gegen Spanien, hatte Bierhoff bei SPORT1 erklärt: "Ich bin der Überzeugung, dass er der beste Bundestrainer ist, den wir haben können (…) Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass er der richtige Mann ist."

Zudem hättet sich die Frage der Alternative gestellt: Hansi Flick, Julian Nagelsmann und Jürgen Klopp sind allesamt in Vereinen unter Vertag. Ralf Rangnick wäre verfügbar und hat nach SPORT1-Information verbandsintern auch Fürsprecher.

Der 62-Jährige gilt allerdings als Revoluzzer, könnte viele Steine umdrehen wollen. Möglich, dass in den aktuellen DFB-Strukturen einigen handelnden Personen zu unangenehm ist. Auch U21-Trainer Stefan Kuntz hat eine breite Front an Unterstützern hinter sich, allerdings müsste man dann für Kuntz einen Nachfolger finden.