Vom Traumjob zum Albtraum: Piloten werden für die Airlines zur Belastung

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Weltweit könnten 75.000 Flugzeugführer wegen Corona ihren Job verlieren – für die einst gesuchten Piloten eine völlig neue Erfahrung. Viele fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz.

Pilot with luggage walking past departure board in airport terminal
Pilot with luggage walking past departure board in airport terminal

Die Analyse von Peter Christian Möhrke ernüchtert und erschreckt zugleich: „Der Ton ist sehr rau geworden“, sagt der Pilot mit einer Lizenz für die Boeing 737 NG und die Boeing 777. „Viele Piloten werden mit nur wenigen Tagen Vorlauf mit der Tatsache konfrontiert, dass man sie vorerst nicht mehr braucht.“

Möhrke fliegt für Sunexpress Deutschland, eine Tochter des Joint Ventures Sunexpress, an dem Lufthansa und Turkish Airlines beteiligt sind. Besser gesagt: Er flog für Sunexpress. Möhrke teilt das Schicksal vieler Flugzeugführer in diesen Tagen.

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Vor gut zwei Wochen hat er die Kündigung bekommen. Sunexpress Deutschland, so haben es die beiden Mutterhäuser beschlossen, wird geschlossen. Einige Piloten können zur neuen Ferienflug-Plattform von Lufthansa mit dem Projektnamen Ocean wechseln, andere wie Möhrke nicht.

Um sich selbst macht sich der 63-Jährige keine großen Sorgen. Er habe vorgesorgt, sagt er. Aber die Zukunft seiner Zunft bereitet ihm Kopfschmerzen. Weil er durch seine zahlreichen Jobs in aller Welt über ein großes Netzwerk verfüge, werde er gerade jetzt immer wieder gefragt, ob er nicht ein Unternehmen kenne, das gerade Piloten suche, erzählt er: „Ich muss dann leider immer antworten, dass ich nur Airlines kenne, die die Zahl der Piloten reduzieren.“

Noch vor zwei Jahren wurde eindringlich vor einem weltweiten Pilotenengpass gewarnt. Das Coronavirus hat die Situation inzwischen radikal gedreht. Schätzungen besagen, dass 75.000 Piloten wegen der weitgehend geparkten Flugzeugflotten ihren Job verlieren könnten. Noch versuchen viele Airlines, den Personalüberhang im Cockpit über temporäre Maßnahmen aufzufangen.

Kein Geld oder kein Job

Emirates etwa hat seine Piloten gebeten, ein Jahr lang unbezahlten Urlaub zu nehmen. Unterkunft und Verpflegung will die Airline weiterzahlen. Bei Lufthansa stehen 1100 der 5000 Pilotenjobs bei der Kernmarke zur Disposition, sollte kein Deal mit der Gewerkschaft gelingen.

Der Umgang mit den Flugzeugführern ist zuweilen ruppig. Ausländische Piloten bei Korean Air etwa berichten, dass sie im Juli ein Schreiben der für sie zuständigen Agentur erhielten. Darin wurde ihnen in wenigen Sätzen mitgeteilt, sie hätten die Wahl: die Airline entweder innerhalb von zwei Wochen über „Leave without pay“ – also vorübergehend und ohne Bezahlung – oder eben ganz zu verlassen.

Viele Rechte haben die „Expats“ häufig nicht. Das deutsche Arbeitsrecht greift nicht, auch wurde in keine Arbeitslosenversicherung gezahlt. Ähnlich ist die Situation bei Turkish Airlines. Die Fluggesellschaft hat alle ausländischen Piloten für zunächst sechs Monate in den unbezahlten Urlaub geschickt. Ob die Piloten jemals aus ihrem Zwangsurlaub zurückgerufen werden, weiß keiner.

Für die Piloten ist das eine völlig neue Erfahrung. Zwar ist in der Vergangenheit immer mal wieder eine Airline pleitegegangen. Möhrke etwa flog in seinen ersten Berufsjahren für die Stuttgarter Panorama Flugdienst, die dann zur Euro City Line wurde. Als die aus finanziellen Gründen ihren Betrieb einstellte, ging Möhrke nach Ägypten zur Orca Air. Später flog er für Ryanair und diverse andere ausländische Gesellschaften. Irgendwo gab es immer einen Job für einen Piloten.

In dieser Krise wird es wohl anders sein. Nicht nur die Lufthansa rechnet noch auf Jahre mit einem deutlichen Personalüberhang. Auch die großen Anbieter in den USA und am Persischen Golf sehen vorerst keinen großen Bedarf. Selbst der chinesische Markt – für manche trotz der eher schlechten Bezahlung immer noch ein „Notnagel“ – ist verschlossen.

Die ersten Piloten haben Konsequenzen gezogen. Auf Twitter kursiert ein Videobeitrag, in dem Peter Probert, bisher Pilot auf einer Airbus A380 von Qantas – emotional schildert, wie er seinen „Vogel“ in der Wüste geparkt hat und nun einen Linienbus steuert.

Vielen anderen fällt es noch schwer, die neue Realität zu akzeptieren: „Natürlich können Piloten auch andere Tätigkeiten übernehmen. Aber rund 85 Prozent haben nur diesen einen Job gelernt“, sagt Möhrke. Nur wenige hätten ein zweites Standbein, könnten sofort aufhören oder sich schnell eine neue Existenz aufbauen.

Flugschüler stehen vor dem Nichts

Verzweifelt sind auch die Flugschüler der Verkehrsfliegerschule von Lufthansa in Bremen. Der Konzern hat angekündigt, die Ausbildung auslaufen zu lassen. Wer seinen Kurs dennoch unbedingt zu Ende machen will, kann das tun, wird aber nicht übernommen. 700 Flugschüler sind betroffen.

„Die Lufthansa Aviation Training macht deutlich, es gebe für uns im Falle einer Fortführung der Ausbildung keine Übernahmechancen innerhalb der Lufthansa Group“, schildert eine Flugschülerin, die lieber anonym bleiben möchte, die Situation. „Gleichzeitig betont die Leitung der LAT aber bewusst immer wieder, dass wir auch ohne Anstellung nach abgeschlossener Ausbildung die komplette Summe der Schulungskosten auf einen Schlag zurückzahlen sollen.“

Mittlerweile ist die Zukunft der gesamten Flugschule offen. Denn auch der Vertrag mit der Bundeswehr, die dort ausbilden lässt, läuft zum Jahresende aus. „Der Folgeauftrag wurde daher vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr öffentlich ausgeschrieben“, erklärt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. „Diese Ausschreibung sieht als Erfüllungsorte unverändert die Standorte Bremen und Goodyear, USA, vor.“ Wegen des laufenden Verfahrens könne man keine weiteren Details nennen.

Immerhin gibt sich das Verteidigungsministerium offen gegenüber Piloten aus dem zivilen Luftverkehr, die einen neuen Job suchen. Pilotenanwärter und Pilotenanwärterinnen würden ermutigt, sich für eine Laufbahn im Fliegerischen Dienst der Bundeswehr zu bewerben, so der Sprecher weiter. Das gelte auch für fertige Piloten mit einer Lizenz, die dann noch eine militärische Lizenz erwerben müssten.

Doch wie viele Stellen bei der Luftwaffe am Ende für Außenstehende zur Verfügung stehen, ist offen. Bei den eigenen Crews der Bundeswehr soll die Idee mit den Quereinsteigern auf wenig Begeisterung stoßen, wie zu hören ist.

Kritik an der Blockade der Pilotengewerkschaft

Die schwerste Krise in der Luftfahrt reißt alte Wunden zwischen den verschiedenen Pilotengruppen auf – etwa bei der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). Die Wurzel der Spartengewerkschaft ist die Kernmarke Lufthansa. Deren Piloten stellen traditionell mit Abstand die größte Mitgliedergruppe, sie zahlen am meisten in die Kasse der Gewerkschaft, und sie haben eine Tarifkommission, die gut darin ist, den Tarifvertrag für die 5000 Lufthansa-Piloten eisern zu verteidigen.

Das gefällt nicht jedem. Weil man bei der Lufthansa Kündigungen um jeden Preis verhindern wolle, gebe man sich auch bei anderen Airlines hart und blockiere eine Lösung, so die Sorge einiger Flugzeugführer, die um ihre Jobs etwa bei Tuifly, Sunexpress oder auch der Lufthansa-Tochter Germanwings fürchten.

Bei Tuifly hat die VC gerade einen Kompromissvorschlag des Managements zur Flottenreduzierung abgelehnt. Die VC hatte ein umfassendes Sparpaket angeboten, Tuifly im Gegenzug zugesagt, die Flotte nicht so stark reduzieren zu wollen wie geplant. Doch der Deal kippte, weil die VC auf einen Verzicht von Kündigungen pochte, was das Unternehmen angesichts der unsicheren Zukunftsaussichten nicht unterzeichnen wollte.

Das sorgt für Irritationen bei einigen Piloten der Airline. Viele der Kolleginnen und Kollegen wüssten, dass andere Zeiten drohen, in der eben auch Kündigungen akzeptiert werden müssten, sagt einer: „Sie glauben, dass gerade jetzt eine Sozialpartnerschaft wichtig ist, in der beide Seiten gemeinsam überlegen, wie man die Zukunft gestalten kann.“ Es werde zu sehr geblockt. „Wer aber nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und selbst zu gestalten, der wird am Ende gestaltet“, sagt ein Pilot.

Andere Mitglieder der VC stehen dagegen hinter der harten Verhandlungsstrategie. Die Ankündigung, dass ein Impfstoff in Kürze das Zulassungsverfahren durchlaufen soll, habe die Zukunft besser vorhersehbar gemacht.

Mit dieser Begründung hat die VC der Lufthansa aktuell einen umfassenden Verzicht in Höhe von 450 Millionen Euro angeboten – im Gegenzug für den Ausschluss von Kündigungen bis Ende 2022. „Das Unterstützungspaket bietet Lufthansa die Möglichkeit, nach der Krise mit maximaler Flexibilität auf Marktentwicklungen reagieren zu können, um so gestärkt aus der Krise zu kommen, sollte der Markt die Möglichkeit bieten“, heißt es bei der Gewerkschaft.

Ob sich allerdings nach dem Ende der Pandemie wieder ein Boom in der Luftfahrt einstellen wird, weiß derzeit keiner. „Dieses Mal droht anders als bei früheren Krisen ein weltweiter Jobabbau. Das Zeitfenster, das zu verhindern, schließt sich immer weiter“, sagt ein Pilot.

Möhrke fürchtet sogar noch viel gravierendere Folgen für die eigene Berufsgruppe. „Corona wird den Trend hin zu Niedriglohnjobs in der Luftfahrt beschleunigen“, sagt er. „Das kann aber für etablierte Netzwerkairlines wie eine Air France-KLM, eine IAG oder eine Lufthansa nicht dauerhaft das Ziel sein. Solche Sparmaßnahmen können nur kurzfristig helfen.“

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