„Es sind Tränen geflossen“

Nach Verkündung der Sparpläne bei Siemens herrscht bei den Mitarbeitern Fassungslosigkeit: Die Gewerkschaft stimmt sich auf einen Arbeitskampf ein. Siemens-CEO Kaeser hatte dagegen einen angenehmen Termin vorgezogen.


Der Queen einmal die Hand schütteln, das würden viele gern. Und so nutzte auch Siemens-Chef Joe Kaeser am Donnerstag die Chance, das Staatsoberhaupt in einem Siemens-Windkraftwerk in England zu empfangen. Das Problem dabei: Das Timing war denkbar ungünstig. Zur selben Zeit nämlich musste seine Personalchefin Janina Kugel den Arbeitnehmervertretern – und später der Öffentlichkeit – die Pläne für den Abbau von weltweit 6900 Arbeitsplätzen verkünden.

Unglücklich sei das zeitliche Zusammentreffen, wird im Umfeld von Siemens eingeräumt. Allerdings sei der Besuch schon sehr lange geplant gewesen. Hull ist in diesem Jahr britische Kulturhauptstadt, und wer versetzt schon gern die Queen.

Zudem, wird in Industriekreisen betont, habe schon immer der Personalvorstand die Verhandlungen im Wirtschaftsausschuss geführt. Bei anderen Dax-Konzernen sei dies auch zum Beispiel bei Arbeitskämpfen nicht anders. Es sei dann nur konsequent gewesen, dass Kugel die Pläne auch der Öffentlichkeit vorgestellt habe.


Personalchefin Kugel verteidigte am Freitag in einem Interview im Siemens-Intranet die Maßnahmen: „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es sich nicht um eine kurzzyklische Abschwächung der Nachfrage, sondern um eine strukturelle und damit dauerhafte Veränderung in dieser Industrie handelt“, sagte sie. Die Mitarbeiter merkten dies als erste. „Sie sehen selbst die leeren Hallen.“ Nur profitable Geschäftsbereiche sicherten langfristig Investitionen und Arbeitsplätze.

Die Entscheidung sei nicht leichtfertig gefallen, sagte Kugel. „Glauben Sie mir, wir entscheiden uns nicht leichtfertig zu Schließungen.“ Ziel sei es, ohne Kündigungen auszukommen. „Aber ich wage dieses Mal keine Prognose, ob uns das mit den bisherigen Instrumenten gelingt.“

Die Kürzungspläne sehen die Schließung der Gasturbinenwerke in Leipzig und Görlitz vor – aus Sicht der Gewerkschaft ein Tabubruch. Insgesamt sollen in Deutschland 3400 Stellen wegfallen.


Bundesweit formierte sich der Protest, in Berlin demonstriertem am Freitag 1300 Mitarbeiter gegen die massiven Einschnitte. In Leipzig verließen 500 Beschäftigte vorzeitig Betriebsversammlung. „Sie sind hochgradig enttäuscht von der angekündigten Planung und können das in keinster Weise nachvollziehen“, sagte Betriebsratsvorsitzender Mario In der Au. Die Stimmung sei explosiv gewesen. „Es sind Tränen geflossen.“

Auch der Betriebsrat positioniert sich. „Diese Ankündigung von Standortschließungen und von Personalabbau, der angeblich aus Strukturgründen alternativlos ist, das ist für uns gar keine Basis für Verhandlungen“, sagte Siemens-Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn. Betriebsbedingte Kündigungen würden zu einem „ernsthaften Zerwürfnis“ zwischen Belegschaft und Management führen.

Noch deutlicher wurde Jürgen Kerner, Hauptkassierer der IG Metall und Siemens-Aufsichtsrat: „Für ein Unternehmen wie Siemens grenzt diese Mischung aus Tatenlosigkeit und Einfallsarmut an einen Offenbarungseid des Managements.“


Siemens-Chef Kaeser hatte sich bereits vor ein paar Tagen zu dem Plänen geäußert. „Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, dann müssen wir reagieren“, sagte er. Die Details musste dann Personalchefin Kugel im Wirtschaftsausschuss erläutern.

Doch die Visite in Hull hatte auch ihr Gutes: Auch die Windkrafttochter Siemens Gamesa kann gute Nachrichten und schöne Bilder gebrauchen. Denn auch bei dem neuformierten Windkraftriesen will Siemens 6000 Stellen streichen.