Toxische Mischung: China steht vor großen Herausforderungen

Chinas Präsident Xi Jinping ist stärker denn je. Doch er muss aufpassen, dass das Land nicht der nächste Lehman-Fall wird.

Xi Jinping, der starke Mann Chinas, ist jetzt noch mächtiger. Einstimmig wurde er vor wenigen Tagen von der chinesischen Volksversammlung für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Die Beschränkung für Präsidenten auf zwei Legislaturperioden hatten die Abgeordneten zuvor aufgehoben. Xi steht aber vor einer extrem schweren Amtszeit. Er muss aufpassen, dass China nicht der nächste Lehman-Fall wird.

Ein Beispiel für die aktuell schwierige Lage Chinas ist die Folgen der Ein-Kind-Politik, die immer dramatischer wird. Das Land droht zu vergreisen. Einem Bericht der in Peking ansässigen China Renmin University zufolge ist die chinesische Erwerbsbevölkerung im Alter von 15 bis 59 Jahren innerhalb der letzten fünf Jahre um 20 Millionen Menschen zurückgegangen. Die Forscher erwarten, dass die erwerbstätige Bevölkerung vom einstigen Höchststand von 925 Millionen im Jahr 2011 bis 2050 auf 700 Millionen Menschen schrumpfen wird.

China ist bemüht, sich wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Das Land will immer stärker von einem Produktions- zu einem Innovationsstandort werden. Damit einhergehend wird sich die Wachstumsdynamik verlangsamen. Doch insgesamt wird nur ein kleinerer Teil der Bevölkerung positiv von dieser Veränderung profitieren.


Das könnte kritisch werden, denn die hohe Beliebtheit der Partei und der Regierung in China fußt auf dem wachsenden Wohlstand großer Teile der Bevölkerung. Entsprechend bereitet sich die China auch auf die Änderung des Wachstumsmodells vor. So soll die digitale Kontrolle ausgeweitet werden, bis hin zu einer Art der digitalen Diktatur. Gleichzeitig werden die Befugnisse der parteiinternen Einheit zur Korruptionsbekämpfung massiv ausgeweitet. So kann aufkommende Kritik oder Widerstand frühzeitig erkannt, unterdrückt oder gar verhindert werden.

Die chinesische Volkspartei hat ihre Macht nachhaltig gefestigt. Doch die mittel- und langfristigen Folgen dieser politischen Veränderungen auf die wirtschaftliche Entwicklung sind unklar. Eine nachhaltig positive Entwicklung einer innovationsgetriebenen Volkswirtschaft in einem solch repressiven System ist jedenfalls eine systempolitische Herausforderung.

Es gibt aber auch bedeutende kurzfristige Herausforderung für China, allen voran die steigende Verschuldung. Diese ist bereits gefährlich hoch. Sie ist zu einem erheblichen Risiko für die konjunkturelle und finanzielle Stabilität des Landes angeschwollen. Daran bestehen wohl kaum Zweifel. Mit über 29 Billionen US-Dollar ist der chinesische Schuldenberg der zweithöchste der Welt, die Schuldenquote mit mehr als 250 Prozent ist für eine heranreifende Volkswirtschaft enorm und ihr Anstieg von über 100 Prozentpunkten in den letzten zehn Jahren ist gigantisch. Nicht von ungefähr ziehen der IWF und die BIZ schon seit geraumer Zeit Parallelen zu Ländern, deren Schuldenexzesse letztlich krisenhaft endeten: Japan in den 1980er Jahren, Thailand in den 1990ern oder Spanien nach der Jahrtausendwende. Auch China könnte auf solch eine Krise zusteuern.

Kritisch ist vor allem die hohe Verschuldung des Unternehmenssektors, der mit über 160 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) weltweit seinesgleichen sucht. Dahinter verbergen sich zu einem nicht unerheblichen Teil unsolide, „versteckte“ Staatsschulden. Das sind staatseigene Unternehmen, deren Verschuldung rund doppelt so hoch ist wie die der rein privaten Betriebe. Die Ertragskraft dieser Unternehmen geht aber gegen Null.

Bei diesen Unternehmen handelt es sich um Industriebetriebe, die ohne die subventionierten Kredite der Staatsbanken längst insolvent wären. Sie werden jedoch von Peking künstlich am Leben erhalten. In diesem Bereich gehören aber auch dubiose Zweckgesellschaften, die im Namen von Provinzregierungen Kredite aufgenommen haben. Und über allem schwebt das Damoklesschwert eines völlig überteuerten Immobilienmarktes. Platzt dort die Blase, wären weite Teile der Wirtschaft betroffen, denn fast die Hälfte aller Kredite hängt direkt oder indirekt mit dem Immobilienmarkt zusammen.


Das alles ist eine toxische Mischung: Ob China tatsächlich in eine Krise abgleitet, ist schwer vorherzusagen – geschweige denn, wann. Das Risiko ist jedoch alles andere als gering. Letztlich könnte durch eine Korrektur der Häuserpreise, durch einen Konjunkturabschwung, aber auch durch den Kollaps eines Großkonzerns eine ganze Welle von Kreditausfällen losgetreten werden.

Was aber heißt das für die Weltwirtschaft? Dass China ein zweiter „Lehman-Moment“ droht, wie bisweilen befürchtet wird, dagegen spricht einiges. Peking dürfte gute Chancen haben, eine systemische Finanzkrise abzuwenden: Die Finanzkraft der Zentralregierung ist hoch, ihre Verschuldung mit unter 50 Prozent des BIP moderat und sie ist kaum von ausländischen Gläubigern abhängig. Sie könnte die Banken ausreichend kapitalisieren und auch Privatunternehmen, wie zuletzt auch den Versicherungskonzern Anbang, auffangen und würde dies wohl sicherlich auch tun.

Die Ansteckungsgefahren für das globale Finanzsystem erscheint mir ebenfalls überschaubar, denn die chinesischen Banken sind international wenig vernetzt. Problematischer sind da schon die inzwischen zahlreichen weltweiten Beteiligungen hochverschuldeter chinesischer Unternehmen, wie der völlig undurchsichtigen HNA-Gruppe. Durch Schieflagen dieser Anteilseigner könnten auch die Unternehmen hierzulande, an denen Chinesen beteiligt sind, unter Druck geraten.

Auf jeden Fall aber dürfte Chinas Konjunktur den Belastungen, die von eventuellen Erschütterungen im Bankensektor ausgingen, kaum standhalten und das wäre dann weltweit zu spüren. Damit stellt die Verschuldungsproblematik in China ein ganz beträchtliches Konjunkturrisiko dar – und das nicht nur für das Land selbst. Auch die aktuell sehr gut laufende Weltkonjunktur könnte darüber mächtig ins Stolpern geraten.