Der Traum von der „mannlosen Fabrik“

Auf der Handelsblatt-Tagung „Zukunft Stahl“ diskutieren die Unternehmer die Branchentrends von morgen – und träumen von der „mannlosen Fabrik“.


Wenn im Stahlgeschäft von Nullen und Einsen die Rede ist, dann geht es meistens um die vielen Millionen Tonnen, die jedes Jahr zu viel produziert werden. Doch auch in dieser traditionsbewussten Branche ist die Digitalisierung nicht mehr aufzuhalten.

Auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Zukunft Stahl“ präsentierten die Unternehmen ihre Ideen für ein stählernes Digitalzeitalter – darunter junge Start-ups, aber auch altehrwürdige Traditionskonzerne wie die Duisburger Klöckner & Co.

So warb etwa Klöckner-Vorstandschef Gisbert Rühl für einen Kulturwandel in der Stahlbranche: weg von starren Hierarchien, die Fehler minimieren sollen, hin zu einem offenen Innovationsprozess, der Fehler verzeiht. „Wir haben inzwischen sogenannte Failure Nights eingerichtet, bei denen unsere Mitarbeiter ihre Fehler präsentieren.“

Das Ergebnis eines solchen Kulturwandels brachte Rühl gleich mit: XOM ist eine digitale Handelsplattform für Werkstoffe wie Stahl und Stahlprodukte – entwickelt im Hause Klöckner. „Wir haben die Abteilung ‚iKlöckner‘ aber weitgehend unabhängig von unserer Zentrale gegründet.“

Als Sitz habe man Berlin gewählt – „um fähige Entwickler zu finden, die es in Duisburg so nicht gibt“, erklärte der Vorstandsvorsitzende in seinem Vortrag. Aus den einst zwei Mitarbeitern sind inzwischen 70 geworden – mehr als eine Milliarde Umsatz erwirtschaftet Klöckner inzwischen über digitale Kanäle.

Langfristig will Rühl die Plattform XOM auslagern – und ist derzeit auf der Suche nach Investoren im Silicon Valley: „Wir planen, bei XOM eine Minderheitenposition einzunehmen.“ XOM solle ein „komplett unabhängiges Venture“ werden – das ist Start-up-Sprache für ein unternehmerisches Wagnis.

Auch das Düsseldorfer Start-up Mapudo (kurz für „Materials purchasing directly online“) will den Stahlhandel revolutionieren. Geschäftsführer und Gründer Sebastian Grethe kritisierte in seinem Vortrag vor allem die Unbeweglichkeit der Branche.

„Viele Industriekonzerne betrachten Digitalprojekte wie Investitionen in Sachanlagen“, so Grethe. Er muss es wissen: Bevor er seine Firma gründete, arbeitete er bei Deutschlands größtem Stahlproduzenten Thyssenkrupp. Inzwischen betreibt aber auch der mit der „TK-Garage“ ein eigenens Start-up-Programm.

Mit Mapudo hat Grethe eine Nische entdeckt: Unternehmen, die Stahl oder andere Metalle verarbeiten, können hier verschiedene Werkstoffe zum Kauf auswählen, die als Überschuss bei den Stahlherstellern lagern. Innerhalb von fünf Werktagen sollen sie geliefert werden.


Auch Grethe ist der Meinung, dass viele Industrieunternehmen die Digitalisierung nur langsam angehen, weil es an einer entsprechenden Fehlerkultur mangelt. „Wenn ein Unternehmen irgendwo ein Werk baut, dann ist das extrem kostenintensiv“ – und deshalb teuer, wenn es schiefgeht.

Das größte Digitalisierungspotenzial liegt bei der Stahlbranche im Vertrieb und in der Lieferkette, waren sich die Redner auf dem Podium einig. „Es gibt auf dem Markt einen großen Teil von Transaktionen, die standardisiert und wiederkehrend sind“, so Grethe. „Die kann man künftig auch online abwickeln.“

Einen Schritt weiter ging Jens Magenheimer, Produktmanager beim Industrieanlagenbauer Isra Vision Parsytec: „Wir können uns gut vorstellen, dass die Zukunft in Richtung mannlose Produktion geht.“ Zwar sei es wohl noch nicht in fünf Jahren soweit. Aber: „Die Daten sind da – was fehlt, ist die Auswertung.“

Schon jetzt würden über Sensoren zahlreiche Daten erhoben, mit denen man mathematische Modelle füttern könne. „Die Maschinen müssen nur noch miteinander kommunizieren.“

Der deutsche Hersteller Salzgitter plant, künftig einen großen Teil der Lieferkette digital abzubilden. „Wir arbeiten daran, schon die Nachfrage, die die Kunden unserer Kunden haben, zu befriedigen“, erklärte Hartmut Freiheit, Fachreferent bei Salzgitter Flachstahl.

So ließen sich Bestellungen schon bearbeiten, bevor der eigentliche Kunde überhaupt bestellt hat. „Rund sechzig Prozent der Kunden hat überhaupt keinen persönlichen Kontakt mehr zu uns“, so Freiheit. Das sei schneller, zuverlässiger und kostengünstiger.

Sebastian Grethe von Mapudo ergänzte: „Mehr Automatisierung bedeute mehr Zeit für den Kunden.“ Den Widerspruch darin löste er so auf: „Die Frage lautet eben nicht mehr: Was möchtest du kaufen? Sondern: Was können wir besser machen?“