Trauern in Spanien – die Leichenhalle als Eventlocation


Neulich war ich mit einem Freund zum ersten Mal in einer spanischen Leichenhalle, einem tanatorio. Es war Freitagabend und die Mutter einer seiner Freunde war am Tag zuvor gestorben. Für die Spanier ist es selbstverständlich, dass sie sich dann auf den Weg in die Leichenhalle machen.

Die gleicht mehr einem Konferenz-Zentrum als einer Bestattungseinrichtung. In dem tanatorio in der Nähe von Madrid, in dem ich war, reihte sich an einem langen Flur ein Saal neben den nächsten. An einem Monitor waren die Säle mit ihren Nummern aufgeführt und dahinter stand der Name des Toten, der dort aufgebahrt war.

Zwar waren es nur sechs Säle und man hätte theoretisch auch auf die Schilder neben den Türen gucken können, wer dort drin liegt. Doch vor jedem Saal war ein derartiges Gewusel von Leuten, dass ein Monitor die Suche deutlich erleichtert hat.


In Deutschland gehen wir normalerweise zur Beerdigung, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen. Die Spanier dagegen wollen in erster Linie den Hinterbliebenen zeigen, dass sie nicht alleine sind. Die meisten Besucher im tanatorio machen sich gar nicht auf den Weg zur Leiche, die in dem Saal ums Eck mit rosig geschminkten Wangen in ihrem Sarg hinter einer Glaswand aufgebahrt ist.

Der Großteil der sicher 70 oder 80 Anwesenden bleibt auf dem Flur vor dem Saal stehen und umringt die Hinterbliebenen. Viele kennen die Tote gar nicht oder nur flüchtig. Mein Freund ist immer in der Nähe ihres Sohnes, mit dem er schon zur Schule gegangen ist. Die ganze Clique ist da und mit ihr zum Teil deren Eltern oder Geschwister samt Ehepartner, oder so wie ich, Freunde von Freunden.

Ich bin aus Neugierde mitgegangen und dachte, nach einer kurzen Beileids-Bekundung ist die Sache vorbei. Aber am Ende standen wir fast drei Stunden auf diesem Flur. Da sich viele länger aufhalten, besitzt die Leichenhalle auch eine Bar, in der man trinken, essen und sich vor allem hinsetzen kann.

Mir gefällt die Idee, nicht nur den Toten zu betrauern, sondern sich auf diejenigen zu konzentrieren, die noch leben und darunter am meisten leiden. Es ist Ausdruck eines starken sozialen Zusammenhalts, der Spanien auszeichnet. Nicht nur im täglichen Leben, sondern auch im Todesfall.