Toni Kroos: Das entscheidende Rädchen

Toni Kroos ist Dreh- und Angelpunkt von Real Madrid – ohne dabei im Mittelpunkt zu stehen.

Real Madrid setzte sich im UEFA Supercup gegen Manchester United durch und komplettiert die vergangene Saison. Mal wieder mittendrin: Toni Kroos, der Titel um Titel sammelt, das Team leise führt – und so zu einem der besten deutschen Fußballer aller Zeiten gereift ist.

Von Ben Barthmann

27 Jahre alt, geboren in Greifswald, Hobbys sind Fußball und ein wenig Basketball: Was auf den ersten Blick nach einem Master-Studenten klingt, der sich für eine Stelle bewirbt, ist tatsächlich einer der besten deutschen Fußballer dieser Zeit. Toni Kroos hat seit seinem Wechsel im Sommer 2014 vom FC Bayern München zu Real Madrid einen enormen Wandel vollzogen und darf sich nach dem gewonnenen Supercup über Titel Nummer 24 in seiner Sammlung freuen.

Auf der Habenseite stehen neben der spanischen und deutschen Meisterschaft inzwischen auch Titel in der Champions League, Pokalsiege in Deutschland, mehrere Klub-Weltmeisterschaften, deutsche Supercup-Siege sowie vier Triumphe im UEFA-Supercup. Und natürlich die Weltmeisterschaft von 2014.

Toni Kroos ist der heimliche Star von Real Madrid

Eine beeindruckende Sammlung, für Kroos aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Mit 27 Jahren ist er im besten Fußballeralter, mancher würde wohl gar mutmaßen, dass die besten Jahre erst begonnen haben. Der Vertrag in Madrid wurde kürzlich bis Sommer 2022 verlängert und ist ein Zeichen der Wertschätzung eines der größten Vereine der Welt. Mit Trainer Zinedine Zidane vertraut ihm obendrein ein ehemaliger Weltklasse-Mittelfeldspieler blind.

Und Kroos zahlt all das Vertrauen zurück. Beim 2:1-Erfolg über Manchester United war er einmal mehr Strippenzieher im Mittelfeld der Königlichen. Er gibt stets den Takt an, balanciert die Mannschaft aus, verbindet eine Weltklasse-Defensive mit einer Weltklasse-Offensive. Das alles, das versteht sich von selbst, über 90 Minuten und auf einem konstant guten Niveau.

Toni Kroos spulte einmal mehr 90 überragende, völlig unaufgeregte Minuten ab. REUTERS/Ognen Teofilovski

Es sind nicht die spektakulären Momente, die das Spiel von Kroos zeichnen, sondern die nie zur Diskussion stehende, nahezu immer fehlerfreie Leistung in seiner Rolle. Für 8,4 Prozent der letztlich etwas mehr als 63 Prozent Ballbesitz Real Madrids war der deutsche Nationalspieler verantwortlich.

Von 76 gespielten Bällen erreichten 73 ihr Ziel, das ist nochmal einen Tick besser als Nebenmann Luka Modric (93%, 66/71). Schon im internen Vergleich führt Kroos das Ranking an, sticht aber bezogen auf die 22 Feldspieler des Duells erst richtig heraus. Er spielte letztlich 30 Bälle mehr als jeder Spieler von Gegner Manchester United.

Kroos’ Leistungen sind selbstverständlich geworden

Dort spielten mit Paul Pogba, Nemanja Matic und Marouane Fellaini in der Zentrale immerhin Stars im Transferwert von 183 Millionen Euro. Doch das Trio aus Kroos, Modric und Casemiro sicherte sich schnell die Feldhoheit.


In Spanien sprach man derweil im Anschluss an den Supercup weniger über Kroos, sondern vielmehr über Mitspieler Isco und Ex-Real-Trainer Jose Mourinho. Auch ein Zeichen dafür, wie selbstverständlich die Leistungen des Deutschen inzwischen geworden sind. Und Kroos? Der fand Anlass zu leichter Kritik: „Ich glaube, dass wir 70 bis 75 Minuten wirklich hervorragend gespielt haben. Bis dahin hätten wir das Spiel auch entscheiden können. So wurde es am Ende doch nochmal eng.“

Kroos: Kein Lautsprecher, aber Mann deutlicher Worte

Auch das macht den ehemaligen Spieler des FC Bayern München inzwischen aus. Kroos ist nicht unbedingt ein Lautsprecher, wird er aber gefragt, hält er mit seiner Meinung nicht zurück und findet auch am dominantesten Sieg noch ein, zwei Dinge, die zu verbessern sind. Es verwunderte dementsprechend nicht, dass er direkt im Anschluss an einen Pokalgewinn schon wieder nach vorne blickte: „Man kann davon ausgehen, dass unser Titelhunger nie nachlässt. Aber das wird bei anderen Vereinen ähnlich sein.“

Etwa bei eben jenem FC Bayern, den er 2014 hinter sich ließ. Man darf sich fragen, inwiefern eine andere Entscheidung gewirkt hätte. Die Bayern hätten sich in diesem Sommer über Kroos gefreut, doch hätte er diese Entwicklung auch in München vollzogen?

Toni Kroos: Das entscheidende Rädchen eines herausragenden Teams

Herausfinden wird es die Fußball-Welt nicht. Das muss auch gar nicht sein, denn dieser Kroos aus der spanischen Hauptstadt ist zu einem der besten aktiven Fußballer aufgestiegen und darf sich damit auch an der Spitze der deutschen Fußballer sehen.

Inwiefern ein Vergleich mit positionsfremden Konkurrenten wie Manuel Neuer oder Mats Hummels ziehführend ist, ist eine andere Geschichte. Auch ein Xavi kam in der Wahl zum Weltfußballer des Jahres nie an den prägenden Offensivspielern der Saison vorbei. Kroos kann aber dort glänzen, wo er bisher schon immer glänzt: Als entscheidendes Rädchen einer herausragenden Mannschaft.

Und die Titelsammlung muss nicht unbedingt individuell erweitert werden. Am Sonntag wartet der spanische Supercup gegen den FC Barcelona. Und ob man es glaubt oder nicht: Dieser Titel fehlt Kroos tatsächlich noch.

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