Top-Manager verrät, warum er mit „fake it, till you make it“ bei Amazon scheiterte und mit welcher Strategie er bei Facebook erfolgreich war

Dan Rose arbeitete in Führungspositionen bei Amazon und Facebook. - Copyright:  Roy Rochlin/Getty Images
Dan Rose arbeitete in Führungspositionen bei Amazon und Facebook. - Copyright: Roy Rochlin/Getty Images

Dan Rose hatte 20 Jahre lang in Führungspositionen bei Amazon und Facebook inne. Von Mai 1999 bis Juli 2006 arbeitete er bei Amazon als Director für Business Developement und verantwortete unter anderem die Entwicklung von Kindle. Amazon war sein erster richtiger Arbeitgeber, erzählt Rose in einem Tweet. Und er erinnert sich auch, dass er damals geglaubt habe, dem Leitsatz„fake it, till you make it“ folgen zu müssen.

Zu der Zeit sei er umgeben gewesen von brillanten Menschen mit starken Meinungen. „Jeder schien genau zu wissen, wovon er sprach, und Jeff Bezos war der klügste Mensch im Raum“, erinnert sich Rose. Er habe das Gefühl gehabt, dass nur die Stärksten überlebten. Daher habe er gedacht, er müsse volles Selbstvertrauen ausstrahlen – auch, wenn er dies vielleicht gar nicht gehabt habe. Nachdem er zum Merchandise Manager befördert wurde, habe man ihn zum Beispiel nach der Prognose für den Bruttogewinn und den Deckungsbeitrag gefragt. „Ich verstand diese Konzepte damals kaum, gab aber vor, klare Antworten zu haben“, schreibt Rose rückblickend.

Im Nachhinein sei ihm klargeworden, dass er damals am Hochstapler-Syndrom gelitten habe. So habe seine Stimme gezittert, wenn er Präsentationen vor Jeff Bezos halten musste und manchmal sei er bei Vorträgen regelrecht erstarrt. „Ich kam nicht gut mit dem Druck zurecht, alle Antworten kennen zu müssen und immer recht zu haben.“ Letztendlich seien auch seine Selbstzweifel ein Teil der Gründe gewesen, warum seine Karriere bei Amazon schließlich zu Ende gegangen sei und er zu Facebook gewechselt habe – wo er eine ganz andere Arbeitskultur kennenlernte.

Im Vorstellungsgespräch bei Facebook gab Mark Zuckerberg zu, nicht viel Erfahrung zu haben

Das Bewerbungsgespräch mit Mark Zuckerberg sei anfangs sehr seltsam gewesen, erinnert Rose sich. Der Facebook-Gründer habe einfach nur dagesessen und ihn angestarrt. Irgendwann habe er den Raum verlassen und sei fünf Minuten später zurückgekommen. Seine Erklärung: „Das tut mir leid. Ich habe nicht viel Erfahrung mit Interviews mit Geschäftsleuten, also musste ich meinen COO anrufen, um mehr Kontext zu bekommen.“

Und auch eine andere Situation ist Rose laut seinen Tweets sehr in Erinnerung geblieben, nämlich als Zuckerberg während eines Meetings mit dem Facebook-Management-Team erklärt habe: „Ich weiß, dass ich keine Geschäftserfahrung habe, und ich weiß euer Vertrauen in mich zu schätzen. Ich verspreche euch, dass ich hart arbeiten werde, um zu lernen, was es braucht, um CEO zu sein.“

Das habe Rose sehr beeindruckt, schreibt er. Auch wenn Zuckerberg zu diesem Zeitpunkt erst 22 Jahre alt gewesen sei, habe er da bereits verstanden, wie mächtig Ehrlichkeit und Demut seien. Anstatt so zu tun, als hätte er alle Antworten, sei er selbstbewusst genug gewesen, um zuzugeben, dass er immer noch lerne. „Das war etwas verwirrend, aber ich fand es auch inspirierend und befreiend“, schreibt Rose. Er beschreibt Zuckerberg als intensiv, anspruchsvoll und entschlossen, aber auch geduldig und freundlich.

Rose hatte keine Angst mehr, unwissend oder schwach zu wirken

Kurz nachdem Rose bei Facebook gestartet war, wurde er zum Leiter der Vermarktungsabteilung befördert. Damals habe er seinem neuen Team eine Menge Fragen zu den Mechanismen und den Werbe-Anzeigen bei Facebook gestellt. Das Team sei von seiner Unerfahrenheit sehr überrascht gewesen. „Aber sie waren auch beeindruckt von meinem Selbstvertrauen und meinem Wunsch, wirklich zu verstehen, wie das System funktioniert.“

Während seiner gesamten Zeit bei Facebook habe Rose immer wieder Fragen gestellt, wenn er etwas nicht wusste oder verstand – ohne Angst davor, unwissend oder schwach zu wirken. Zuckerberg sei hier ein absolutes Vorbild gewesen, und auch Sheryl Sandberg habe dieses Verhalten vorgelebt. „Meine Karriere blühte unter den beiden auf. Und meine Stimme hat nie gezittert.“

Dan Rose mit Mark Zuckerberg (l.) und Sheryl Sandberg (r.). - Copyright: Drew Angerer/Getty Images
Dan Rose mit Mark Zuckerberg (l.) und Sheryl Sandberg (r.). - Copyright: Drew Angerer/Getty Images

Man kann ruhig zugeben, etwas nicht zu wissen – und dann daran arbeiten

Mittlerweile ist Dan Rose im Vorstand der Investmentgesellschaft Coatue. Auch in dieser Position habe er nie Angst gehabt, Fragen zu stellen – immerhin ist es eine ganz neue Branche, die andere Fähigkeiten erfordert als die Tech-Industrie. Rose zitiert den Ex-CEO von Disney, Bob Iger, aus dessen Buch „The Ride of a Lifetime“: „Deine Unerfahrenheit darf keine Entschuldigung für dein Versagen sein. Was macht man also in einer solchen Situation? Die erste Regel lautet: nichts vortäuschen.“

Man müsse bescheiden sein und nicht so tun, als sei man jemand, der man gar nicht ist. Aber: In einer Führungsposition dürfe Bescheidenheit euch nicht daran hindern, euer Team zu führen. Das sei ein schmaler Grat, schreibt Iger in seinem Buch. Doch nichts sei weniger vertrauenerweckend als eine Person, die Wissen vortäusche, das sie nicht habe: „Wahre Autorität und echte Führungsqualitäten entstehen, wenn man weiß, wer man ist, und nicht vorgibt, etwas anderes zu sein.“

Während seiner Karriere hat Dan Rose eigenen Aussagen nach also vor allem gelernt, dass selbstbewusste Führungskräfte sich nicht davor scheuen, zuzugeben, wenn sie etwas nicht wissen – und dann daran arbeiten, dies zu ändern. Seine drei wichtigsten Erkenntnisse: „Ehrlichkeit schafft Vertrauen. Bescheidenheit öffnet die Tür zum Lernen. Neugierde führt zu Verständnis.“