Meine Tochter nahm sich mit 16 Jahren das Leben: Wie das passieren konnte, sollte jeder wissen

Renate S.
Marina hat sich Jahre später das Leben genommen. Ihre Mutter erzählt ihre Geschichte.

Der Raum ist winzig und ohne Tageslicht. Es gibt nur eine Matratze auf dem Boden, sonst nichts. Keine Beschäftigungsmöglichkeiten, keine sozialen Kontakte, keine Musik, keine frische Luft. Vollkommene Isolation.

Dieser sogenannte Time-Out-Raum befindet sich in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayern.

Ich sehe meine Tochter Marina, wie sie in diesem Raum auf dem Boden sitzt. Allein, hilflos, einsam und ausgeliefert.

Jeder gesunde Mensch, der mehrere Tage in so einem Raum verbringen müsste, würde krank werden.

Wir waren eine ganz normale Familie. 15 Jahre lang. Mutter, Vater und Tochter.

Marina hatte ein schönes Leben mit uns. Wir sind viel verreist, machten Ausflüge, haben es uns gut gehen lassen. Marina spielte Klavier, ging zum Klettern, war künstlerisch sehr aktiv. Es war eine heile Welt.

Ich hätte mir nie vorstellen können, dass meine Tochter depressiv werden könnte

Wenn sie mich auf den Kinderfotos anstrahlt, frage ich mich: Wie konnte das passieren? Wieso genau in unserer Familie?

Marina war ein sehr interessiertes, wissbegieriges Mädchen. Sie hinterfragte viel, hatte einen ausgeprägten Humor. Im Kindergarten sagte eine Erzieherin zu uns, sie vermute eine Hochbegabung bei Marina.

Testen ließen wir sie nach der sechsten Klasse an der Universität. Die Hochbegabung wurde bestätigt.

Sie war anders als die Gleichaltrigen. In ihrer geistigen Entwicklung war sie sehr weit. Ohne viel lernen zu müssen, schrieb sie immer gute Noten. Es flog ihr alles zu.

Das kam gewiss bei einigen Mitschülern nicht so gut an. Die Klassenkameraden ignorierten sie immer mehr. Bei Gruppenarbeiten wollte keiner mit ihr zusammenarbeiten. Beim Sport wurde sie als Letzte aufgerufen, wenn sich Teams bildeten. Sie wurde ausgegrenzt und wusste sich nicht zu wehren.

Zu Hause flossen deswegen oft Tränen. “Lieber wäre ich nicht so klug und hätte dafür mehr Freunde”, sagte sie zu mir.

Für Marina wurde die Situation in der Klasse immer...
Weiterlesen auf HuffPost