Toptalente dringend gesucht: Warum im Consulting und bei Wirtschaftsprüfern ein Personalmangel droht

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Die Beratungsbranche ist für interessante Kundenprojekte und üppige Gehälter ebenso bekannt wie für unorthodoxe Arbeitszeiten. Daran hat sich trotz einer sich wandelnden Arbeitswelt noch wenig geändert. Ein Job in der Unternehmensberatung oder bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ist bei gerade bei vielen Absolventen begehrt. Jetzt allerdings droht der Branche ein kräftiger Personalmangel.

Eine aktuelle Umfrage des Handelsblatts ergab, dass die zehn führenden Beratungsfirmen und die zehn führenden Wirtschaftsprüfungen in Deutschland 2021 und 2022 insgesamt fast 27.000 Consultants und Prüfer einstellen wollen. Befragt wurden 20 Firmen, unter ihnen die Wirtschaftsprüfer EY, PwC und Deloitte. Sie planen je rund 5000 Neueinstellungen. Die Strategieberatung McKinsey kalkuliert mit über 1000 zusätzlichen Consultants. Die Boston Consulting Group rechnet allein im laufenden Jahr in Deutschland und Österreich mit über 800 Neueinstellungen über alle Bereiche hinweg. Etwas mehr als zwei Drittel davon sind Beraterinnen und Berater.

„Die meisten Beratungen, vor allem die großen Firmen, starten nach der Corona-Delle gerade massiv durch“, sagt Bianka Knoblach, Geschäftsführerin der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management und Beratung (WGMB) in Bonn. „Ihre Umsätze wachsen wieder rasant an.“

Für 2021 und 2022 erwarten die Beratungs- und Prüfungshäuser kräftige Gewinne. Laut des Marktforschungsinstituts Lünendonk erwarten sie für 2021 ein durchschnittliches Wachstum von 8,7 Prozent – und bis 2026 jährliche Wachstumsraten von zehn bis elf Prozent. Auch die 25 nach Umsatz größten deutschen Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften wuchsen 2020 im Mittel um 5,3 Prozent. Besonders gefragt sind die Dienste von IT-Beratungen. Allein die 20 führenden mittelständischen deutschen IT-Beratungen wuchsen 2020 um durchschnittlich 4,7 Prozent mit Umsätzen in Höhe von 3,6 Milliarden Euro. Treiber sind etwa die Themen Digitalisierung, Transformation und Nachhaltigkeit.

Im Consulting gibt es mehr Aufträge als Fachkräfte

Dafür braucht es Personal. Doch der Zustrom an Bewerbern, an den die Häuser gewöhnt sind, droht laut der Handelsblatt-Umfrage abzuebben. „Neue Aufträge an Land zu ziehen, ist für Beratungen aktuell einfacher als das Rekrutieren qualifizierter Fachkräfte, die die Aufträge auf dem gewohnt hohen Leistungsniveau abarbeiten“, bestätigt Beratungsexpertin Knoblach. „Der Wettbewerb der Berater untereinander wird aktuell mit weit härteren Bandagen ausgetragen als in der Projektakquise.“

Der Grund dafür sei vor allem das rasante Umsatzwachstum vieler Beratungsfirmen. Die Nachfrage bei den Jungen nach einer Karriere in der Managementberatung sei unverändert. „Trotz Wirecard-Skandal und hipper Start-up-Phantasien zieht es noch immer sehr viele Nachwuchskräfte zu den arrivierten Managementberatern“, beobachtet Expertin Knoblach. „Es sind vielleicht in der Summe nicht mehr so viele, aber weiterhin sehr viele Top-Talente, also die zehn besten Prozent eines Jahrgangs.“

Jüngere kämen eben nur nicht mehr zu den traditionellen Bedingungen, sondern nach ihren ganz eigenen Vorstellungen. „Sie leitet vor allem eine Frage: Was bringt mich in meiner persönlichen Entwicklung weiter?“, sagt Knoblach. Genau dafür lässt das Projektleben aber wenig Raum. Es sei extrem arbeitsintensiv. „Ein acht, neun oder auch zehn Stundentag sei meist illusorisch. „60-Stunden-Wochen sind in manchen Projektphasen Wohlfühlzeiten.“

Die Erwartungen von immer mehr jungen Bewerberinnen und Bewerbern an den Job unterscheiden sich davon massiv. Sie verlangen deutlich mehr Raum für das eigene Leben als frühere Generationen und zeigen nicht mehr den von vielen Arbeitsstunden unabhängigen Ehrgeiz für den Beraterjob, der nötig ist, um es mit den vielen Stunden aufzunehmen.

„Das Projekt bringt mir nichts – ich will auf ein anderes“

„Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einem altgedienten Partner eines der führenden Beratungsunternehmen unterhalten“, sagt Knoblach. „Er hat mir sein Leid geklagt. ‚Wenn wir früher auf ein Projekt gesetzt wurden‘, sagte er, ‚dann haben wir ohne zu Murren alles gegeben, um das Projekt zu einem Erfolg zu machen. Wenn ich heute einen jungen Berater auf ein Projekt setze, dann kann es sein, dass er nach fünf Tagen bei mir im Büro steht und sagt: Das Projekt bringt mir nichts. Ich will auf ein anderes Projekt, sonst gehe ich. Und das Schlimme ist, sagte mein Gesprächspartner etwas fassungslos: Wenn ich nicht tue, was er will, dann geht er wirklich.‘“

Mit einer sinkenden Arbeitsbelastung rechnet in der Branche allerdings niemand. Sie wird in Zukunft nicht weniger, zeigt die aktuelle Geschäftsklima-Befragung Consulting unter Unternehmens- und Personalberatern im Juni durch den Bund Deutscher Unternehmensberater (BDU). Zwar gibt es weniger Dienstreisen als vor der Krise, doch die Arbeitsverdichtung und die Arbeitsbelastung bleiben überdurchschnittlich hoch.

„Selbst wenn einem Beratungsunternehmen die Work-Life-Balance seiner Beraterinnen und Berater am Herzen liegt, in der Projektarbeit lässt sich da meist nicht viel machen“, sagt Knoblach. Zugleich seien Top-Talente Top-Talente heute ein knappes Gut. „Ihre Verhandlungsmacht ist groß - und viele nutzen sie zu ihrem eigenen Vorteil. Beratungsunternehmen müssen diesen Machtverhältnissen auf dem Arbeitsmarkt Rechnung tragen.“

Der Markt ist im Umbruch, die Arbeitsorganisation wandelt sich. Immer mehr Berater arbeiten ortsunabhängig, „on demand“ und zeitnah. Allerdings könnten virtuelle Vergabeprozesse die Wettbewerbsintensität in der Consultingbranche noch verschärfen: Laut BDU werden in Zukunft pro Beratungsmandat von Kundenunternehmen mehr Unternehmensberatungen ein Angebot abgeben.

Beratungen: "Startrampe für eine Nach-Berater-Karriere"

Ein Vorteil bleibt: Beratungen und Wirtschaftsprüfungen bieten Einsteigerinnen und Einsteigern nach wie vor innovative Projekte und Fragestellungen, interessante Kundenunternehmen und ein Umfeld von Gleichgesinnten. Genau das schätzen so viele.

„Es gibt kaum eine Branche, die so viele Möglichkeiten hat, ihren Nachwuchskräften zwischen zwei Projekten attraktive Angebote zu machen“, sagt Expertin Knoblach. „Zur Weiterbildung, für soziale Projekte, als Familienzeit. In dieser Hinsicht haben Beratungsunternehmen einen systemimmanenten Vorteil gegenüber den allermeisten anderen Branchen. Und den spielen sie immer mehr aus."

Sie werden immer besser darin, sich auf die Bedürfnisse der jungen, sehr fordernden Generation einzustellen - müssen Talente allerdings auch anders ansprechen, für sich gewinnen und halten. „Und das gilt im Zuge von Diversity nicht mehr nur für weibliche Talente“, betont Knoblach.

Consultants ihrerseits waren schon immer gut darin, auch selbst strategisch vorzugehen. Viele betrachten die Zeit in der Branche nicht als Endziel ihrer Karriere, sagt sie. „Sie sehen es als intellektuellen Durchlauferhitzer, als Startrampe für eine Nach-Berater-Karriere, die viele dann doch in die Start-up-Szene, in die Private-Equity-Community oder in die Konzernwelt führt.“

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